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Der Theoretiker des Rausches
Walter Benjamin: Über Haschisch
Publiziert am: 28.03.03 - Medienformen: Medienform Text


Am 26.September 1940 bricht eine Gruppe von Flüchtlingen im französischen Port Bou auf, um über einen schmalen Pyrenäenpfad die spanische Grenze zu passieren. Die Regierung des fleißig mit den Nazis kollaborierenden Marschall Pétain droht, deutsche Flüchtlinge an die neuen Machthaber in Paris auszuliefern. Also versucht man, im letzten Augenblick nach Spanien zu kommen. Dort regiert zwar Franco mit seiner faschistischen Falange, aber es gehen immer noch Schiffe nach Amerika, voll mit Menschen die mit bangen Gefühlen auf eine bessere, weil sichere Zukunft hoffen.
In der kleinen Gruppe, die sich da auf den Weg macht, ist auch Walter Benjamin. Vor Hitlers Machtergreifung hat er eng mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung um Leo Löwenthal, Theodor Adorno und Max Horkheimer zusammen gearbeitet. Die meisten der ehemaligen Institutsmitglieder sind längst in die USA emigriert, nur Benjamin hängt noch im alten Europa. „Es sind hier Positionen zu verteidigen,“ hatte er seine Weigerung rechtzeitig abzureisen begründet. Doch nun wird es eng. Man hat ihn in Südfrankreich bereits interniert und nur mit Hilfe ehemaliger Institutsmitglieder gelingt es, ihn wieder frei zu bekommen und ihm eines der raren Dringlichkeitsvisa für die Vereinigten Staaten zu besorgen.
Doch Walter Benjamin ist gesundheitlich schwer angeschlagen. Den Strapazen eines langen Fußmarsches durchs Gebirge ist er nicht mehr gewachsen. Als er hört, daß die Spanier die Grenze geschlossen haben, verläßt ihn die Hoffnung und mit ihr verliert er auch seinen letzten Mut. Aus Angst, im letzten Moment doch noch von der Gestapo geschnappt zu werden, schluckt er fünfzehn Morphiumtabletten, von denen er selbst sagt, daß sie „ausreichten, um ein Pferd zu töten.“ So stirbt er, einsam und verlassen, wenige Monate nach seinem achtundvierzigsten Geburtstag. Einen Tag später läßt der spanische Posten, durch Benjamins Selbstmord erschüttert, die Gruppe über die Grenze.
Ein paar Jahre zuvor, in Marseille etwa, oder später in Paris, war Benjamin noch andere, weniger steinige Wege gegangen: die des Haschischrausches, den er mit der ihm eigenen, manchmal etwas blumigen Sprache beschrieb.
„Man geht die gleichen Wege des Denkens wie vorher. Nur sie scheinen mit Rosen bestreut,“ vertraute er damals seinem Tagebuch an. Benjamin macht sich daran fremde Städte zu erkunden, und er bedient sich dabei auch des Haschischs. Denn da fangen plötzlich auch die Dinge an, zu ihm zu sprechen, denn der Rausch läßt einen ihnen gegenüber „zart und höflich“ werden. Vor allem aber rückt ihm der Haschischrausch die Welt in ein ironiedurchtränktes, humorvolles Licht, und Humor ist eben immer noch das probateste Mittel, sich seiner Außenwelt zu vergewissern: er erlaubt die Liebe zum erkundeten Objekt und gleichzeitig kritische, aber freundliche Distanz.



Walter Benjamin:
Über Haschisch
Suhrkamp Taschenbuch

Pol Sax
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