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Die Maulhalde
Die Windchill-Krise
(pub. jan.03)
Publiziert am: 28.01.03 - Medienformen: Medienform Text


Jeden Abend, nach den Meldungen des Tages, brausen dicke weiße Pfeile über unser Land. Von Nord nach Süd, von West nach Ost, zuweilen schnell, zumeist langsam und manchmal kommen sie sich auch in die Quere. Wie die Nachrichtenbilder sind die Pfeile auf der Wetterkarte nicht ganz frei von dem Drang, die Dinge zuzuspitzen, solange, bis auch die Spitze abbricht.

Bei Lichte besehen, veranschaulichen sie die Winde und Böen, die über Berge und Täler hinwegpfeifen und stille Wasser aufrauhen. Im Zwielicht der bläulich schimmernden Stuben erscheinen sie jedoch als vertraute und gute Geister, die den Anfechtungen und Zumutungen der Zeit trotzen. Ein Land legt sich schlafen, begibt sich in die geruhsame Nacht und wer noch mal aus dem Fenster schaut, entdeckt die Wetterpfeile am kalten Winterhimmel wachen. Wieder einmal ist es im Kühlschrank wärmer als draußen, heißt es da und wer jetzt noch auf den Straßen unterwegs ist, der zieht sich besser warm an.

Unsichere Zeiten, Krisenzeiten: Nicht einmal die eingeblendeten Temperaturangaben sind verlässliche Bezugsgrößen. Denn sie entsprechen nicht der gefühlten Temperatur, die noch einmal um einige Grade darunter liegt. Und so steht man früh an der Bushaltestelle, bläst sein Trübsal in der Atemwolke fort und vergräbt den Kopf besser – darin einer Schildkröte gleich – in den Rumpf. Kann es denn wirklich noch schlimmer werden? Es kann.

Alles geht bergab. Aus blühendem Wein sind verschrumpelte Rosinen geworden. Rosinen, die man sich aus dem Kopf schlagen muss, um überhaupt noch was Essbares zu haben. In den Zeitungen und Fernsehsendungen nascht man indes gern vom Krisenbonbon, der in aller Munde ist und hervorragend zu munden scheint. Ein Ruck muss durch das Land gehen, greinen die Rucksäcke, die es vorziehen von anderen getragen zu werden.

Wer darüber lacht, wird angeherrscht, denn lustig ist so eine Krise ganz und gar nicht. “Richtig, sehr richtig, die Krise!” rufen die Leute in den Straßen und vor den Bildschirmen. Sie ist schuld, dass ihnen die Haare ausfallen und die Zähne kariös sind. Dass sie an Übergewicht leiden und es mit den Bandscheiben zu tun bekommen, weil sie im Kaufhaus anstehen müssen. Geht das so weiter, beginnen sie noch Kohlrüben im Stadtpark zu züchten.

“Die Krise, ja schlimm, sehr schlimm das Ganze”, sagt die Nachbarin zur Nachbarin, “aber die gefühlte Krise – Brrrrr, sage ich Ihnen, Brrrrr, die ist noch viel schlimmer!‘” und kehrt den Schnee von den Stufen.
Am Abend aber, nach den Elendsmeldungen aus aller Welt, strahlt die Wetterkarte behagliche Zuversicht aus. Ein Land legt sich schlafen, begibt sich in die beheizte Nachtruhe, behütet von den weißen Pfeilen am Himmel. Nur ein paar einsame Teufel nippen ein letztes mal für heute an der Flasche und lullen sich in einem Hauseingang in die Zeitung des Tages ohne ihren Krisenberichten Beachtung zu schenken.


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