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Egalité, Liberté . . . Permettre?
Die französische Hanfpolitik
(Pub. Januar 2004)
Publiziert am: 08.01.04 - Medienformen: Medienform Text


Um die französische Hanfpolitik zu verstehen hilft es sich vor Augen zu führen, dass diese Nation ganz allgemein, sagen wir, partikular ist. Ich will damit nicht sagen, jeder einzelne Franzose hätte einen Schatten – ich kenne einige wirklich nette – jedoch entspricht es meinen – und, wie man von ansonsten durchaus tolerant Gesinnten so hört, auch anderen – Erfahrungswerten, dass „die Franzosen“ nicht wirklich so locker sind. Handgreiflichkeiten, Verkehrskontrollen um drei Uhr früh von wie SA-Männern anmutenden Polizisten mit schwarzen Overalls und Stablampen sowie hilfsbereite Zeitgenossen, die, englisch angesprochen, französisch antworten – ich hatte hier schon einiges erlebt – wie sagt man so schön: nichts Menschliches war mir fremd – und erwartete mir nichts mehr, außer vielleicht, schnell zur spanischen Grenze durchzukommen. Um einen weisen Mann zu zitieren: „Alle zwei Kilometer ein Kreisverkehr – kein Wunder, dass die Franzosen so schwindlig sind.“ Ein Premier, der aller medizinischen Forschung zum Trotz (denn an die glauben sie doch normalerweise immer so gerne) Hanf für die Einstiegsdroge zu Heroin hält, weil er „zwei Familienmitglieder durch harte Drogen verloren hat“ (was hat dann Hanf damit zu tun? Und welche harte Droge meint er damit? Beaujolais? Gauluoises?) und 33 Jahre alte hammerharte Hanfgesetze wie 20 Jahre Haft für den Besitz einer Pflanze oder satte zehn Jahre für das Rauchen eines Joints – wirkt sich das wirklich so direkt auf die Gemütslage eines Volkes aus? Aber es gibt sie doch, die Kiffer – die verkniffenen Kiffer . . . so unlocker weil’s keiner merken darf? Die Straße eine Bühne? Aber das ist doch eigentlich Italien? Und warum um alles in der Welt muss ausgerechnet Frankreich zwischen diesen beiden wunderbaren Halbinseln liegen? Fragen über Fragen. Aber der Reihe nach:
Ja es gibt sie die französischen Kiffer, und wie: Eine Studie des Büro für Drogen und Sucht (Office frainçais des drogues et toxicomanie OFDT) ergab, dass sich die Zahl der Probierer in den letzten zehn Jahren auf nun rund 9,5 Millionen verdoppelt habe. Von diesen hätten 3,1 Millionen in den letzten zwölf Monaten Cannabis konsumiert. 600.000 Regelmäßige (ab zehnmal im Monat, was meiner Meinung nach ein sehr unbrauchbares Kriterium für diese Aussage darstellt) soll es geben und 350.000 Tägliche. 45,7 Prozent der französischen Frauen, so kann man bei anderer Quelle nachlesen, und 54,6 Prozent der Männer über 17 haben sich bereits näher mit Santa Maria unterhalten. Ich frage mich, wie es sein muss, hier Kiffer zu sein. Hier, wo man für den Besitz geringer Mengen vier Tage lang festgehalten werden kann ohne einem Richter vorgeführt zu werden, wobei man vor dem dritten Tag kein Recht hat, mit einem Anwalt zu sprechen. Oh, wie schön wird Spanien . . .
Doch es gibt auch Parallelen zwischen den Ländern: Die französische Gesetzgebung galt einst, ebenso wie das in den 90er-Jahren entstandene „Ley Corcuera“ weiter südlich, dem Heroin und trifft in heutigen Tagen die, von deren Kraut die Wissenschaft mittlerweile sagt, dass es harmloser sei als Alkohol und Tabak. Und in diesem wie auch in jenem Rotwein-Tourismus-Land beschäftigen sich 90 Prozent aller Drogenprozesse mit ebenjenem Nesselgewächs. Hier allerdings erst durchschnittlich neun Monate nach der Anzeige, und auch dann nur in acht Prozent aller Fälle (2001; 1990 waren es immerhin noch 30 Prozent).
Obwohl dies ein himmelschreiender Unsinn ist – und das ja ohnehin normal auf dem Gebiet der Prohibition (die Summe aller Einzelblödheiten ergibt die Riesen-Gesamtblödheit oder p1 + p2 +…pn = P) – hat man dennoch einen interministeriellen Ausschuss (Mission Interministérielle de Lutte contre la Drogue et la Toxicomanie, MILDT) unter Vorsitz von Didier Jayle eingesetzt, um die Sinnhaftigkeit von Gesetzen, die praktisch nicht mehr angewandt werden, zu untersuchen. Selbst Innenminister Nicolas Sarkozy, der als „Law and Order“-Politiker gilt, bezeichnete die bestehenden Gesetze als überzogen. Wie hätte wohl der Vorschlag der Franzosen selber zu diesem Thema ausgesehen? So wie der von Sarkozy, Geldstrafen bis 1500 Euro, Sozialstunden und Sanktionen wie eine Beschlagnahme von Mopeds und Rollern oder Handys mit Eintrag ins Strafregister, oder doch eher wie der von Gesundheitsminister Jean-François Mattei, Strafzettel über 68 bis 135 Euro und gesundheitliche Aufklärung, was im Gegensatz dazu nicht aufscheinen würde? Das „Collectif d’Information et de Recherche Cannabique“ (CIRC) hat wieder eine ganz andere Meinung zum Thema. Die reduzierte mögliche Höchststrafe wird als Schritt in die richtige Richtung begrüßt, aber man fürchtet, dass in Zukunft weniger Verfahren eingestellt werden als heute: „Leute, die bisher nicht bestraft wurden, werden es ab jetzt“ meint etwa Francois-Georges Lavacquerie vom Kollektiv. Wenige hart geschlagene Sündenböcke kontra weniger Strafe für mehr Leute? Wer braucht in diesem Land Kreisverkehre, um schwindlig zu werden?
Damit noch lange nicht genug: Wer innenpolitisch erkennt, dass die Gummi-Gerichtskeule nicht mehr sinnvoll ist, muss das ja nicht gleicht außenpolitisch herumposaunen, nicht wahr. Stichwort: „Das wäre das falsche Signal“. Auja. Und deshalb bremsten die Franzosen zusammen mit den Schweden das Voranschreiten der Verhandlungen der EU-Justizminister über eine einheitliche Genussmittelgesetzgebung erheblich, indem sie harte Strafen bereits für minder schwere Delikte forderten.
Angesichts dieses Basilisken aus Suppression und Rückschrittlichkeit erfreuten mich die durchwegs positiven praktischen Erlebnisse umso mehr. Am ersten Abend in Frankreich und nach einem schweren Abschied von Italien treffen wir abends an einem Aussichtspunkt drei Marokkaner, die zu arabischer Musik aus dem Autoradio die Aussicht über den Hafen von Nizza genießen. Sie laden uns spontan zu einem Gespräch mit Maria Johanna ein, wir revanchieren uns mit heißem Tee aus der Thermos. So weit, so gemütlich. An so entlegenen Plätzen könne man es schon riskieren einen durchzuziehen, meint einer der Männer, aber ganz allgemein sei die Situation hier sicher nicht zu vergleichen mit Italien, wo er arbeitet. Über den Preis, den sie mir für Haschisch in Nizza nennen, zwei Euro das Gramm, muss ich mich doch sehr wundern, das wäre ja billiger als in Andalusien, allein ich habe keinen Nerv, dem auf den Grund zu gehen, die vier Tage wollte ich dann doch darauf verwenden, näher zur Grenze zu gelangen, anstatt die Räumlichkeiten der Exekutive näher kennen zu lernen. Dass auf die öffentliche Abbildung eines Hanfblattes mehrere tausend Francs Strafe stehen, erfahre ich erfreulicherweise erst, als ich das Land mit meiner Hanftasche bereits durchquert hatte und sicher bei den Hanfblatt-freundlicheren Spaniern angekommen war. Doch das ist eine andere Geschichte . . .
Claudia Grehslehner


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