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anderswo
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Amerika: Es ist etwas faul im Staate Amerika. Die trostlosen, manchmal skurrilen Widersprüche eines seltsamen Landes
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein Land voller Widersprüche: nirgendwo anders liegen superreich und bettelarm so nahe beieinander, nirgendwo anders klafft eine so große Lücke zwischen der „Schmelztiegel“-Ideologie und dem Alltagsrassismus, nirgendwo anders tritt die Polizei so präsent auf und doch werden in manchen amerikanischen Großstädten mehr Menschen im Jahr ermordet als in ganzen europäischen Ländern. Waffennarren, Weltignoranten, Scheinheilige? Die Klischees passen – auch in der Drogenpolitik. (pub. jan.03)
Publiziert am: 09.01.03 - Medienformen: Medienform Text


Justiz aus Absurdistan

Der „Kampf gegen Drogen“ ist längst zur rhetorischen Floskel der großen weißen Mehrheit, der bestimmenden Politik und der tragenden Gesellschaftsschichten verkommen. Als Kandidat der Demokraten oder der Republikaner müsste man schon extrem bewusstseinverändernde Mittel genommen haben, um von der „tough on crime“-Linie abzuweichen. Der Kampf ist aussichtslos – und wird trotzdem auf allen Ebenen geführt.

Wenn man sich die Ebene der Gesetze betrachtet, sind eigentlich alle Voraussetzungen für die Strategie der „Austrocknung von Drogen“ gegeben. In den meisten Bundesstaaten ist der Konsum von Alkohol erst ab 21 Jahren erlaubt. Dies hindert den Großteil der High-School-Teenager aber nicht daran, sich auf der „Unsere-Eltern-sind-weg-und-wir-haben-sturmfreie-Bude“-Feier mit Budweiser oder leckerem Whiskey bis zur Besinnungslosigkeit zu eliminieren und am nächsten Morgen mit aschfahlem Gesicht den entsetzten Eltern zu erklären, dass so etwas nie wieder vorkomme und die nächsten drei Monate des sonntäglichen Kirchgangs auch gesichert seien. Diese Teenager-Erfahrungen werden in der Regel heimlich und exzessiv veranstaltet, dürften aber (noch) keine deutschen Jahrmarktsausmaße angenommen haben. Das „Drinking Age“ hält aber kein normal situierter Jugendlicher ein und scheitert an seinem unrealistischen Anspruch, junge Menschen möglichst lange von einer Volksdroge fernzuhalten.
Bei Vergehen wegen Cannabisdelikten reagiert die Justiz weniger gelassen als im Fall Alkohol. Obwohl das Recht von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich ist, geht der Trend zur härteren Strafe. Besonders fatal wirkt sich das vor wenigen Jahren eingeführte Prinzip „Three times – strike out“. Wer dreimal von der Polizei wegen Vergehen geschnappt wird, wandert in den Knast – unter Umständen für Jahre. So kann ein einfacher Ladendieb durch dreimal Kaugummiklauen sein Ticket hinter die Gitter und damit oftmals in die kriminelle Karriere buchen.
Kleinkiffern bereitet diese Maßnahme besonderen Stress. John, 31, aus Santa Barbara steht in der Zentraldatei schon zweimal wegen Cannabis drin. Bei jedem Joint geht in ihm auch die Angst um, dass es mit dem gesicherten bürgerlichen Leben vorbei sein könnte: „Ich habe einfach Angst. Wenn ich erwischt werde, kann ich nicht meinen Beruf als Architekt ausüben, meine Hypothek nicht abbezahlen, und was mit meiner kleinen Tochter wird, wüsste dann auch niemand. Und das wegen `ner kleinen Tüte ....“
Andere sind schon in die Justizmühle geraten, obwohl sie nur Hilfe für andere im Sinn hatten. So ist Robert S., ein Leiter eines medizinischen Cannabis-Club in der Nähe von San Francisco, wegen Anbaus von weit über 1000 Pflanzen angeklagt. Es droht ihm eine Haftstrafe von mindestens 10 Jahren, vielleicht sogar lebenslänglich. Zwar ist seit 1996 der medizinische Gebrauch von Cannabis straffrei, doch bei der Menge bewegte sich S. wohl in einer zu starken Grauzone. Da wollte der „drogenfreie“ Staat nicht mehr mitspielen.
Da dürfte es S. auch nicht trösten, dass andere Bundesstaaten noch drakonischer hinlangen. Der Besitz weniger Pflanzen kann in Oklahoma einen Gefängnisbesuch von 93 oder gar 150 Jahren (kein Scherz!) bedeuten. Es können sogar Kollektivstrafen zur Anwendung kommen. Mitbewohnern oder Familienangehörigen kann die Wohnung gekündigt werden, wenn illegale Drogen in der Wohnung konsumiert werden. So mussten zwei Großmütter ausziehen, nachdem ihre Enkel auf dem Parkplatz am Wohnblock gekifft hatten. Oma haftet für die Enkel.
Dagegen urteilte ein Bundesgericht kürzlich, dass ein jamaikanischer Rastafarian aus religiösen Gründen Cannabis besitzen und konsumieren dürfe. Religion kann eben vor dem ewigen amerikanischen Fegefeuer schützen. Man muss sich nur für die richtige entschieden haben.

Volksdroge „Repression“

Religion spielt bei der „drogenfreien Gesellschaft“, die die Politik vorgibt, eine große Rolle. Als im 17. Jahrhundert puritanische Siedler den amerikanischen Kontinent erreichten, besiedelten sie das Land nicht nur durch Menschen, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Es galt, ein schmuckloses, gottgemäßes Leben zu führen, das moralisch sauber daherkommt und keine Freuden kennt. Drogen (wie auch vergnügungsreiche Sexualität) gelten in dieser Ideologie als Ablenkung vom Leben – und deshalb als verpönt.
Spektakulärster Versuch, dieses Denken in Gesetze zu gießen, war das Alkoholverbot zwischen 1919 und 1929. Das Verbot konnte nicht aufrechterhalten werden, da es so massiv unterlaufen wurde, dass die Politik kapitulierte und sich nur auf einschränkende Gesetze verständigte. Heute gilt diese Phase als Musterbeispiel verfehlter und unverhältnismäßiger Drogenpolitik. Blühende Mafiastrukturen, mehr Straftaten durch die „normale“ Bevölkerung und eine gespaltene Gesellschaft – das Ende des Verbots verhinderte weiteres Ungemach.
Obwohl diese Politik schon wiederholt erwiesenermaßen keine Wirkung hatte, beschließt der amerikanische Kongress, vor allem wenn er von Konservativen dominiert wird, regelmäßig das Ziel „drogenfrei“, zuletzt im Jahre 2000. Beim Stichwort „harte Repression“ leuchten die Augen der Konservativen und sie glauben weiter, dass ihr Kampf mit ihrem Weg zu gewinnen sei.
Dafür wird dann ein gigantischer Geldbetrag zur Drogenbekämpfung eingesetzt. Ca. 21 Mrd. Dollar, manche schätzen bis zu 40 Mrd. Dollar (zum Vergleich: der deutsche Verteidigungshaushalt beträgt ca. 24 Mrd. Dollar), werden in den endlosen Kampf gepumpt. Mit einem gigantischen Repressions- und Polizeiapparat versucht die amerikanische Regierung, ihrem Anspruch gerecht zu werden. Gnadenlose Verfolgung und abenteuerliche Polizeieinsätze werden gefahren.
Die Erfolgsquote in diesem ewigen Kampf um die reine puritanische Seele sinkt proportional zu den eingesetzten Mitteln. Es gab zwar ca. 1,8 Mio. Verhaftungen wegen Drogendelikten, davon die Hälfte wegen Cannabis. Aber mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung hat schon mal gekifft, ca. 5% tut es regelmäßig. Das ist die höchste Quote aller westlichen Industrieländer. Bedeutsam werden die Zahlen erst, wenn man die Zahlen aus den Niederlanden damit vergleicht. Dort liegt vor allem die Quote der regelmäßigen Kiffer mit 2,5% deutlich niedriger.

Kratzen kann nicht schaden

Da ist es schon erstaunlich, dass im großen Land der Freiheiten und Möglichkeiten über Alternativen aber kaum jemand nachzudenken wagt. Kritische Stimmen regen sich nicht gegen die allgemeine Moral. Jeder scheint zu glauben, dass der andere eine rechtschaffene konservative Moral habe. Und traut sich wohl deshalb nicht, aus dem Ghetto der amerikanischen Prüderie auszubrechen.
Erstaunlicherweise bröckelt hinter der Fassade oft der Putz. Der Film „American Beauty” kratzt an der Fassade, als der “Held” Lester keinen Bock mehr auf sein herkömmliches Leben hat und beginnt, seine eigenen Vorstellungen vom Leben umzusetzen. Dazu gehört auch, einen durchzuziehen. Er hat mit einer amerikanischen Lebenslüge, wonach eine weiße Mittelklassefamilie nicht so leben könne, gebrochen. Sein Nachbar, der alte und strenge Marineoffizier, dem alles unmännliche zuwider ist, entzaubert seine unterdrückte Homosexualität. Auch was sehr unamerikanisches.
Vielleicht sollte Amerika öfter an seiner Fassade kratzen, dann kommt es zu einer ehrlicheren Drogendiskussion. Sonst gewinnen weiter die Heuchler und die Scheinheiligen – und die wurden von den Puritanern bestimmt nicht gewollt.
Marco Valentino


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