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Der Grower von nebenan

Erste Ergebnisse des deutschsprachigen Global Cannabis Cultivation Survey
Publiziert am: 13.11.13 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Bernd Werse

Der Global Cannabis Cultivation Survey (GCCS) ist ein internationales Projekt zur Erforschung des Cannabisanbaus, für das Online-Umfragen in diversen Ländern in Europa, Nordamerika und Ozeanien durchgeführt wurden bzw. werden. Das Centre for Drug Research an der Frankfurter Goethe-Universität stellte Ende November 2012 die deutschsprachige Version des GCCS online; die Befragung richtete sich an Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bis zum Ende der Erhebung im Mai 2013 hatten insgesamt 1.561 Personen den Fragebogen komplett ausgefüllt, die mindestens einmal im Leben Cannabis angebaut haben, mindestens 18 Jahre alt sind und in einem der drei angegebenen Länder leben. Damit liegen im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal Erkenntnisse über eine größere Stichprobe von Growern vor.
Zu den Forschungsschwerpunkten des GCCS gehören die wesentlichen Charakteristika von Cannabis Anbauenden, die Gründe für das Growen und etwaige Probleme in diesem Zusammenhang, inklusive Begegnungen mit der Strafverfolgung. Wenn die internationalen Daten zusammengeführt und analysiert sind, können auch Unterschiede zwischen Growern aus unterschiedlichen Ländern herausgearbeitet werden. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf Ergebnisse der deutschsprachigen Erhebung. Nach Bereinigung der Daten wurden 1.339 Fragebögen aus Deutschland (86% der Stichprobe), 123 aus Österreich (8%) und 99 aus der Schweiz (6%) ausgewertet. Der in der Anzahl der Befragten repräsentierte Anteil an der jeweiligen Gesamtbevölkerung (Schweiz: Anteil an der deutschsprachigen Gesamtbevölkerung) ist in den drei Ländern nahezu gleich groß. Dies deutet darauf hin, dass der Cannabisanbau in Deutschland, Österreich und der Schweiz ähnlich stark verbreitet sein dürfte.

Soziodemographische Daten
Der bzw. die durchschnittliche Befragte ist 28,9 Jahre alt, wobei die Altersspanne von 18 bis 75 reicht. 95% der Teilnehmenden sind männlich – hier zeigt sich eine noch deutlichere Überrepräsentation von Männern als bei anderen Befragungen zum Umgang mit illegalen Drogen. Mit insgesamt 11% ist der Anteil der Befragten mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung relativ niedrig. 56% verfügen über einen höheren Schulabschluss (Abitur o.ä.). Dieser Anteil ist wiederum höher als der in der Gesamtbevölkerung. Das Bildungsniveau ist also vergleichsweise hoch, wobei einschränkend betont werden muss, dass Personen mit höherem Bildungsniveau auch generell eher dazu bereit sind, an Befragungen teilzunehmen. 36% arbeiten in Vollzeit, 38% sind Schüler(in), Student(in) oder in Ausbildung und 10% arbeitslos.

Drogenerfahrungen
Fast alle Befragten (über 99%) haben Konsumerfahrungen mit Cannabis. 39% haben am Tag der Befragung zuletzt konsumiert, sind also mit großer Wahrscheinlichkeit tägliche Konsumenten. Weitere 37% haben nicht am selben Tag, aber in der letzten Woche konsumiert und 12% nicht in der letzten Woche, aber in den letzten 30 Tagen. Insgesamt sind also 88% der Befragten als aktuelle (mindestens monatliche) Cannabiskonsumierende einzustufen. Dabei wird bei weitem nicht nur von der Eigenproduktion gezehrt: 59% derer, die im letzten Monat Cannabis konsumiert haben, haben in diesem Zeitraum (auch) Haschisch und/oder Marihuana konsumiert, das sie nicht selbst angebaut haben.
Der Konsum anderer illegaler Drogen ist bei knapp einem Drittel der Befragten verbreitet: 30% haben in den letzten 12 Monaten irgendeine illegale Substanz außer Cannabis zu sich genommen, am häufigsten psychoaktive Pilze (15%), Amphetamin/ Speed, Ecstasy/ MDMA (jeweils 14%), LSD und Kokain (jeweils 7%). Drogen wie Crystal Meth (2%), Heroin (1%) oder Crack (0,5%) spielen hingegen praktisch keine Rolle. 8% haben in den letzten 12 Monaten „Räuchermischungen“, andere „Legal Highs“ oder „Research Chemicals“ gebraucht.
Alkoholkonsum ist in der Stichprobe etwa genauso stark verbreitet wie in der deutschen Gesamtbevölkerung: 67% haben in den letzten 30 Tagen mindestens einmal getrunken. Aktuelle Raucher(innen) gibt es hingegen etwa doppelt so viele wie in der Allgemeinbevölkerung: 64% haben in den letzten 30 Tagen Zigaretten geraucht – ein Ergebnis, das sich ähnlich auch in anderen Untersuchungen zum Cannabiskonsum zeigt.

Wissen um den Cannabisanbau und dessen Modalitäten
Obwohl sich die Befragung an alle Personen richtete, die mindestens einmal in ihrem Leben Cannabis angebaut haben, rekrutiert sich die Mehrheit der Befragten aus Personen, die dies auch aktuell tun: 69% geben an, in den letzten 12 Monaten angepflanzt zu haben.
Der größte Teil der Befragten betreibt Indoor-Anbau: 48% geben an, ausschließlich in geschlossenen Räumen zu growen, 28% nutzen sowohl Heimanlagen als auch Außenbereiche und 24% bauen nur Outdoor-Cannabis an. Hier zeigt sich ein Unterschied zwischen den Ländern: Befragte aus der Schweiz pflanzen im Unterschied zu den übrigen Antwortenden etwa gleichermaßen oft Indoor oder Outdoor an. Unter denjenigen, die im Freien anbauen, wird häufiger „Guerilla-Growing“ betrieben als dass eigene Flächen dafür genutzt werden: als häufigster Anbauort wird unter diesen Befragten mit 35% der Wald bzw. Waldlichtungen genannt, gefolgt von Feldern/ Brachflächen (22%). Erst danach folgen Gärten (21%), der heimische Balkon (16%) sowie Dächer bzw. Dachterrassen (3%).
Das ‚Ausgangsmaterial’ für den Anbau wird in erster Linie online bestellt: 56% aller Befragten geben an, am häufigsten Pflanzen aus Samen von Online-Shops zu ziehen. Bei den deutschen Befragten sind es sogar 60%, wogegen insgesamt 64% der österreichischen Befragten Stecklinge (46%) oder Samen (17%) aus ‚stationären’ Head-/Growshops beziehen – der Handel mit diesen Waren ist in Österreich legal. Auch deutsche Grower beziehen immerhin zu 9% Samen oder Stecklinge aus (ausländischen) Head-/Growshops. Ansonsten spielen bei dieser Frage in der Gesamtstichprobe noch Stecklinge (7%) oder Samen (6%) von befreundeten Growern sowie Samen aus selbst angebautem (7%) oder gekauftem (6%) Marihuana eine nennenswerte Rolle.
Die durchschnittlich angegebene Anbaufläche beläuft sich auf 6m². Dieser Wert wird allerdings deutlich von einigen Befragten beeinflusst, die sehr hohe Werte angeben. Der Median beträgt bei dieser Frage 2m²; das heißt, dass mehr als die Hälfte der Befragten maximal 2m² Anbaufläche nutzt. Nicht überraschend geben diejenigen, die nur indoor anbauen, mit im Schnitt knapp 3m² eine weitaus kleinere Fläche an als Outdoor-Grower (rund 9m²). Ähnliche Diskrepanzen zwischen Mittelwert und Median zeigen sich bei der Anzahl der angebauten Pflanzen (Mittelwert: 13, Median: 6) und der durchschnittlichen Erntemenge beim letzten Anbau (Mittelwert: 500g, Median: 200g). Dementsprechend gibt es in der Stichprobe eine relativ kleine Gruppe, die in größerem Ausmaß anbaut: so geben z.B. 18% an, zuletzt mehr als 500 Gramm geerntet zu haben; bei 8% war es mehr als ein Kilogramm. Die große Mehrheit beschränkt sich auf einige Pflanzen und maximal einige hundert Gramm Ernte.
Drei Viertel der Befragten haben ihr selbst angebautes Cannabis mindestens einmal zu etwas anderem weiterverarbeitet als zu rauchbarem Marihuana. Am häufigsten wird dabei Cannabisbutter zur Verwendung in Speisen oder Getränken genannt (43%), gefolgt von ‚konventionellem’ (gesiebtem oder von der Pflanze geriebenem) Haschisch (39%), Cannabisöl (unter Verwendung von Lösungsmitteln bzw. Gas; 30%) und Ice-O-Lator- bzw. Bubble-Haschisch (21%).

Nutzung der Cannabisprodukte und Motive für den Anbau
Bei der Frage nach den Prozentanteilen hinsichtlich der Verwendung des angebauten Cannabis machten lediglich 55% eine Angabe. Unter diesen Befragten wurde durchschnittlich 52% des Anbauertrages selbst konsumiert, 19% mit anderen geteilt oder verschenkt, 15% selbst behalten bzw. eingelagert, 6% verkauft, um die Kosten für den Anbau zu decken, 4% zwecks Profiterzielung verkauft und 2% mit anderen Growern getauscht. Insofern zeigt sich, dass in der vorliegenden (Teil-) Stichprobe nur ein kleiner Teil (rund 10%) des angebauten Cannabis weiterverkauft wird. Allerdings gibt immerhin rund ein Drittel der Grower an, überhaupt etwas verkauft zu haben – aber auch innerhalb dieser Gruppe wird nur ein kleiner Teil (durchschnittlich 30%) der Ernte gegen Geld abgegeben.
Auch bei den Angaben zur verkauften Menge weicht der Median erheblich vom Durchschnittswert ab: während im Schnitt nach der jeweils letzten Ernte 239 Gramm Marihuana zu Geld gemacht wurden, hat mehr als die Hälfte der ‚Verkäufer’ nicht mehr als 50 Gramm gegen Entgelt abgegeben. Lediglich 30 Personen aus der gesamten Stichprobe haben 500 Gramm oder mehr verkauft. Der durchschnittlich angegebene Grammpreis beläuft sich auf 7,50 Euro. Am häufigsten wird dabei an Freunde (90%) oder Bekannte (36%) verkauft. 24% derer, die etwas von ihrer Ernte weiterverkaufen, geben es (auch) an Familienmitglieder ab, lediglich 17% an Cannabishändler und nur sehr wenige an ihnen unbekannte Personen (2%) bzw. „jedem, der danach gefragt hat“ (3%). 14% verkaufen an Personen, die aus medizinischen Gründen Cannabis konsumieren.
Ohnehin spielt der Anbau zu medizinischen Zwecken eine wichtige Rolle in der befragten Stichprobe. Mehr als ein Drittel aller Befragten (36%) gibt bei der Frage nach den Anbaumotiven an, (unter anderem) sich selbst aus medizinischen Gründen mit Cannabis zu versorgen; zudem geben 13% Cannabis zur medizinischen Verwendung an andere weiter. Bei den Krankheiten bzw. Symptomen, die von den Befragten selbst mit Cannabis behandelt werden, wurden von den Betroffenen am häufigsten Depressionen bzw. andere psychische Erkrankungen (50%) und chronische Schmerzen (44%) genannt; mit großem Abstand folgen Asthma (14%), Abmagerung bzw. Magersucht (12%), Arthritis (9%), Bluthochdruck (8%), Abhängigkeit bzw. Entzugserscheinungen (7%) und Augenkrankheiten (6%). In 78% der Fälle wurden die Beschwerden ärztlich diagnostiziert, aber nur bei rund einem Fünftel riet der/die Mediziner(in) zur Behandlung mittels Cannabis.
Die meisten der Befragten stimmten bei der Frage nach den Motiven für den Anbau mehreren der (übrigen) Antwortoptionen zu, am häufigsten „Das Cannabis, das ich anbaue, enthält garantiert keine Streckmittel“ (92%), „Es macht mir Spaß“ (86%), „Ich kann damit meinen eigenen Bedarf decken“ (84%), „Das Cannabis, das ich anbaue, ist gesünder als das, was ich kaufen könnte“ (81%), „Um Kontakt mit illegalen Kreisen zu vermeiden (Straßendealer, Kriminelle etc.)“ (77%) und „Es ist billiger als Cannabis zu kaufen“ (72%). 7% geben den Umstand, dass man die Droge verkaufen kann, als Grund für den Anbau an – dieser Anteil ist damit kleiner als die Gruppe derer, die tatsächlich Teile ihrer Ernte weiterverkaufen.

Risiken, Vorsichtsmaßnahmen und Strafverfolgung
Bei der Frage nach Nachteilen, Risiken oder unangenehmen Begleiterscheinungen wird – nicht überraschend – von fast allen Befragten der Aspekt „das Risiko entdeckt zu werden“ als bedeutsam für die eigene Person angeführt (94%). 43% nennen hier die großen Mengen Cannabis, die zuhause lagern, gefolgt von der Geruchsentwicklung (z.B. beim Trocknen; 38%). Weitere relevante Probleme sind das Risiko, dass der Anbau der Familie bekannt werden könnte (20%), etwaige unbefriedigende Ernteerträge und die Gefahr, aufgrund der ständigen Verfügbarkeit den eigenen Konsum zu steigern (jeweils 19%). Darüber hinaus verweisen 41% der Indoor-Grower auf die hohen Kosten für den Strom und 35% auf die Geräusche durch Ventilatoren etc. Von den Outdoor-Anbauer(inne)n nennen 29% das Risiko, dass ihnen die Ernte gestohlen werden könnte.
16% der Befragten sind bereits mindestens einmal wegen des Cannabisanbaus mit der Polizei in Berührung gekommen. Unter diesen Personen wurden 42% (7% der gesamten Stichprobe) auch mindestens einmal rechtskräftig verurteilt, am häufigsten zu Geld- (34%), aber auch noch recht oft zu Bewährungsstrafen (31%). 9% der wegen Cannabisanbaus Verurteilten (1,5% der gesamten Stichprobe) saßen deswegen auch mindestens einmal in Haft. Zusätzlich zu denjenigen mit Verurteilung wegen Cannabisanbaus haben weitere 14% der Befragten mindestens einmal eine Strafe wegen eines anderen Drogendeliktes (am häufigsten: Cannabisbesitz) erhalten. Die sonstigen Erfahrungen mit Straftaten erscheinen in der Stichprobe nicht auffällig hoch: 9% wurden wegen Straßenverkehrsdelikten, 4% wegen Eigentums- und 2% wegen Gewaltdelikten rechtlich belangt. Rund jede(r) Dritte hat im Zusammenhang mit dem Cannabisanbau schon mindestens einmal ein manifestes Problem außerhalb des Bereiches der Strafverfolgung erlebt. Am häufigsten wurden dabei Pflanzen gestohlen (17%) oder zerstört (15%). Beides betrifft weit überwiegend den Outdoor-Anbau. 7% wurde gebrauchsfertiges Cannabis gestohlen. Ebenfalls insgesamt 7% berichten darüber, wegen des Hanfanbaus in irgendeiner Weise von einer anderen Person angegangen worden zu sein: jeweils 3% wurden erpresst oder verbal bedroht und jeweils 2% mit einer Waffe bedroht, körperlich attackiert oder über Telefon oder Internet bedroht.

Fazit
Wie anzunehmen war, wurden mit der Befragung in erster Linie Kleinanbauer(innen) erreicht, von denen zwei Drittel ihre Ware ausschließlich selbst bzw. mit anderen konsumieren oder mit anderen tauschen. Ein kommerzielles Interesse steht hingegen auch bei den meisten derer, die Teile ihrer Ernte verkaufen, nicht im Vordergrund – es dürfte sich häufig um „Freundschaftsdienste“ handeln, wie sie auch sonst bei der Drogendistribution in sozial unauffälligen Kreisen verbreitet sind.
Ein typischer Vertreter der hier untersuchten Stichprobe ist männlich, Ende 20, ohne Migrationshintergrund, gebildet, raucht aktuell und konsumiert regelmäßig Cannabis sowie eventuell auch – zumeist selten – andere illegale Drogen. Den Anbau betreibt er, um Streckmittel und kriminelle Kontakte zu vermeiden, Kosten zu sparen und weil es ihm Spaß macht. Für einen nennenswerten Anteil ist der Cannabisanbau notwendig, um Krankheiten bzw. Beschwerden zu behandeln.
Das größte Risiko beim Growen betrifft die Strafverfolgung; beim Outdoor-Growing spielt auch ein möglicher Verlust der Pflanzen eine gewisse Rolle. Darüber hinaus ist ein kleiner Teil der Hanf Anbauenden von Bedrohungen oder Gewaltakten betroffen.
Aufgrund der Kontaktierungs- und Erhebungsmethode sind die Resultate der Befragung nicht repräsentativ – allerdings ist die Erzielung von Repräsentativität in diesem Forschungsfeld ohnehin unmöglich, da die Grundgesamtheit der Cannabisanbauer(innen) unbekannt ist und auch mit Repräsentativstudien kaum zu ermitteln wäre. Die große Stichprobe lässt indes darauf schließen, dass in den deutschsprachigen Ländern tatsächlich eine nennenswerte Population von nicht-profitorientierten Growern existiert (neben den in der Studie aus nachvollziehbaren Gründen vermutlich unterrepräsentierten profitorientierten Produzenten). Der Hanfanbau scheint mithin ‚in der Mitte der Gesellschaft’ angekommen zu sein.
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