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Der Mann mit der Pauke
(Pub. November 2003)
Publiziert am: 01.11.03 - Medienformen: Medienform Text


’ne Schutzbewegung, des Geistes
wahrscheinlich, dies Lachen . . .
W. Neuss


Ein Clown wollte er werden, als er noch Kind war. Doch was Hitlers Deutschland brauchte, waren nicht Spaßvögel, sondern Soldaten. Die Wehrmacht schickte ihn an die Ostfront. Dort schoss er sich aus nackter Angst den Zeigefinger der linken Hand ab, um in ein Lazarett zu kommen. Den Zusammenbruch des Dritten Reiches erlebte er als Kriegsgefangener. Im Internierungslager stand er zum ersten Mal auf der Bühne, im Rahmen von „Bunten Abenden“, um die Laune seiner Mitgefangenen zu heben. Aus dem Lager entlassen, tingelte er durch die Lande um sich sein Brot zu verdienen. Was er damals produzierte, waren die für die Zeit typischen Witze über Nazis und platte Seitenhiebe gegen die Ostzone: Bierzelthumor.
Eines Tages empfahl ihm ein kluger Theateroffizier die Lektüre von Kurt („Soldaten sind Mörder“) Tucholsky. Wolfgang Neuss wurde politisch. Die unter Adenauer einsetzende Restauration, die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, stumpfsinniger Antikommunismus und der optimistische Biedersinn des einsetzenden Wirtschaftswunders taten ein Übriges. Der Bürger Neuss sah sich plötzlich und unvermittelt in der Rolle des Oppositionellen. Er legte sich eine große Trommel zu und begleitete fortan seine Auftritte auf den Kabarettbühnen im Lande mit Paukenschlägen: Der Mann mit der Pauke.
Und wurde bekannt wie ein bunter Hund. Er stand auf der Bühne und vor der Filmkamera, durfte bei Großveranstaltungen den Pausenclown machen, bekam eine eigene Radiosendung und alle Zeitungen schrieben über ihn. Dann der Eklat: als Neuss sich weigerte, seine CDU-feindlichen Pointen abzuschwächen, schaltete der SFB während einer Live-Sendung das Mikrofon ab und täuschte eine technische Störung vor. Es hagelte Proteste. Die Presse schrie Skandal. Neuss wurde ins Abgeordnetenhaus geladen, wo man ihm viel Sympathie entgegenbrachte. Er solle zu den Abgeordneten sprechen. Neuss trat ans Mikrophon und sagte: „Ich grüße meine Mutter in Wilmersdorf.“ Der Skandal war perfekt. Dieser Mann schien nichts und niemanden ernst zu nehmen.
Wenige Jahre später brachte er die halbe Republik in Aufruhr, weil er in einer Anzeige den Mörder aus einem Fernsehkrimi verriet. Dabei hatte er nur aus purem Zufall richtig getippt. Man schoss sich auf ihn ein. Sein wöchentlicher Radiokommentar wurde auf Betreiben der CDU abgesetzt. Er drehte Werbespots, in deren Folge die Auftraggeber gegen ihn klagten. Die DDR erteilte ihm Einreiseverbot, nachdem er sich öffentlich mit Wolf Biermann solidarisiert hatte. Als die Westberliner Zeitungen ihre Leser dazu aufriefen Geld für den amerikanischen Krieg in Vietnam zu spenden, konterte er in der von ihm verlegten Postille „Neuss’ Deutschland“ mit dem Hinweis darauf, dass die Amerikaner gemeinsam mit dem südvietnamesischen General Ky kämpften, einem glühenden Hitler-Verehrer. Für die „BILD“-Zeitung damals wie heute ein gefundenes Fressen. Sie schoss sich dermaßen auf Neuss und seine „Rotfront“ ein, dass es in der Folge sogar zu Morddrohungen und Bombenanschlägen gegen ihn kam.
Dann kamen die 68ger. Neuss sympathisierte offen mit der außerparlamentarischen Opposition, befreundete sich mit Dutschke, sammelte Geld für den Vietcong. Seine politischen Gegner versuchten mehr und mehr ihn ins gesellschaftliche Abseits zu drängen. Doch die Oktoberwahlen machten Willy Brandt 1969 zum Kanzler und Neuss engagierte sich wieder in der SPD. Allerdings war er mittlerweile zum lautstarken Haschisch-Propagandisten geworden, wieder einmal machte er sich mehr Feinde als Freunde. Neuss saß in Berlin, predigte „Tunix“, verlor seine Zähne und sah bald aus wie ein altes Indianerweib. Der Biss blieb. Als er 1979 nach einer Hausdurchsuchung wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz vor Gericht stand, forderte er die Legalisierung von Cannabis und verkündete: „Übertritt das Gesetz, rauche Haschisch und bleibe gesund!“
Sprüche wie: „Ich hab noch einen Kiffer in Berlin“ oder „Ich rauche den Strick an dem ich hängen könnte“ machten ihn in der neu entstandenen alternativen Szene berühmt, und ab 1982 brachte er es sogar zur eigenen Kolumne in der „taz“.
Wolfgang Neuss starb 1989 in Berlin.
Pol Sax
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