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anderswo
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Käuter der Provinz
Unterwegs in Frankreichs unbekannten Regionen
Publiziert am: 05.08.02 - Medienformen: Medienform Text


Frankreichs Kultur konzentriert sich weitgehend auf Paris. In der Megametropole leben die meisten Menschen, sitzt die Regierung, finden die hippsten Festivals statt und fahren die meisten Autos. Zu Paris fällt jedem ein Stichwort ein: Eiffelturm, Montmartre, Mona Lisa, Champs Elysées. Die Hanfszene lebt ebenso in der Hauptstadt. Sei es im Zentrum, wenn bei Sonnenuntergang an der Seine der Joint wandert oder in den oft tristen Vorstadtvierteln wie St. Denis, wo "Dealen" zum grauen Alltag der arbeitslosen Jugendlichen gehört. Was ist aber los in Frankreichs "Provinz", den weiten und sehr dünn besiedelten Gebieten? Das Hanfjournal hat sich an einigen Orten für euch umgeschaut.

Poitiers

Kiffen in Poitiers - ein Problem? Nicht wirklich! Am Marktplatz der Kleinstadt steht er: Der „arab du coin“. Ahmed entspricht dem Klischee, das in den französischen Köpfen existiert: Er stammt aus den Maghreb-Staaten, also Nordafrika, trägt einen weißen Lacoste-Anzug, zu groß geratene Nike-Schuhe, eine blaue Schirmmütze und säuselt interessierten Vorbeigehenden ins Ohr: „Shit? Ecsta’?“ Seinen Lebensunterhalt verdient er mit dem Verkauf und er gibt selbst zu, dass sein Ansehen nicht besonders hoch ist: „Klar, besonders gern gesehen bin ich hier nicht. Aber die Polizei lässt mich meistens in Ruhe.“ Das ist typisch in Frankreich.
Die Polizei in Frankreich hält sich mit der Verfolgung von Cannabis meist zurück. Zu groß ist die Schar der Kiffer – sie wirklich zu verfolgen ist unmöglich. Dabei herrschen in Frankreich so ziemlich die strengsten Gesetze in Europa. Selbst das Abbilden eines Hanfblattes kann zu einer hohen Geldstrafe führen. Doch in der Praxis wird meist das Prinzip „geringe Menge“ verfolgt. Zur Strafverfolgung kommt es eher selten, sodass sich in Frankreich auch viele trauen, öffentlich zu kiffen.

Rennes

Die Stadt in der Bretagne gilt als die Studentenstadt schlechthin. 50.000 Studenten (bei 200.000 Einwohnern) bringen Leben in die Stadt. In der Kneipenstraße herrscht abends reger Betrieb. An jedem Donnerstag kann man sich mit Billigdrinks in den Bars zuschütten. Die Folge ist: auf der Straße liegen einige Alkoholleichen herum. Der „arab du coin“ an der Straßenecke kann über diese Form des Rausches nur lachen. „Na und – sollen sie doch. Mein Geschäft verderben sie nicht. Aber schön ist das nicht.“ Sein Zielpublikum sind die Studenten der Stadt, die von den Saufgelagen wenig halten.
Sollte aber die Polizei auftauchen, dann taucht er schneller unter als man schauen kann. „Dann heißt es einfach: um die Ecke, in die engen Gassen – und weg. Wenn sie zu nahe sind, schmeiße ich das Zeug auf die Straße. Denn wenn der Besitz von Cannabis nachgewiesen ist, bekommt man eine Menge Probleme.“ Bisher hat er Glück gehabt – die nächsten Kunden warten schon.

La Rochelle

Die Küste südlich von La Rochelle ist der Traum aller Surfer an der Atlantikküste. Die weitläufigen Strände und Dünen locken aber auch Kiffer aus aller Welt. Im Dünengras liegen, Gras spüren, das Rauschen des Atlantiks hören und den linken Zeh ins Wasser halten - diese Mischung gefällt den Rettungsschwimmern am Strand.
Francois und Jean, zwei Studenten, finanzieren ihr Studium im Sommer mit dem Leben am Strand. Kiffen gehört für sie zum Lebensgefühl wie Strand und Sonne. Tagsüber ist das Rauchen für sie absolutes Tabu. Wenn es in den Einsatz geht, dann können sie keine Eintrübung der Sinne gebrauchen. „Da ist höchste Konzentration gefordert. Aber abends in der Runde gehört es zum Ausspannen dazu“, lächeln die beiden und blicken weiter auf die weißen Wellen.

St. Malo

Im Hafenstädtchen an der Nordküste der Bretagne ist die Welt noch in Ordnung. Kleine Fischerboote dümpeln im Hafen, ein paar Touristen besuchen den beschaulichen Ort und außer dem großen Öltankerunglück vor ca. zwei Jahren ereignet sich hier nichts bewegendes. Cannabis wird mehr oder weniger gleichgültig hingenommen. Aufregung gibt es nur, wenn die lokale Präfektur eine der wenigen Jugendkneipen für ein paar Tage schließt. Die Kiffer hatten sich halt mal wieder zu sehr in einer Kneipe breit gemacht.
Die lokale Bevölkerung tuschelt ein paar Tage, aber dann ist es auch wieder gut. Das Prinzip der „depenelisation“, der Entkriminalisierung findet auch hier Anklang. Der Fischer Etienne begründet das so: „Der sozialistische Ministerpräsident Jospin hat gesagt: Ich hab nix gegen Leute, die einen Joint am Abend rauchen. Das ist sogar besser als diese Besäufnisse. Und Jospin ist ein guter Ministerpräsident.“ Mittlerweile gibt es zwar eine neue – cannabis-feindlichere – Regierung. Die Kräuter in der Provinz blühen aber weiter.
Marco Valentino


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