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anderswo
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Fliegen statt Dröhnen
Publiziert am: 10.02.04 - Medienformen: Medienform Text


Dies ist die Anderswo-Rubrik, wobei man anderswo ja auch auf andere Gedanken kommt, also nicht nur anderswo, sondern auch anderswie. Und auch anderswohin, nämlich diesmal weg vom Hanf, im übertragenen Sinn, quasi from the Mittelpunkt to the Mittel zum Zweck. Der goldene Mittelweg, jeder kennt ihn zumindest vom Hörensagen. Nur: ist das Angebot reichlich, fällt es oftmals schwer auf ihm zu bleiben. In Spanien, dem Land, in dem auf jedem zweiten Flachdach die der Marien geweihten Pflanzen in den Himmel wachsen und sich Barkeeperinnen zwischen zwei Bestellungen Kräuterzigaretten drehen, wird man beinahe von selbst auf das Thema des Missbrauchs gestoßen. Um der unreflektierten Übernahme eines so fest etablierten sozialen Lasters entgegenzuwirken kann es von Vorteil sein, sich mit den eigenen (Rauch-) Gewohnheiten auseinanderzusetzen. Für diejenigen, die mit übermäßigem Genussmittelkonsum kein Problem haben (oder zu haben glauben), ist die Lektüre dieser Zeilen dennoch nicht gänzlich umsonst. Denn generell profitiert man davon, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um im eigenen Leben zwischen „brauchen“ bzw. „müssen“ und „wollen“ zu unterscheiden, da äußere und innere Freiheit mit der Abnahme der imaginären Zwänge exponentiell ansteigen. Die letzten Feiertage etwa bieten viele Übungsmöglichkeiten. Mein Vorschlag wäre, über den Satz „Ich muss mit meiner Familie Weihnachten feiern“ zu reflektieren (Muss ich? Natürlich nicht. Will ich? Wenn ja okay, wenn nein, warum mach ich’s dann trotzdem und was passiert, wenn ich’s nicht mache?) – da kann einem so manches Lichtlein aufgehen.
Doch doch, wir sind immer noch beim Hanf. Denn wer sein Leben im Kleinen im Griff hat, der hat’s auch im Großen. Und viele Kleinigkeiten ergeben so manche Großigkeit. Viele kleine selbst auferlegte Zwänge führen zu einem Körper-Geist-Seele-Ungleichgewicht, also zu einer Unausgeglichenheit. Diese wird natürlich am besten aufgehoben, indem man die Ursachen ändert. Da dies in unserem System nicht wirklich Usus ist, begnügt man sich meistens damit, ein Ersatzmittel zum Stopfen der Löcher zu verwenden. Von hier zur Sucht ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt.
Sucht ist ein Verstandeszustand, der von der tief verwurzelten Überzeugung beherrscht wird, man könnte ohne eine bestimmte Substanz nicht überleben (obwohl man es ohne sie könnte) bzw. man bräuchte mehr von dieser Substanz, als es wirklich der Fall ist (wenn man sie wirklich zum Überleben braucht, etwa, Nahrung – Fresssucht oder Liebe – abhängige Persönlichkeit). Oft weiß man im Grunde, dass dies nicht stimmt, handelt aber trotzdem danach, was einem das trügerische Gefühl vermittelt, man hätte sich noch im Griff, obwohl dies schon längst nicht mehr der Fall ist. Einen Zustand zu verstehen heißt eben noch nicht wählen zu können. Ein Charakteristikum der Sucht ist jedoch, keine Wahlmöglichkeit mehr zu haben. Statements wie „Ich hab kein Problem mit Hanf“ bekam ich mehr als einmal von Leuten zu hören, die immer einen Vorrat zu Hause bunkern und auf meine Frage, ob sie schon mal daran gedacht hätten, freiwillig z. B. eine Woche nicht zu kiffen, verständnislos den Kopf schüttelten. Mit vielleicht nicht, aber ohne offensichtlich schon. Und auch die „ohne nicht aber mit schon“ gibt es, die nicht rauchen, wenn nichts da ist, und Kette rollen, sobald vorhanden.
Sucht an sich hat nichts mit Falsch oder Richtig, Gut oder Schlecht zu tun, sondern ist eine höchst individuelle Entscheidung. Schon alleine deswegen kann es nicht an, dass in unserem Rechtssystem die Auswahl an Dingen, von denen man süchtig werden darf, limitiert ist. Wenn Larry Hagman seine eigene und anschließend die Spenderleber in Grund und Boden und sich selbst auf die Intensivstation säuft, findet man das zwar tragisch, aber gleichzeitig selbstverständlich, dass dies keine juristischen Konsequenzen hat. Heroin oder Koks hingegen wären genauso selbstverständlich Sache der Justiz, und eine solche Willkür der Moral kann und darf in einer so genannten „Gesellschaft freier Bürger“ nicht sein.
Welchen Weg man geht, muss jeder selber entscheiden können, nur sollte man sich der Konsequenz bewusst sein, dass Abhängigsein, wie das Wort schon sagt, bedeutet, einen Teil der Freiheit, die man von Natur aus besitzt, aufzugeben. Luft, Licht, Wasser, Liebe und Nahrung sind die für das Überleben eines jeden Menschen unabdinglichen Substanzen, alles was darüber hinausgeht ist eine individuelle Entscheidung gemäß den jeweiligen Neigungen. Laut dem amerikanischen Psychotherapeuten Ron Smothermon kann der Prozess des Süchtigwerdens in vier Schritten dargestellt werden: Nichtanerkannte Verantwortung für Erleben – Übertragung der Verantwortung auf eine Substanz – Schaffung von Überzeugungen bezüglich der Substanz, um ihre Verwendung zu rechtfertigen – Unangemessener Gebrauch der Substanz. Die Sucht wird durch das Bedürfnis, Recht zu haben, fixiert, die Substanz eignet sich im Leben eine außergewöhnliche Macht an, die man zuvor selber besaß und weggegeben hat. Gemeinerweise bleibt ein Schatten dieser Macht auch nach Beendigung des aktiven Teiles der Sucht bestehen; wer nikotinabhängig ist oder war, weiß meist nur allzu gut, dass es hier ein klares Vorher–Nachher gibt.
Es ist, denke ich, von Vorteil zu wissen, dass man durch dieses Verhalten einen Teil seiner persönlichen Freiheit verliert. Ob man das möchte oder nicht, bleibt dann immer noch die eigene Entscheidung, so wie die, wo man den 24. Dezember verbringt. Mit den sehr pragmatischen Worten von Ron Smothermon: „Vielleicht wählen sie, ihr Suchtobjekt weiter zu benutzen, trotzdem wird alles gut werden; wir werden alle leben, bis wir sterben.“ Der Unterschied ist, wie wir leben, bis wir alle sterben.
Wer man ist, wählt man selbst. Irgendwann sollte man sich davon verabschieden, seinen gegenwärtigen Zustand auf die Vergangenheit, die Umstände oder das Wetter zu schieben, und beginnen, wirklich Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Um beim so praktischen Beispiel Weihnachten zu bleiben: Wo man an diesem Tag ist, daran hat nicht die Familie, die Erblast oder das Schicksal Schuld, sondern hängt alleine davon ab, wo man mit seinen eigenen beiden Füßen hingeht. Was und wie viel über die Sinnesorgane und die Körperöffnungen in den Körper hineinkommt, beeinflusst einfach automatisch den Geist, da diese beiden Formen des Daseins untrennbar verbunden sind, auch wenn dies in unserer Gesellschaft negiert oder ins verrufene esoterische Eck gestellt wird. Was nicht weiter verwunderlich ist, hängen doch ganze Wirtschaftszweige von dieser Überzeugung ab. Die Lebensweise – auch die ganz profane – formt die Persönlichkeit. Das heißt, je nachdem, was ich zu mir nehme bzw. in welcher Form und Menge (Luft, Licht, Nahrung, Liebe) und wie ich lebe (gemäß meinen essenziellen Bedürfnissen oder gegen sie), bin ich ein anderer Mensch. Um diesen Satz besser zu verstehen, schlage ich vor, es einfach selber mal zu versuchen.
Die Antiprohibitionsbewegung profitiert von einer starken Suchtprävention alleine schon deshalb, weil die Vermittlung ihrer Anliegen plausibler erscheint, wenn sie von Menschen kommt, die selber mit den jeweiligen Substanzen umgehen können. Jeder einzelne profitiert davon, indem er seinen eigenen Lebensweg bewusster gestalten kann. In diesem Sinne ein gutes neues Jahr aus Spanien.
Claudia Grehslehner


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