Hanf Journal Logo Teil 1
Hanf Journal Logo Teil 2
*
  SITEMAP
 
  * Rubriken
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

*
 
*
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-

*
 
*
-
-
-

anderswo
Druckversion
England
Napoleon war ein grosser Mann!
Publiziert am: 28.03.03 - Medienformen: Medienform Text





Meine allerletzten Semesterferien wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen, so machte ich mich auf nach England, um eine alte Studienkollegin zu besuchen, die nun mit ihrem irischen Freund in Leeds lebt.
Ich war gespannt. Grossbritanniens Bevölkerung hat den grössten Kifferanteil Europas. 27% der 16-59jährigen und herausragende 44% der 16- bis 29jährigen Briten haben Hanf zumindest einmal in ihrem Leben konsumiert. Auf dem medizinischen Sektor tut sich viel. Großangelegte Studien zum Thema Multiple Sklerose wurden durchgeführt, nun bestätigte GW Pharmaceuticals, der vom Home Office lizensierte Konzern zur Erforschung natürlicher Hanfpräparate, dass die Ergebnisse die Erwartungen übertroffen hätten und, falls die klinischen Versuche zu einem zügigen Abschluß kommen, Cannabispräparate bereits zu Ostern erhältlich sein könnten. Und auch beim Industriehanf tut sich einiges, es gibt sogar Tapeten aus Hanffasern, hergestellt von der Hemp Paper Factory.
In Lambeth, einem Stadtteil von London, wurde 2001 erstaunliches vollbracht: sechs Monate lang lief dort ein Pilotprojekt, dass Hanfbesitz nicht mehr kriminalisierte, sondern nur mehr mit einer Verwarnung und der Aufnahme der Personalien ahndete. Danach war man so begeistert, dass man überlegte, den Versuch auf ganz London auszuweiten. Die Begeisterung war aber eher einseitig auf Politik und Bevölkerung beschränkt – die Polizisten hingegen gaben an, keine nennenswerten Arbeitsverbesserungen wahrgenommen zu haben und wollen die Entkriminalisierung als Einladung zum Hanfmissbrauch verstanden wissen. Als Beweis führten sie den Anstieg der Anzahl an Hanfbesitz-Delikten im Versuchszeitraum an. Anwohner von Lambeth berichten hingegen, es wären in dieser Zeit viele Bewohner umliegender Stadtteile gekommen, um hier unbehelligt Hanf erwerben zu können. Es wäre also durchaus interessant, Ergebnisse einer Städtestudie zu sehen. Oder warum sonst haben die Niederlande eine der geringsten Kifferanteile Europas? Vielleicht fürchteten die Beamten auch nur Einsparungen: jedeVerwarnung wegen Besitzes, die in dieser Zeit anstatt der üblichen Amtshandlung vorgenommen wurde, ersparte dem Beamten 10 Arbeitsstunden. Das spart in sechs Monaten den Einsatz von exakt 1,8 Polizisten.
Mein erster Eindruck bei der Ankunft bestätigt mich: ob am Busbahnhof, in den Seitenstrassen der Stadt, rund um die Pubs: es riecht nach Gras. Aber anders als in Spanien sieht man hier nie jemanden rauchen. Als wir ein stadtbekanntes Schwulenlokal betreten, sehe ich den massigen Türsteher und denke: „Neben so einem habe ich in Spanien mal ohne Probleme einen geraucht und danach mit ihm geplaudert.“ Dass es diese Unterschiede zwischen den beiden Ländern gibt, macht mir genau dieser Türsteher klar: Als er nämlich wenig später an unseren Tisch stürmt, aus dem Aschenbecher den Stummel einer selbstgedrehten Zigarette fischt und uns anherrscht, ob hier jemand Gras geraucht habe, es rieche danach. Wir müssen einige Zeit mit ihm diskutieren, bis er uns glaubt, dass der Stummel schon vor uns am Tisch war – ich war ihm mit meinen Rastahaaren und der Tasche mit den aufgenähten Hanfblättern wohl sehr suspekt erschienen. Wie kommen solche Gegensätze zustande: In Stockport hatte 2001 das erste Coffee-Shop-Experiment statt- und viele Nachahmer gefunden, wenn sie auch alle wieder geschlossen wurden. Vielleicht haben sich die Leute einfach von einer Illusion mitreissen lassen. Denn die Herabstufung von Cannabis von der Klasse B in die Klasse C vorzuschlagen, war für die Regierung vielleicht ein Meilenstein – in Anbetracht der Relegalisierungen bzw. Entkriminalisierungen in Belgien und Portugal allerdings nur ein kleiner Tropfen in einem grossen See. Mutig allerdings das Verhalten der UN gegenüber. 1961, 1971 und 1988, die Jahreszahlen der internationalen Drogenvereinbahrungen der Vereinten Nationen, prägen auch die Gesetzgebung Großbritanniens maßgeblich. Doch obwohl die geplanten Änderungen diese Dokumente nicht verletzen, ließ Philip Emafo, Präsident der INCB, (UN's International Narcotics Control Board), dessen im Februar dieses Jahres veröffentlichter Bericht Großbritannien wegen der geplanten Änderungen kritisierte, kein gutes Haar an der Sache: „Es gibt keinen guten Weg, Drogen zu missbrauchen!“ Würde bitte jemand diesem Mann den Unterschied zwischen ge- und missbrauchen erklären, vielleicht praktischer Weise an einem verständlichen Beispiel, Alkohol eignet sich hiezu meist hervorragend.
Das Home Office reagierte gelassen und bemerkenswert aufrichtig: Die geplanten Änderungen würden eine effektivere Aussage über die unterschiedliche Gefährlichkeit der verschiedenen illegalen Suchtstoffe ermöglichen und außerdem, wie Lambeth gezeigt habe, verlören die Polizei nicht soviel Zeit mit Kleinkriminellen und könnte sich den wirklich wichtigen Dingen widmen.
Die Menschen hier waren also vorsichtig. Doch ich hatte Glück. Ein Nachbar meiner Freundin ging, wie sie mir erzählte, selten aus dem Haus, ständig kämen Leute, immer seien die Vorhänge zugezogen. Bingo, dachte ich, und war auch schon drüben. Der Nachbar, nennen wir ihn Mike, knapp 20, verbrachte seine Tage mit dem Strassenverkauf von Kleidern, die ganze Zimmer seiner Wohnung füllten und bei denen ich nicht fragen mochte, woher sie stammten. Ja es rauchen fast alle hier, aber heimlich, wenn sie dich erwischen, ist das meist ungemütlich. Er würde mich mitrauchen lassen, aber er würde mir nie etwas verkaufen, das sagt er mit allem Nachdruck, denn auf Verkauf stehen nicht mehr „nur“ fünf Jahre wie auf Besitz, sondern ganze 14. Wie kann eine Gesellschaft, in der so viele Menschen rauchen, so enggeistig sein? Vielleicht liegt es daran, dass die Affinität zu Suchtmitteln insgesamt sehr ausgeprägt zu sein scheint. Aber das ist sie in Spanien auch. Beim abendlichen Szenebummel durch Leeds sehen wir uns winterjackentragenden Mitteleuropäerinnen inmitten Scharen miniberockter, strumpfhosenverweigernder, jackenschmähender Engländerinnen, und das bei minus sechs Grad Außentemperatur. Die Guten sind bis obenhin abgefüllt mit Frostschutzmittel, manche haben wirklich Mühe, mit ihren Stilettos noch gehen zu können. In einer Szenebar kokst sich hinter mir am Tisch ein Pärchen ein, und ein Mädchen neben mir ist, ihren Pupillen nach zu urteilen nicht nur vom Alkohol, schon so weggetreten, dass sie auf keine meiner Fragen antworten kann und immer nur „yeah-yeah“ nuschelt. Das ist keine lockere Gemeinschaft friedliebender netter Leute, wie in Spanien, Ausgehen in England bedeutet jeder gegen jeden: die Kleidung, die Drogen, die Flüssigkeitsmenge: „Schau meine Freundin nicht so an“ meint der männliche Teil des Pärchens Schneenase zu unserem Freund. Drei Frauen, die zuvor alleine auf der Tanzfläche waren, verlassen unter vernichtenden Blicken und Gezeter das Szenario, nachdem ich neben ihnen zu tanzen begonnen hatte. Um zwei Uhr früh dann das finale grande: ich fühle mich auf den Schulskikurs zurückversetzt, Abschlußdisko: die letzte Platte eine langsame Scheibe, dann gehen die Lichter an und die Türsteher machen sich auf, die Leute aus dem Lokal zu scheuchen: „Kommt schon, anziehen, wir schliessen, jetzt geht’s ins Bett, aufstehen bitte!“ Ich bin beeindruckt: das ist kein Soziotop der Freigeister, wie in Iberien. Hier heisst es befolgen und Maul halten.
Der Lichtblick kommt in Schottland. „Die Schotten sind sowieso viel netter!“ meint meine Freundin, als wir in Edinburgh eintreffen. Am Vulkan, dem „Hausberg“, treffen wir am Abend unzählige Jugendliche, die, durchaus nicht versteckt, sondern gleich neben dem Weg, während dem Sonnenuntergang mit Blick auf die Bucht einen rauchen. Ich gehe auf zwei junge Männer zu, die mich misstrauisch beäugen. „Keine Angst, ich bin nicht von der Polizei!“ rufe ich ihnen lachend entgegen, und sie kramen ihre Joints wieder hervor. Ja hier sei es entspannter als in England drüben, man müsse auch aufpassen, aber es ist leicht zu bekommen und, wie hier, praktisch geduldet. Als ich mich als Österreicherin oute,drückt mir einer der beiden ein kleines Stückchen Gras in die Hand mit den Worten: „Hier! Meine Mutter ist aus Südtirol!“ Dann gibt er mir noch auf den Weg, die „rizla“-Papers unter allen Umständen zu vermeiden.
Am Abend, im Arbeiterbeisl „The Royal Oak“, wo sich die Männer nach der Arbeit im Singen traditioneller Lieder messen, sitze ich mit dem 71jährigen Melvin, unter strengem Blick seiner 20 Jahre jüngeren Freundin; am Kamin. Er erzählt mir von dem Mann, von dem er alles zu wissen scheint und der ihn fasziniert: „Napoleon war ein grosser Mann!“ beginnt er, und dann folgen detailierte Schilderungen aus dessen Jugendjahren, dem Soldatendienst, seinem Aufstieg und Fall. Irgendann holt er dann doch Luft und ich nutze die Pause für meine Frage, die ich ihm unbedingt stellen muss: „Weißt du, warum Napoleon nach Russland zog?“ Melvin braucht nicht zu überlegen: „Na, weil Russland weiter Hanf nach England verkaufte, die Schurken!“ Laßt die Schotten Großbritannien regieren! Sean Connery käme als König doch wirklich hervorragend!


Claudia Greslehner


Druckversion
 
*
  Sonderausgaben
-