Hanf Journal Logo Teil 1
Hanf Journal Logo Teil 2
*
  SITEMAP
 
  * Rubriken
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

*
 
*
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-

*
 
*
-
-
-

anderswo
Druckversion
Viel Rauch um den Moonfisher
Im Herzen des „Freistaats Christiania“ liegt Kopenhagens einziger Coffeeshop
Publiziert am: 04.05.04 - Medienformen: Medienform Text


Die Tür geht auf. Ein Grönländer auf Stelzen bückt sich unter dem Rahmen hindurch. Nach zwei langen Schritten steht er an der Theke, bestellt Capuccino. Haschisch-Duft liegt in der Luft. An einem Tisch sitzen zwei Türken, sie sind in ihr Bakkara-Spiel vertieft. Ein Jugendlicher am Billard-Tisch hat die Bauarbeiten an seinem Joint beendet und fragt nach Feuer. Der Rasta-Mann daneben zieht ein Feuerzeug aus der Hosentasche, verstaut die Dreadlocks, die ihm ins Gesicht hängen, unter seiner rot-gelb-grünen Häkelmütze und versenkt die blaue Kugel. Einer der Bakkara-Spieler schlendert zur Theke, zieht ein Longpaper aus dem Kästchen darauf, wundert sich kurz über den Dreimeter-Grönländer und kehrt zu seinem Spiel zurück. Im „Moonfisher“ treffen sich viele kuriose Gestalten. „Jim Carrey, der Schauspieler, der sein Gesicht so krass verziehen kann, war auch schon hier“, sagt Sandra (30), die Bedienung. Sie ist fast jeden Tag hier, zum Entspannen, zum Rauchen – und zum Arbeiten.

 

Kiffen ist auch in Dänemark verboten. Doch im „Moonfisher“ stört das keinen. Der Coffeeshop liegt im „Freistaat Christiania“, hier hat die Polizei weniger Macht als anderswo. 1971 stürmten Hippies und Studenten das brach liegende, 32 Hektar große Kasernengelände nahe dem Zentrum der dänischen Hauptstadt und riefen ihren Freistaat aus. Mehrere Räumungsversuche der Polizei scheiterten, im Jahr darauf erhob die Regierung Christiania in den Status eines „sozialen Experiments“, inzwischen leben 862 Menschen in Christiania. In dem Gebäude, das die zentrale Heizanlage für die Kasernen beherbergte, entstand der Coffeeshop „Sunfisher“. Der brannte Mitte der Siebziger aus und wurde 1977 unter dem Namen „Moonfisher“ wieder eröffnet.

 

Einen Chef hat Dänemarks einziger Coffee Shop nicht. Wie fast alles in Christiania wird der „Moonfisher“ im Kollektiv betrieben. Sandra ist eine von rund 40 ehrenamtlichen Beschäftigen. Wer im „Moonfisher“ kiffen will, kann sein Dope auch auf der wenige Schritte entfernten Pusher Street kaufen. Nach der Festnahme von 63 Dealern im März wurde der offene Verkauf weicher Drogen in Christiania allerdings eingestellt. Die Verkaufsstände, an denen Haschisch und Marijuana in großer Auswahl angeboten wurden, sind verschwunden. Die Pusher, die nicht im Knast sitzen, haben meist nur noch eine Sorte Haschisch dabei, an Gras ist schwerer ranzukommen. Dennoch ist die Versorgungslage in Christiania besser als im Rest der EU, wenn man von den Niederlanden absieht. Das lockt natürlich Rauch-Touristen. Nach dem Vergnügungspark „Tivoli“ im Zentrum Kopenhagens ist Christiania mit einer halben Million Besucher im Jahr zweitgrößter Publikumsmagnet Dänemarks .

 

Vor dem „Moonfisher“ sitzen an diesem Tag viele Christianiter und Besucher, genießen ein kühles Getränk, kauen auf einem „Moonshine“-Sandwich oder rauchen ihre Joints. Zwei Jungs und ein Mädchen spielen HackySack, lassen sich von einer Touristen-Gruppe bewundern. Die Wiese vor dem „Moonfisher“ ist mit Menschen übersät, sie lauschen der Live-Musik, die der milde Frühlingswind aus der Pusher Street herüber trägt. Dazwischen zwei Männer in weißen Kimonos. Breitbeinig stehen sie da, führen hölzerne Schwerter durch die Luft, stoßen sie in imaginäre Gegner – fernöstliche Kampfkunst völlig synchron. Plötzlich nimmt der Ältere sein Schwert runter. Der ergraute Samurai schaut grimmig auf einen Besucher, der schaut durch seine Kamera zurück. „No photo, please!“, ruft der Schwertkämpfer und die Kamera verschwindet in einem Rucksack. Wenige Schritte weiter, in der Pusher Street, ist Fotografieren sogar offiziell verboten. Die Haschisch-Verkäufer sind verständlicherweise kamerascheu. Fotoapparate allzu dreister Besucher landen schon mal krachend auf dem Boden.

 

Vor zehn Jahren entzog die Regierung dem „Moonfisher“ die Schanklizenz, weil die Christianiter den Cannabis-Konsum im „Moonfisher“ nicht verbieten wollten. Seither gibt’s nur noch Getränke ohne Alkohol, das tut der Stimmung allerdings keinen Abbruch. Selbst Weltstars schätzen die Atmosphäre hier. „Nach seinem letzten Konzert in Kopenhagen war Lenny Kravitz hier“, erzählt Sandra. Zwischen 10 und 12 Uhr serviert sie den Gästen Eier und Speck zum Frühstück. Dänische Zeitungen zur politischen und kulturellen Bildung der Gäste liegen immer aus. Dienstags, mittwochs, donnerstags und sonntags hat das „Moonfisher“ von 10 bis 24 Uhr geöffnet, freitags und samstags eine Stunde länger. Doch das sind nur offizielle Öffnungszeiten. „Natürlich berücksichtigen wir die Wünsche unserer Gäste“, sagt Sandra. Nur der Ruhetag, Montag, der wird eingehalten.

 

Seit Anfang des Jahres wächst der politische Druck der rechts-konservativen Regierung Dänemarks auf den Freistaat. Tag und Nacht patrouilliert Polizei in Christiania. „An manchen Tagen schauen sie sogar zweimal im „Moonfisher“ vorbei“, stöhnt Sandra. Doch das Frühwarnsystem des Freistaats funktioniert zuverlässig. In Christiania tragen viele eine Trillerpfeife um den Hals. Bevor Polizisten das „Moonfisher“ betreten, werden die Gäste durch ein schrilles Pfeifkonzert gewarnt und verstecken ihre Joints. „Das ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Jeder weiß doch, dass hier gekifft wird“, sagt Peter Post (56), der als Botschafter des Freistaats mit Polizei und Regierung in Kontakt steht. „Wir haben die Vereinbarung, dass in Christiania keine Jagd auf Kiffer gemacht wird, sondern nur auf die Händler.“ Am Nachmittag des 13. April wurde diese Vereinbarung gebrochen. 20 Polizisten wollten einen harmlosen Kiffer verhaften. Nach einem kurzen Gerangel flogen Steine. Die Polizisten flohen in eine Bar. Erst als zusätzliche 100 Mann eintrafen, wagten sie sich wieder heraus und verhafteten wahllos 23 Anwesende. Ein Versehen. „Wir haben die Polizei gebeten, ihre übernervösen Kollegen einfach nicht mehr mitzubringen“, sagt Peter Post. Seine Nerven sind in diesen Tagen gespannt. Denn noch bevor die Politiker im Juni in ihren Sommerurlaub fahren, will die rechtskonservative Regierung im Parlament durchboxen, dass Christiania „normalisiert“ wird, das heißt dichtgemacht. Viele Christianiter behaupten, die Polizei-Aktion am 13. April sei eine gezielte Provokation gewesen, um im Parlament und in der Bevölkerung Stimmung gegen den Freistaat zu machen. „Ich glaube nicht, dass wir es schaffen, Christiania ganz alleine vorm Ende zu bewahren“, sagt Peter Post. Post setzt auf Unterstützung großer internationaler Künstler und auf die starken Sympathien der Leute in Dänemark und auf der ganzen Welt. „Jeder trägt einen Hippie in sich. Die meisten lassen ihn leider bloß nicht raus.“

 

Wer etwas für den Erhalt von Christiania tun möchte, kann sich auf der Internet-Seite www.christiania.org in eine Liste eintragen, ein „BEVAR CHRISTIANIA“-Shirt bestellen oder einfach hinfahren und durch seinen Konsum die örtliche Wirtschaft unterstützen.

David Paschko
Versenden: Artikel drucken Druckversion Versenden: Artikel bookmarken bei einem ServiceBookmark it!

Mehr zum Thema:

- Diskutiere das Thema im Hanf Journal Forum

 
*
 Aktuelles HanfJournal
-