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anderswo
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Grünzeug auf der Frisbeescheibe
Ein Streifzug durch das zentralasiatische Kasachstan
Publiziert am: 08.10.02 - Medienformen: Medienform Text


Ein Land, eingeklemmt zwischen Sibirien und Afghanistan, zwischen China und dem Iran – sich Kasachstans Ausmaße im Kopf vorzustellen, verlangt viel Fantasie. In der Mitte Zentralasiens befindet sich ein Staat mit einer riesigen territorialen Ausdehnung, der achtmal die Fläche Deutschlands umfasst. Wenige hohe Berge im äußersten Süden, ein schrumpfender „See“, der Aralsee im Westen. Der große Rest wird geprägt von kasachischer Steppe: unendliche Weiten, unerforschte Galaxien, die noch niemals ein Mensch betreten hat, flach wie eine Frisbeescheibe. Auf dem staubtrockenen Boden wachsen höchstens die goldgelben Steppengräser und in den Gärten etwas Gemüse. Eine Pflanze trotzt in ganz Kasachstan den kargen Bedingungen: Hanf.

Tief im Süden Kasachstans liegt die ehemalige Haupt- und Millionenstadt Almaty. Abgeschirmt von den Anfängen des Himalayas erstreckt sich die Stadt hin zur offenen Weite der Steppe. Die Häuser verschaffen einen weiten Blick über die Metropole. Doch erst bei näherer Betrachtung fällt die bunte Mischung verschiedenster Völker auf. Am stärksten prägen wohl die slawischen Bewohner Almaty. In der Zeit der Sowjetunion wanderten diese und damit auch die Alltagssprache Russisch in die Stadt ein. Etwa 30 % dieses Teils der Bevölkerung lebt in Zentralasien, doch es werden aufgrund mangelnder Perspektiven von Tag zu Tag weniger. Viele Russen gehen zurück in die „Heimat“, wo sie mit „Begrüßungsgeld“ und vielleicht einem Job empfangen werden. Auf dasselbe Schicksal hoffen die wenigen noch verbliebenen Kasachstandeutschen. Die Fahrkarte zur deutschen Botschaft gilt dabei für viele als Ticket zu blühenden Landschaften. Die verbliebenen Kasachen, die im Aussehen Mongolen ähneln, dominieren zunehmend das Straßenbild. Konflikte zwischen den Volksgruppen hat es in den 10 Jahren seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion glücklicherweise selten gegeben. Was am Balkan zwischen Serben und Kroaten, später auch mit Bosniern und Albanern alltäglich war, ist in Kasachstan (noch) undenkbar.

Hanf an jeder Ecke

Läuft man durch die Straßen von Almaty, kann man am Straßenrand ein wundersames Gewächs immer wieder finden. Hanf wächst hier an jeder Straßenecke - manchmal als Einzelpflanze, manchmal als größerer Busch. Doch rauchen sollte man das Gras nicht, wie der deutsche Journalist Heinz, der seit zwei Jahren in Almaty lebt, empfiehlt: „Der Hanf ist zwar THC-haltig, doch beim Rauchen wird einem echt schlecht. Die Versuchung, auf dem Weg nach Hause ein Blatt mitzunehmen, ist zwar groß – aber meine Straßenhanferlebnisse möchte ich nicht noch einmal haben.“
In Almaty muss dennoch keiner auf den Cannabisgenuss verzichten. Zu stark ist Zentralasien in alle möglichen Versorgungswege eingebunden und gilt als Transitland schlechthin. Die Drogenstraße führt von Usbekistan, Afghanistan und Kirgisien, die alle südlich des Landes liegen, durch Kasachstan nach Europa. Grenzbeamte schauen bei einer entsprechenden Bezahlung gerne mal weg, wenn Schlafmohn oder Hanf die Grenze passieren.

Tarife für die Freiheit

Hanf ist trotz der großen Menge, die im Land vorhanden ist, verboten. An Legalisierung würde im Land wohl niemand denken, wo Alkohol und insbesondere Wodka Volksdroge Nummer eins ist. Das Cannabisverbot hat für die Polizei noch einen hübschen, für sie sogar lebenserhaltenden Aspekt.
Juri sitzt am Stadtrand der futuristischen neuen Hauptstadt Astana, schaut in die Abendsonne, dreht einen extra dünnen Joint und sinniert: „Wenn sie Dich erwischen, dann kann man schon einige Zeit im Knast landen. Aber in Kasachstan gibt es für alles ‚Tarife’. Bezahlt man entsprechend, ist man wieder frei. So einfach ist das.“ Seine Freundin Jelena sitzt daneben und berichtet von ihren leidvollen Erfahrungen: „Wir sitzen im Park, die Miliz kam vorbei und schon war es aus. Letztendlich hat es uns 5.000 Tengi (ca. 35 Euro) gekostet, um wieder rauszukommen.“
Die alltägliche Korruption, von denen sich die meisten Polizeibeamten ernähren, führt bei vielen, vor allem den Ärmeren, zu tiefem Frust. So mancher blickt in den staubigen Hinterhof und muss neben der Kinderschaukel eine Einwegspritze entdecken, die ein Junkie in der letzten Nacht fallen ließ. Bei Preisen von unter einem Euro pro Schuss und einer gehörigen Portion Zukunftsfrust hängt mancher schneller an der Nadel als er denkt. „Doch diese armen Hunde lässt der Staat hängen“, empört sich Juri weiter.

Paradies auf Erden?

Eine Reise durch Kasachstan bedeutet endlose Fahrten durch die endlose Steppe. Gelbes Steppengras weht im Wind, der Rest ist Weite. In der Mitte der Steppe ragen einzelne Städte heraus, so wie Semipalatinsk: 400.000 Einwohner, eine gigantische neue japanische Brücke, ein breiter asiatischer Strom, der Rest erinnert an die Plattenbauviertel in Jena-Lobeda oder Berlin-Marzahn. Hart getroffen wurde die Stadt in der Sowjetzeit, als ohne Wissen der Bevölkerung ganz in der Nähe Atombomben getestet wurden. Die Bevölkerung als Versuchskaninchen – zynischer können Diktaturen nicht sein.
Mit den Folgen hat die Bevölkerung noch heute zu kämpfen, auch wenn sie natürlich versucht, das Beste aus der Vergangenheit zu machen. Der Student Nadjar, Kasache, leicht überdreht, genießt den Abend im Park und schwärmt vom Paradies, das sich 1.000 Kilometer südlich der Stadt befinden soll: „Zhu, Zhu – da muss man hin! Ein Hanffeld von der Größe der Schweiz – Hanf, soweit das Auge reicht! Das ist das Paradies!“
Die Dimensionen in K(r)asachstan sind größer als in Europa. Persönlich bereist hat Nadjar das Gebiet noch nie, aber ein Reiseziel ist es für ihn schon. Schließlich gilt Zhu als das gelobte Land in der Kiffergemeinde Kasachstans – bei Heinz, Jelena, Juri und Nadjar. Sie träumen alle von dieser großen Legende – gesehen haben sie es noch nie.


Marco Valentino


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