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anderswo
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Freiheit ist ein junger Mann?
Publiziert am: 02.09.03 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal september03 artikel hanf journal ontour

Der Wind rauscht in den Zweigen der Apfelbäume und macht die Hitze erträglich. Wespen delektieren sich an den zu Boden gefallenen Äpfeln. Hin und wieder schiebt sich eine Hornisse wie ein Schlachtschiff durch die davon stiebenden kleineren Insekten. Ich liege auf dem Teppich im Schatten, die Augen geschlossen und spüre intensiv das Glücksgefühl, dass mich durchfließt. Die letzten zehn Monate harter Vorbereitungsarbeit liegen endlich hinter mir, nun bin ich vogelfrei, die Wohnung wurde gegen einen Campingbus eingetauscht, der fürderhin als mein Hauptwohnsitz fungieren und mich durch die Lande Richtung Spanien bringen wird. Ohne Uhr, ohne Termine, ohne Handy, dafür mit umso mehr Zeit und Muße. Eine Jungakademikerin auf Abwegen – ich würde eher sagen Aufwegen – ist für „die Gesellschaft“ ein eher resistenter Denkanstoß. So genannte „gescheiterte Existenzen“, die sich aus der Gesellschaft vertschüssen, um an dem System, in dem sie nicht bestehen, vorbeizuleben, machen für Normalsterbliche ja noch irgendwie Sinn. Eine G´studierte aber, weder allzu hässlich noch dumm, der alle Türen offen stünden, noch dazu mit einem durchwegs interessanten (und ohnehin schon rebellischen) Spezialgebiet – warum entscheidet die sich gerade für jene Tür mit dem Batikvorhang, hinter der es nach wenig Luxus und noch weniger Sicherheit, dafür aber umso mehr nach Räucherstäbchen riecht? Ist es so, dass die Gesellschaft ihre intellektuellen Potenziale, sobald sie der vermaledeiten Droge Hanf verfallen sind, als gehirnzersetzt abschreiben kann? In gewisser Weise ja. Wer einmal in den Genuss der Freiheit gekommen ist, der weiß, dass die viel gepriesene „Sicherheit“ deshalb so schal schmeckt und so heftig beworben werden muss, weil es sie nicht gibt. Wer einmal wirklich realisiert hat, dass es vor dem Tod kein Entrinnen gibt, der entwickelt daraus die Kraft, so zu leben, wie es seinem Innersten entspricht, auch wenn dies gegen konventionelle Regeln verstoßen sollte. Wer an dem Punkt angelangt ist, da innere und äußere Werte deckungsgleich werden, wird feststellen, dass es keiner weiteren Hilfsmittel, wie etwa dem Hanf, bedarf, weil man mit dem, was ist und was man ist, vollauf zufrieden ist. Man genügt sich selbst und das wird erstaunlicherweise nicht langweilig. Stimmen die inneren und äußeren Werte, wie das meistens der Fall ist, nicht überein, so kann man, etwa mithilfe von Hanf, einen Zustand erzeugen, der dem natürlichen sehr ähnelt, nur wird dieser nicht verinnerlicht, bleibt also nicht vollständig bestehen, nachdem die Wirkung verklungen ist, da er ja nicht aus sich heraus entstanden ist. Und tatsächlich scheint es so, dass diese Phasen des Einsseins mit sich selber eine Starterfunktion haben können. Die Fragen, die man sich während eines Rausches stellt, die Einsichten, die man währenddessen erhält, die Themen, die man diskutiert, sie alle wirken im nüchternen Zustand nach. Diese Tür zu sich selbst geht mit Hanf leichter auf, durchgehen aber muss man selber.
Die Reaktionen angesichts der geöffneten Tür sind variabel. Manchen genügen sporadische „Kurzurlaube“ vom ganz normalen Wahnsinn, um im bestehenden System weiter leben zu können, und sie beschließen, dieses System erst gar nicht zu hinterfragen, weil dies mit zuviel Aufwand verbunden wäre. Andere registrieren allfällige Missstände, lokal oder global, im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben sehr wohl und reagieren darauf mit erhöhtem Konsum. Dieses „Sich-Wegstellen“ mag wohl temporär eine Kompromisslösung sein, man sollte jedoch nicht vergessen, dass sich die Seele nicht heilen kann, wenn sie ständig betäubt wird. Viel zu viele kriegen diese Kurve nicht mehr, bunkern sich in Selbstmitleid ein und lassen das Endlosband der verpassten Chancen und der ungerechten Welt laufen. Manche konstruieren, so gut es geht, innerhalb des Systems ihre eigene kleine Welt, und vermeiden es, diese zu verlassen. Wieder andere verfallen dem Missionarsfieber und meinen, ihren Weg auch allen anderen aufschwatzen zu müssen, anstatt damit zu beginnen, den eigenen endlich einmal zu beschreiten. Einige schaffen das Spagat zwischen Realität und Sozialutopismus, sodass ein erfülltes, glückliches Leben möglich ist. Doch dazu muss man sich seinen eigenen Bedürfnissen erst einmal stellen.
Bewusstseinsverändernde Substanzen können nur das wachrufen, was ohnehin schon vorhanden ist. Wer nach Alkoholkonsum aggressiv wird, ist es auch im nüchternen Zustand. In diesem Sinne sollten auch die durch Hanf gemachten Erfahrungen auf das eigene Leben angewendet werden, denn das Ignorieren dieser kommt einem Missbrauch der Substanzen gleich.
In indigenen Kulturen gibt es für den Gebrauch bewusstseinserweiternder Substanzen meist strenge Riten und selten werden sie zum Spaß verwendet. In der „Kultur“, in der wir leben, fehlen diese Anleitungen zum verantwortungsvollen Umgang bei illegalisierten Substanzen völlig, bei den legalen herrscht meist das andere Extrem, die völlige Verharmlosung zum Wohle des freien Marktes. Dies folgt dem unserer Gesellschaft zugrunde liegenden Muster, dass es niemals um das Wohl des Einzelnen geht, sondern um die Erhaltung des bestehenden Systems. Unter diesem Gesichtspunkt ist Hanf natürlich alles andere als harmlos.
Unsere Gesellschaft benötigt viele kleine Räder, die sich fleißig drehen, ohne danach zu fragen, warum sie das eigentlich tun. Eine individuelle Sinnfindung ist dazu nicht nötig, deshalb wird sie vom Staat auch nicht gefördert. Wer zuviel arbeitet, isst, raucht, trinkt, darf auf Staatskosten ins Krankenhaus, wer durch eine Psychotherapie, Yoga oder „Alternativmedizin“ mehr über sich selbst erfahren möchte, darf selber löhnen. Vieles in unserem System ist darauf ausgelegt, den Einzelnen daran zu hindern, über sich nachzudenken. Wirtschaft und Staat verwischen fein säuberlich die Grenze zwischen Wollen und Brauchen, bis der Unterschied für viele nicht mehr erkennbar ist und die Diskrepanz zwischen dem, was man will und dem, was man hat, anscheinend unaufhörlich wächst. Immer wieder werden neue Wünsche erschaffen, denen nachzujagen zu viel Zeit beansprucht, um sich auch noch über die Sinnhaftigkeit Gedanken zu machen. Wer nicht in den Luxus kommt zu reisen und andere Kulturen und Wertesysteme zu erleben, dem fehlt es oft auch an Vergleichsmöglichkeiten, dass es auch anders gehen kann. Unzählige Freizeitaktivitäten, Shopping Center, Megakinos, Medien fungieren als „Hauptfluchtwege“ für Zerstreuungswütige, vorausgesetzt, man hat genug seiner Lebenszeit vermietet und sich dadurch den monetären Zugang „verdient“. Der Tagesablauf vieler Menschen gleicht einer Aneinanderkettung von Süchten, der morgendliche Kaffee, das neueste Trinkfrühstück, die Kleidung mit Namen, die Zigaretten, das Bier zum Essen, das neueste Handy, . . . die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen. Solche Süchte, wie etwa die Arbeitssucht, werden gefördert. Die Wenigsten fragen sich, ob sie überhaupt arbeiten wollen, und wenn ja, wie viel und wie. Arabische Händler, die genug für den Tag verdient haben, sperren ihr Geschäft zu, egal wie spät es ist, denn sie verdienen das Geld für morgen eben – morgen. Parallelen zu „unser tägliches Brot gib uns heute“ (und nicht das von morgen auch schon) drängen sich auf, und dennoch ist uns dieses Leben in der Gegenwart so fremd geworden, ausgetrieben vom Sicherheitswahn, der uns in Form von Lebensversicherungen Wetten auf unsere eigene Gesundheit abschließen lässt.
Ich nehme mir die Freiheit, mal über das Ganze nachzudenken und dann in Ruhe meinen Lebensweg auszuwählen. Nur die Gegenwart kann man leben, Vergangenheit und Zukunft kann man nur denken. Hanf kann dabei helfen, mehr in der Gegenwart, „da“ zu sein, bei sich selbst. Das Ziel ist es jedoch, diesen Zustand ohne Hilfsmittel zu erreichen, indem man seinen ganz speziellen persönlichen Lebensweg findet. Frei sein kann man überall, wenn man den Mut hat, der/die zu sein der/die man ist.



Claudia Greslehner


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