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Lasciate mi cantare . . .
von Herzogen, Schlagersängern und einem Freispruch für Hanf
(Pub. Dezember 2003)
Publiziert am: 04.12.03 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 03dezember artikel Lasciate mi cantare von Herzogen, Schlagersängern und einem Freispruch für Hanf a Der Krebs ist kein Säugetierhat aber trotzdem Hunger Das Eckthema: Suizid

Wie das Nomadenleben so spielt, waren wir unterwegs bei einem italienischen Herzog zum Essen eingeladen. Wir sprachen über Politik, Fußball, und irgendwann kam die Sprache auf sein Augenleiden, das Glaukom. Ich berichtete ihm über die mögliche Medikation mit Hanf sowie deren Vorteile und war sehr gespannt, wie der immerhin 85-Jährige darauf reagieren würde. Sehr interessiert hörte er mir zu und meinte dann: „Ich werde nächste Woche meinen Arzt in Mailand fragen, warum er mir das bisher verschwiegen hat!“. Menschen findet man überall . . . sogar in einem Land, dessen Ministerpräsident sich einen Haus- und Hofsänger halten darf, für den er Schnulzentexte schreibt – und die CD zum Verkaufsschlager wird. Man stelle sich das mit Gerhard Schröder und Matthias Reim beziehungsweise Wolfgang Schüssel und Brunner & Brunner vor! Obwohl letzteres bei näherer Betrachtung . . . Italien ist auf jeden Fall originell. Nicht wegen der Forderung Finis, die Gesetze für weiche Drogen nach fünf Jahren gemäßigtem Kurs wieder zu verschärfen. Nein, die Begründung des Hardliners ist wirklich mal was anderes: Das Konsumieren von Hanf würde den Alkoholkonsum bei Jugendlichen fördern, da sie dadurch „enthemmt“ würden. Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll mit dem Richtigstellen, so bleibt einem die Luft weg. Auch die Unlust der Carabinieri, mir Auskunft zum Thema zu geben, sodass ich immer nur drei oder vier Fragen stellen konnte, wenn überhaupt, war außergewöhnlich. Nein, die sich widersprechenden Aussagen waren das Abenteuerliche. Laut Theorie ist seit 1998 der Erwerb und Besitz für eigenen Gebrauch, festgeschrieben als 1,5 g Kraut oder 0,5 g Haschisch, entkriminalisiert und wird mit Verwarnung geahndet. Ordnungsgelder gibt es für Kleinhandel, Gefängnisstrafen erst für Großhandel und mit Pönalisierung (?????) wie Führerscheinentzug muss man erst bei mehrmaliger Registrierung rechnen. Meinte einer der Carabinieri, (CarabinierI is auf alle Fälle Mehrzahl, kenne die Einzahl aber nicht, deshalb bitte so umschreiben....)es gebe keine geringen Mengen in Italien, so belehrte mich ein anderer, man erhalte schon beim ersten Mal eine Vorladung und müsse mit Geldstrafe rechnen. Weiter wurde mir erklärt, Konsum in der Öffentlichkeit sei gleichbedeutend mit Besitz (wollte er mich einladen? Dann hab ich’s nicht kapiert . . .), wohingegen mir ein junger Mann am lago di garda erzählte, hier in bella italia würden zwar praktisch „alle“ Jugendlichen kiffen, aber niemals in der Öffentlichkeit wie etwa in Spanien. Ja was denn nu? Sind das die selben Gesetzeshüter, die dann exekutieren sollen, was sie nicht mal selber genau wissen? Es ist jedenfalls dieselbe Exekutive, gegen die Streetworker, Sozialarbeiter und Lehrer einen offenen Brief in der Tagespresse richteten, nachdem Schüler ihres Viertels im Schulgebäude auf Drogen kontrolliert und die Klassenräume mit Hunden durchsucht worden waren (!) – Italien in guter europäischer und internationaler Gesellschaft ebenfalls auf dem Weg zum Polizeistaat?
Das Thema ist jedenfalls gegenwärtig. Ende Oktober wurde unter großem Medienspektakel der Fall „Jucker“ verhandelt. Ruggero Jucker wurde des Mordes für schuldig befunden und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Dies geschah allerdings, noch bevor das gerichtsmedizinische Gutachten über den Angeklagten eingelangt war. Die Untersuchung wies ihn als starken Hanf-Dauerkonsumenten aus, bei dem das Persönlichkeitsbild durch das Genussmittel bereits beeinträchtigt sei. Dies alleine hätte nichts geändert, denn laut italienischem Gesetz beeinträchtigt man sich durch Genussmittel freiwillig selbst und ist dann auch quasi selber schuld, unzurechnungsfähig zu sein. Es ergab sich aber weiter, dass Jucker – nach der Tat habe er zu einer Freundin gesagt: „Ich bin Bin Laden!“ – in der Mordnacht ein unverhältnismäßig starkes Kraut (19 %) geraucht habe. Die Verteidigung forderte daraufhin eine Revidierung des Urteils, da ihr Mandant sich aufgrund der nicht vorhersehbaren Stärke des Krauts unfreiwillig so weggestellt hätte – und plädierten auf 16 Jahre. Richter Guido Salvini – und jetzt wird’s revolutionär – wies den Einspruch mit dem Einwand zurück, es sei egal, wie stark das Kraut gewesen sei, es könne in keinem Fall der Grund für den Mord oder die gestörte Persönlichkeit sein. Er bezog sich auf die Briefe der Mutter des Anklagten, die als Beweisstücke bei Gericht vorlagen, und ortete die wirklichen Gründe in der schwierigen Familienlage. Möge Anslinger in seiner Gruft rotieren.
Auch in der Politik gibt es Zeichen der Hoffnung: Carmelo Palma und Stefano Zaca mögen in derselben Partei sein, dieselben Auffassungen haben sie zum Glück nicht. Palma kritisierte die Vorgehensweise bei der Verteilung der Gelder für Anti-Drogen-Projekte. So erhält Zaca als Verantwortlicher der Region Turin 1,8 Mio. Euro an Projektgeldern, wovon er allerdings 56 Prozent für sein Krankenhaus abzweigen kann, ohne nachweisen zu müssen, wofür es verwendet wurde. Und dies sei laut Palma bisher noch völlig legal.
Und sogar die Kirche, in Italien ja nicht ganz unwichtig, sendet auf grüner Welle! Don Andrea Gallo, Pfarrer der Gemeinde San Benedetto al Porto und bekannt für seinen Einsatz in der Jugendarbeit, gab vor laufender Kamera zu, gekifft zu haben, was am Folgetag die Titelseiten zierte. Die wirkliche Gefahr, so Gallo, seien keineswegs die physischen oder psychischen Wirkungen des Hanf, sondern vielmehr die Mythenbildung und die Dämonisierung; die Schuld am steigenden Drogenkonsum hätten in Wahrheit die prohibitionistischen Politiker. Amen!
Die öffentliche Meinung über Hanf hat sich in den letzten Jahren entspannt – es wird mittlerweile als normal angesehen, dass junge Menschen kiffen, wohl vor allem auch deswegen, weil es meist ein vorübergehendes Phänomen ist. Es ist überall leicht zu bekommen, vor allem in großen Städten, wobei ähnlich wie in Spanien, die Verkäufer oft Männer marokkanischer oder algerischer Herkunft sind. Haschisch ist gängiger als Kraut, das eher von den wenigen Home-Growern selbst konsumiert wird. Älteren Konsumenten wird dahingegen eher Unverständnis entgegengebracht und auch als Medikament hat es wohl noch einen langen Weg vor sich, denn Italien gehört zu den wenigen europäischen Länder, in denen keine Cannabinoid-Forschung betrieben wird. Die ACT, der nationale Ableger der IACM, setzt sich seit 2001 für die Registrierung von Cannabinoiden im pharmazeutischen Handbuch ein.
Zusammengefasst: von bewusstseinsverändernden Elementen beeinflusste Politiker (Alkohol Schlagermusik, Macht, Geld), Polizisten, die sich nicht auskennen, halblauwarme Gesetze, Jugendliche, die sich nicht unterkriegen lassen und immer mehr Lichtblicke – wie schön, dass diese Länderbeschreibung schon jetzt so austauschbar ist.


Claudia Grehslehner


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