Hanf Journal Logo Teil 1
Hanf Journal Logo Teil 2
*
  SITEMAP
 
  * Rubriken
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

*
 
*
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-

*
 
*
-
-
-

anderswo
Druckversion
Schukran Al-Mamlakah al-Mahgribiyah! *
Publiziert am: 07.05.03 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal mai03 artikel

Marokko, eines der Länder, dass Kifferherzen bei der Urlaubsplanung höher schlagen lässt. „kif“ kommt noch dazu aus dem arabischen und bezeichnet dort das Hanf-Tabak-Gemisch, das meist fertig gemischt im Plastiksäckchen, in den traditionellen Pfeifen - arabisch „sebsi“ - geraucht wird. Eine uralte Tradition. Doch der gewerbliche Anbau kam erst in den sechziger Jahren, mit den Hippies, in Schwung. Die läuteten die „Industrialisierung“ des Hanfanbaus ein. Ende der 70er Jahre betrug die Hanfanbaufläche bereits zwischen 5 und 10.000 Hektar. In den 80er und 90er Jahren breitete sich der Hanfanbau immer weiter aus. Im Verwaltungsbezirk Targuist etwa, zu dem auch die Provinz Ketama gehört, wurde 1995 in 11 von 14 Kommunen Hanf angebaut, wobei die Hanfanbaufläche jeweils zwischen 25 und 100% der gesamten bestellbaren Fläche lag.
Heute stammen geschätzte 70%, des in Europa erhältlichen Haschisch, aus Al-Mamlakah al-Mahgribiyah, wie es auf arabisch heißt. Wie funktioniert so etwas „gegen den Willen“ von UNO, WHO und EU trotzdem mehr oder weniger offiziell so lange, so gut? Meist durch Mitwirken der ganz Oberen. Wenn die Vereinigten Staaten von Amerika, Land der ehemaligen Alkoholprohibition und der 150-Jahre-Strafen für Hanfbesitz, Präsidenten haben können, die entweder nicht inhaliert haben oder leugnende Ex-Alkoholiker sind, dann könnte man in Einbeziehung des Naturgesetzes, dass Gut und Böse nur gemeinsam existieren, doch annehmen, dass es ein Land auf der Welt gibt, wo Staatsoberhäupter hinter einem Hanfanbau stehen.
Es gibt dieses Land. Marokko produziert jährlich geschätzte 3.000 Tonnen Haschisch. Ein Einkommen von 4.000 Millionen Dollar per anno, das übrigens in keinem Regierungsbericht erwähnt wird, ist für die Landverwalter höchstwahrscheinlich nicht uninteressant und war der Wirtschaftsuniversität in Valencia 1997 sogar eine Doktorarbeit wert. In dieser wird die Zahl der Hanfbauern auf rund 250.000 geschätzt. Zu diesen noch die Familien, Zwischenhändler, Mitverdiener dazugerechnet gibt einen Haufen Leute, die gut davon leben können. Ganz zu schweigen von der großen Anziehungskraft, die dieses landeseigene Charakteristikum auf Touristen hat.
Die Qualität des Haschisch ist selbst für eingefleischte Gras-Raucher beeindruckend. Die Tatsache, dass dort die Reibungswärme der Finger zum zerbröseln des gelben „Doble Zero“ ausreicht, in Verbindung damit, dass erstens Eselsmist brennt (und so auch alles, was mir Bautechnisch von Spanien aufwärts bisher in die Hände gekommen ist), dass es zweitens in Marokko viele Esel gibt und drittens die Marokkaner höchstwahrscheinlich wissen, wie man Gewinn macht, erinnern mich daran, warum ich das Zeug sonst meide.
Die meisten Touris kommen bis nach Chefchaouen, dort kann man sich eindecken und sich, noch von vielen Gleichgesinnten und Aussteigern aller Herren Länder umgeben, langsam an die arabische Welt gewöhnen, bevor man nach Marrakesch oder Fez weiterfährt. Manche kommen bis nach Ketama, quasi der Hauptstadt der Region, wenige ins Herz der Hanfkultur, ins Rif außerhalb von Ketama selbst. Das Rif ist ein im Nordosten des Landes entlang der Mittelmeerküste verlaufendes Kalksteingebirge. In den letzten Jahren sollen sich, laut Angaben der spanischen Tageszeitung El País, allerdings die Hanfanbaugebiete bis um die Gegend von Fez ausgebreitet haben. In dieser unwegsamen Region, die sich über 6.500 km erstreckt, leben viele Berber, quasi die Ureinwohner Marokkos (der Islam und die Araber kamen erst im 7. Jahrhundert ins Land). Die Gegend und ihre Bewohner waren seit jeher unbezwingbar und standhaft. Ob gegen die Tunesier im 10. und 11. Jahrhundert oder 1958 in der „rebelión de las montanas“ gegen die Spanier – man wusste sich zu behaupten. Bis zur Unabhängigkeit Marokkos 1956 stand das Rif unter spanischem Protektorat, und im Gegensatz zu den Franzosen erlaubten die den Hanfanbau weiterhin (und Francos in Marokko stationierte Leute freuten sich darüber). Die Spanier hatten unter den Marokkanern knapp 800 Jahre gelebt (vom 8. bis zum 15. Jahrhundert), nun war es umgekehrt, man kannte sich. Spanien hatte wohl auch deshalb in den 80er Jahren das liberalste Hanfgesetz der Welt, weil es so gute Lehrmeister hatte. Aznars politischer Ziehvater hingegen ist ein unter Franco tätig gewesener General, der sich nun als galizischer Provinzoberster austoben darf – sind Parallelen zu Kärnten und Haider zufällig? – und man sieht ja, wo das hinführt.
Doch zurück zu Marokko. Unter Hassan II wurde zum Thema Hanf so gut es ging geschwiegen. In den letzten Jahren seiner Herrschaft pflanzte man an den Hauptdurchfahrtsstraßen des Rif noch Getreide, Oliven- und Mandelbäume, heute reichen die Hanffelder bis an die Strassen heran, ein Umstand, von dem ich mich letztes Jahr selbst überzeugen konnte. Obwohl Innenminister Dris Basri nicht mehr im Amt ist, scheint sein „Libro Blanco“, welches eine Fläche von rund 60.000 ha zum Hanfanbau freigab und gleichzeitig den Besitz größerer Mengen oder den Handel verbot (so macht man das offiziell), nicht zur Diskussion zu stehen; und obwohl man sich von Hassans Sohn und Nachfolger, Mohamed VI, den gegenteiligen Trend erwartet hatte, stieg die Hanfanbaufläche von 80.000 ha 1993 auf 90.000 2000 und auf über 100.000 ha 2001. Mohamed VI war auch der erste Herrscher seit langer Zeit, der dem Rif einen Besuch abstattete.
Einfach so ins Rif zu fahren ist aber allem Anschein nach doch nicht zu empfehlen. Im Frühjahr 2002 sollte ich Ethan Russo, Herausgeber des Journal of Cannabis as Medicine, und Prof. Abderrahmane Merzouki von der Universität Granada bei ihren Untersuchungen zur Sehfähigkeitsverbesserung durch Hanf bei marokkanischen Fischern begleiten. Der Umstand, dass in zwei Tagen kein offizielles Dokument, welches mich als Mitglied des Forschungsteam auswies, ausgestellt werden konnte, verunmöglichte meine Teilnahme, da, laut Prof. Merzouki, die Gruppe so Gefahr laufe, bei jeder Polizeikontrolle im Rif stundenlang aufgehalten zu werden.
Mohamed VI bricht das Schweigen seines Vaters und sagt, was sein Vorgänger dachte: dass der Hanfanbau nicht verboten werden könne, solange es an Alternativen für die Bauern fehle. Die EU solle zuerst Kohle rausrücken (offiziell: „aktiv an einem Entwicklungsprogramm Nordmarokkos mitarbeiten“), doch bisherige Versuche wie das 200 Millionen Dollar schwere nationale Infrastruktur-Programm aus den Jahren 97/98 oder Ankündigungen wie die der spanischen Tabakfirma „Tabacalera“, Hanf durch Tabak zu ersetzen, hinterließen das Rif beeindruckend unbeeindruckt. Der Thronfolger hat die Argumente auf seiner Seite, und er setzt sie auch ein: Für Marokko selber stellt der Hanfanbau kein Problem dar, im Gegenteil. Die Probleme entstehen erst in Europa durch die Konsumenten. Wie könnten die diversen Staatengemeinschaften, die nicht mal einem nichtgewählten, dreimal inhaftierten „Präsidenten“ paroli bieten kann, der John Wayne spielen will und dabei das Leben unzähliger Menschen und den leisen Tod der Menschenrechte gerne in Kauf nimmt, diesem ehernen Gesetz des freien Marktes etwas entgegenhalten? In Spanien hat nicht mal Aznar es geschafft, die maurischen Wurzeln seiner Landsleute vergessen zu machen. 1999 wurden immer noch 400 Tonnen Haschisch in Espana beschlagnahmt. Man rechne den Teil hinzu, der es nicht wurde! Ich erinnere mich an einen Tag im Mai an der Universität Sevilla, wo zur Mittagszeit (also um etwa 14 Uhr) die Studierenden auf den Uni-Rasen strömten, die Tupperware-Dosen mit dem Lunch auspackten und danach mit einer mich Mitteleuropäerin beeindruckenden Selbstverständlichkeit in JEDER Gruppe von meist fünf bis acht Leuten „the-left-hand-side-move“ ausgeführt wurde.
Das bedeutet aber auch, dass Spanien quasi das Hauptabnehmerland für Marokko ist. José María Mendiluce, spanischer Eu-Abgeordneter, humanitärer UN-Funktionär und erklärter Prohibitionsgegner meinte in einem Interview mit der spanischen Zeitschrift „El Cánamo“, Marokko sei das erste Land, wenn es darum ginge, eine Kampagne in Spanien zu finanzieren, welche eine Relegalisierung verhindern würde, und nennt dies ein weiteres Beispiel von vielen, dass sich die Interessen der Prohibitionisten oft generell mit denen der Produzenten und Händler treffen würden. Beim Hanf ist dies ja auch etwa bei den Pharmafirmen der Fall. Und bei letzteren betrifft dies auch Substanzen wie etwa Opium. Und so weiter. So ist alles miteinander verflochten.
Eine Lösung wäre eine Relegalisierung von Hanf in Europa, seine Verwendung zur Herstellung von Medikamenten, sein Verkauf in Apotheken (wie bis in die 70 Jahre in Spanien üblich), und offizielle Abnehmerverträge mit Marokko, Amerika wird dadurch wahrscheinlich in Hysterie verfallen, aber dann machen wir eben einen Marshmallow-Plan und helfen denen dabei endlich mal, ein bisschen lockerer zu werden. Mal wird wohl noch träumen dürfen….

* Danke Marokko!



Claudia Greslehener


Druckversion
 
*
 Aktuelles HanfJournal
-