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anderswo
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Heimat fremde Heimat
Publiziert am: 01.11.03 - Medienformen: Medienform Text


Auf dem Weg in den Süden und ins freie Leben liegt, quasi als Zwischenstation, das Alpenländle. Das Berufliche und Bürokratische zu regeln und meine Leute noch einmal zu sehen ist der Plan. So sitze ich mit guten Freunden und erfahrenen Growern zusammen und stelle erstaunt fest, dass ihnen der Name Anslinger absolut nichts sagt, sie generell von der Geschichte des Hanf herzlich wenig wissen.. Bin ich da überempfindlich, verlange ich zu viel? Ist es notwendig sich mit der Pflanze an sich auseinander zu setzen um sie zu konsumieren? Sicher nicht. Doch die Situation erinnert mich an das, was Christian Rätsch bei der entheogenen Fachtagung in Berlin erzählte: „Der Angestellte des botanischen Gartens, der die Führungen macht, hat mir verwundert berichtet, dass die Leute sich überhaupt nicht für die Pflanzen an sich interessieren (Herkunft, Geschichte, traditionelle Verwendung etc.), sondern immer bloß wissen wollen wie sie wirken und mich gefragt, warum das in aller Welt so sei. Leute, ich denke, dass Ehrfurcht vor der Natur, die uns diese Erlebnisse schließlich schenkt, absolute Voraussetzung ist.“
Nicht nur Einzelpersonen, auch Österreich an sich hat noch einen langen Weg hin zum vernünftigen Umgang mit Genussmitteln vor sich, die Mostschnuller-Tschikbuden-Mentalität ist allgegenwärtig und mit jedem Tag der ÖVP-FPÖ-Regierung wird der Weg ein bisschen länger, denn momentan geht es in die exakt falsche Richtung. Blau-Schwarz hat (sich) hier schon viel geleistet: De facto-Ausweitung der Kriminalisierung durch Absenkung der Grenzwerte für die „geringen Mengen“, Lebenslänglich für Drogenverkäufer, Drogentests im Straßenverkehr und damit Entzug der Arbeits- = Lebensgrundlage unzähliger Voll-Fahrtüchtiger durch Führerscheinentzug bei THC-positiven Werten bzw. trotz negativer Werte, sofern der Amtsarzt es besser zu wissen glaubt als der Test. Ich hoffe inständig, die Liste ist komplett.
Doch damit nicht genug: Anfang September wärmte Salzburgs Glanzlicht Karl Schnell einen alten Dauerbrenner der FPÖ wieder auf und forderte die Einführung unangekündigter, vom Schularzt durchzuführender Drogentests an Salzburgs Schulen – und zwar für Schüler UND Lehrer. SPÖ-Landtags-Abgeordneter David Brenner rechnete vor, dass dies alleine in Salzburg rund 60.000 Menschen beträfe und konterte, ob die FPÖ die Tests in weiterer Folge auch auf Erziehungsberechtigte auszuweiten gedenke?
Und noch einen weiteren Geistesblitz konnte sich Schnell von der Anti-Drogen-Klausur seiner Partei in Saalbach-Hinterglem mitnehmen: Er wünsche sich von den österreichischen Betrieben, dass sie zukünftig (vorläufig noch freiwillig) nach amerikanischem Vorbild unter ihren Mitarbeitern Urintests durchführten und hoffe hierbei auf die Zusammenarbeit mit AUVA und den Sozialpartnern. Nein, es reicht schon längst nicht mehr, im Job seinen Mann/seine Frau zu stehen, um zumindest in der Freizeit tun und lassen zu können, was man will. Darum geht es auch nicht. Ziel ist es, einen Polizeistaat zu schaffen, mit gläsernen, genormten Bürgern, ausgerichtet an abstrusen Wertvorstellungen einer bigotten Gesellschaft, die den Individualismus und die persönliche Freiheit zu ihrem erklärten Feindbild auserkoren hat. Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen wie dem Karlsplatz in Wien waren ein erster Schritt, dies könnte der logische nächste sein. Zur so fruchtbaren Anti-Drogen-Klausur der FPÖ stellt sich mir noch die Frage, ob diese ausschließlich mit Mineralwasser und Kaugummi-Zigaretten über die Bühne ging?
Zurück zu meinen Leuten: wie viele sind Problemkonsumenten, und was ist das überhaupt? „Jugoslawisches Outdoor, miese Qualität, aber immer noch besser, als gar nichts zu rauchen“ höre ich da, und vermute, dass es demjenigen momentan nicht gerade blendend gehen kann, wenn er so vom Stimmungsaufheller abhängig ist, dass er für etwas sein Geld ausgibt, von dem er weiß, dass es nicht gut ist. Andere schlagen aus Mangel an Alternativen bei 10 Euro pro Gramm zu, ist die Not groß, akzeptiert man auch Wucherpreise. Wohin ich mich auch wende, nirgends finde ich die viel zitierten Gelegenheitskonsumenten, die „Hin-und-Wieder-Mal-Raucher“, sondern ausschließlich Dauerkonsumenten, wobei ich hinzufügen möchte, dass ich diese nicht automatisch mit Problemkonsumenten gleichsetze. Es gibt sie durchaus, die Dauerkonsumenten, die täglich kiffen und kein Problem damit haben, wenn mal nichts da ist – allein, sie sind anscheinend sehr selten. Erst, als ich schon beinahe aufgegeben habe, werde ich schließlich fündig. Im Süden des Landes treffe ich welche, die haben seit drei Monaten ein Teil zuhause liegen und „einfach keine Lust drauf“. Es gibt sie also doch. Ich bin wirklich erleichtert.
Am letzten Abend beschließe ich, mich in den Kreis der Gelegenheitsdingsda einzufügen und bin gespannt, wie das nach doch längerer Abstinenz so sein wird. Im Kreise guter Freunde hilft mir der Hanf mich auf den Moment einzulassen, löscht all die Dinge, die noch zu erledigen sind vor der Abreise von der Festplatte und hilft mir dabei, mich wirklich mit jeder Faser und ganzem Herzen von den Menschen, die mich umgeben, verabschieden zu können. Hinsichtlich der Lebensumstände, in denen sich viele befinden, verstehe ich nur allzu gut, warum sie diese kleine artifizielle Hintertür zum Paradies so dringend brauchen – sein Leben umzukrempeln, sodass es einem auch ohne Hanf (Alkohol, Zigaretten, . . .) gut ginge, wäre bedeutend mehr Arbeit.
Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem Fabrikgelände vorbei, wo spät in der Nacht unter Flutlicht und ohrenbetäubendem Getöse gearbeitet wird. Genau hier haben sich unzählige Zikaden im Gebüsch gegenüber positioniert und lärmen mit den Maschinen um die Wette. Zunächst wundere ich mich darüber, dass die Männchen diesen unvorteilhaften Platz für das Werben erwählt haben, doch dann kommt mir spontan eine Idee: was, wenn ich hier Zeuge einer Zikadendemo gegen Menschenlärm geworden bin, frei nach dem Motto: „Von euch lassen wir uns nicht unterkriegen, schließlich sind wir schon länger hier!“ – „Macht weiter so, Jungs!“ murmle ich halblaut und gehe breit grinsend weiter. Solche Ideen kommen mir bis jetzt nur, wenn mir der Hanf auf die Sprünge hilft. Das soll sich in den nächsten Monaten ändern.

Claudia Grehslehner


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