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"When The Dances Where Changing”
-Die Geburt einer neuen Musik
(pub. april 03)
Publiziert am: 28.03.03 - Medienformen: Medienform Text



Mit dem Tod von Bob Marley im Jahre 1981 erlahmte das Interesse der internationalen Musikindustrie an der „exotischen“ Reggaemusik schlagartig. Jamaikas Musik wurde von den westlichen Musikjournalisten für tot erklärt und fallengelassen. In der Realität jedoch schien die musikalische Kreativität auf der Insel geradezu zu explodieren:
Jamaika im Jahre 1980. Aus dem blutigsten Wahlkampf in der Geschichte der noch jungen Karibikrepublik (514 Tote!) ging der ehemalige Oppositionsführer und frühere Ska und R´n´B Produzent Edward Seaga von der JLP (Jamaican Labour Party) als Sieger hervor. Dies bedeutete das definitive Ende des „Democratic Socialism”, mit dem Michael Manley und seine PNP ( Peoples National Party) bisher versucht hatten, die soziale Realität in Jamaika zu verändern. Extreme soziale Spannungen waren die Folge, der erwähnte Wahlkampf deren Höhepunkt. Diese Entwicklung schlug sich auch auf die jamaikanische Populärkultur nieder. Musikalisch sah man sich gezwungen, an den Ort der Entstehung zurückzukehren, wo man sich ohne den Einfluss der internationalen, marktgerechten Kommerzialisierung weiterentwickeln konnte: zum Dance-Hall (bzw. dem Soundsystem). Dieses ewige Zentrum der Reggaemusik sollte der neuen Ära auch ihren Namen geben, Dancehall. Auch in den Texten und Lebensvorstellungen der Interpreten zeichnete sich ein deutlicher Wertewandel ab. Der Rasta-Glaube, mit all seinen Inhalten wie der Repatriirung nach Afrika, dem Umsturz des babylonischen Systems und einer nicht-westlichen “livity”, waren nicht mehr zeitgemäß. Scheinbar war die Religion an ihrer eigenen Unbeweglichkeit, ihrem Dogmatismus und ihrer unrealistischen Zielsetzung erstickt. Den weltweit geltenden Paradigmen der 80er Jahre folgend, auf den Ideen des „Reagan-Thatcherismus“ aufbauend, der jedem Individuum Wohlstand in Gestalt des Neoliberalismus verheißte, verbreitete sich jetzt ein kompromissloser Materialismus, der sich in den Ragga Texten im Sinne einer „Girl-flex-time-to-have-sex-work-the-money“ Rhetorik manifestierte – weg von der radikalen Negation des „Babylonischen Systems“, hin zu einem systemkonformen „Wir wollen auch!“
Einer der frühen Protagonisten dieses „slackness-style“ war der Albino Yellowman, der wie kein anderer die neuen Ideen und Statussymbole verkörperte – Sex, dicke Karren, Goldklunker und eine offene Gewaltbereitschaft („guntalk“). Weitere wichtige Vertreter seiner Zunft waren z.B. Ninjaman, General Echo und Admiral Bailey, die ihm in „rudeness“ in nichts nachstanden.
Unter der Regie von so genialen Produzenten wie Sly & Robbie, Henry „Junjo“ Lawes und dem „Scientist“ wurde jedoch auch weiterhin Roots-lastige Musik produziert. Namen wie Sugar Minot, Barrington Levy (dessen Stücke aus dieser Zeit, wie „Broader Than Broad“ und „Under Mi Sensi“, bis heute auf keinem guten Dance fehlen dürfen), Cocoa Tea und Frankie Paul sind untrennbar mit dieser Zeit verbunden.
Im Jahre 85´wurde schließlich über Nacht die entsprechende Musik als Ausdruck für die neuen textlichen Inhalte „erschaffen“: der von Prince Jammy (u.a. Entdecker von Black Uhuru) produzierte „Sleng Teng“ Riddim. Der auf einem kleinen Casio-Synthesizer komponierte und von Wayne Smith gesungene Hit „Under Me Sleng Teng“ schlug ein wie eine Bombe und revolutionierte die jamaikanische Musikszene in ungeahntem Ausmaß.
Zusammen mit dem „Tempo“ Riddim (produziert von dem Erfinder des Dub, Altmeister King Tubby) läutete er die Ära des „digital style“ ein, also eine gänzlich digital-generierte, computerisierte Instrumentierung. Hier wurden die Grundlagen für den heute in der ganzen Welt geliebten Ragga-Dancehall gelegt, durch den viele von uns in den Genuss von unzähligen, exstatischen, verschwitzt-durchtanzten Nächten kamen.
Der „digital style“ war die Verkörperung jamaikanischer Clubmusik, Ur-Techno „made in the Caribbean“! Minimalistisch instrumentiert mit ultra tiefen, harten Basslines. Vorbei die Zeiten, als Ganja-Hypnose langsam blubbernde Dub-Synfonien hervorbrachte. Die neue Musik war hektisch, schnell und energiegeladen, spärlich instrumentiert, aber voll computerisiert, also direkt am Puls der Zeit. Ein Label für den neuen Musikstil war schnell gefunden: Raggamuffin bzw. Ragga. Half Pint (mit seinem Stück „Greetings to all Raggamuffin“) und Junior Delgado mit seinem Hit „Raggamuffin Year“ führten den Begriff ein. Neue Sänger und Musiker sprossen wie Pilze aus dem Boden und wurden zu Superstars. So z.B. Nitty Gritty, Josey Wales, Chaka Demus, Pinchers und Lieutnant Stitchie, um nur einige zu nennen.
Gegen Ende der 80er Jahre, wurde man plötzlich wieder in den USA und Europa auf die neue Musik aufmerksam. Der neue Computersound aus Jamaika bot eine Annäherung an den amerikanischen Hip-Hop Markt geradezu an, die musikalischen und produktionstechnischen Vorraussetzungen schienen vergleichbar. Produzenten wie Steely & Clevie, Donovan Germain und Sting International ebneten den Weg und Shabba Ranks sollte der erste jamaikanische Artist werden, der international in die Hitparaden einstieg (mit Hits wie „Hardcore Loving“, „Housecall“ und „Mr.Loverman“), gefolgt von Chaka Demus & Pliers („Murder She Wrote“, „Tease Me“ und „Twist And Shoud“). Gleichzeitig stürmte der New Yorker DeeJay Shaggy weltweit die Hitparaden mit dem Stück „Oh Carolina“, wenige Jahre später gefolgt von „Mr.Bombastic“.
Auch anderen Interpreten wie Bounty Killer, Buju Banton und Beenie Man, die bis heute eine erhebliche Rolle in der jamaikanischen Musikszene spielen, gelang es bei amerikanischen Majors unter Vertrag zu kommen.
So fand Anfang bis Mitte der 90er eine Entwicklung statt, die heutzutage ohne Frage für die kreativste, kraftvollste und innovativste Musik in Jamaika steht. Doch die Glorifizierung von Waffen im „guntalk“ eines Ninjamans oder die Diskriminierung der Frauen im „slackness“ eines Shabba Ranks prägten bald das Bild des ganzen Genres, und führten mit der Zeit auf Jamaika und international zu wachsenden Protesten. Der Produzent Philip „Fatis“ Burell erkannte als einer der ersten, dass die Zeit reif war für eine Rückbesinnung auf die Inhalte des Rootsreggae (inklusive der entsprechenden Instrumentalisierung, die sich deutlich an den Vorbildern der 60er und 70er orientierte).
Der „consciousness-style“ war geboren. Erste Interpreten waren der junge Luciano, Garnett Silk und Tony Rebel; sie kehrten zurück zu den „cultural lyrics“ und inspirierten damit eine ganze Generation von „ghettoyouths“, die sich explizit auf den Rastaglauben rückbesinnten.
Namen wie Sizzla, Capleton, Morgan Heritage und Junior Kelly, um nur einige wenige zu nennen, stehen heute stellvertretend für die „neue-alte“ Spiritualität des Reggae.
Thomas Maier
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