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Ferris MCs Audiobiographie
Und der Kampf geht weiter . . .
(Pub. Oktober 2003)
Publiziert am: 28.09.03 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 03oktober artikel Ferris MCs Audiobiographie

Ferris befindet sich derzeit im Studio, wo er gerade frische Beats für sein nächstes Album bastelt, dabei ist sein aktuelles Album noch nicht einmal erschienen. Voller Tatendrang greift er auch zum Telefon und meldet mit freundlicher Stimme ein gemütliches „Hallo“. Ich entgegne das Gleiche und dann soll das Phoner-Interview seinen Lauf nehmen. Er hat bereits dreißig Interviews dieser Art hinter sich gebracht und fragt dennoch motiviert nach meinen Fragen, die ich aus gutem Grund gar nicht vorbereitet habe. Denn das letzte Stück, das ich von seinem neuen Album „Audiobiographie“ soeben noch gehört habe, heißt „Fick dich“, und darin geht es um nervende Journalisten, die als Besserwisser wie Kannibalen über Ferris und seine Statements herfallen, und so war ich etwas eingeschüchtert, auch wenn ich mich mit derartigen Journalisten bestimmt nicht vergleichen möchte.

Denn ich bin schwer beeindruckt von seinem neuen Album und sehe keinen Grund, ihn oder seine inhaltsreiche Musik zu attackieren. Daher entwickelt sich auch schnell ein lustig-interessantes Gespräch, das nicht wirklich Interviewcharakter hat, aber ich denke, wir beide finden das so ganz entspannend. Wir reden über HipHop, Elektro, Punk und Drum&Bass und deren Querverbindungen und den ersten Bogen zwischen ihm und mir spanne ich über die Stieber Twins aus meiner Heimatstadt Heidelberg, da Ferris ja auch beim „Klasse von 95“-Sampler mit am Start war. Doch alles begann ja viel früher, schon Anfang der Achtziger. Ferris hörte die Beastie Boys, die 2 Live Crew und natürlich Breakdance von und mit der Rock Steady Crew. Und so haben wir mit „Uprock“ auch einen gemeinsamen Lieblingstrack. Zum Thema Punk meint er, dass er hier gemeinsame Attitudes zum HipHop sieht, beispielsweise dieses One-Love-Ding und natürlich den Fun-Faktor. Doch im Gegensatz zu HipHop dreht es sich beim Punk nicht um Battle & Competition. Wichtig ist ihm vor allem die Kreativität an der ganzen Sache und nicht Rivalität.

Schließlich kommen wir auch zu seinen Favourites im deutschen Hip Hop: Es sind zu viele um sie aufzuzählen, doch über einige wird dennoch gesprochen. Samy Deluxe hält er nach wie vor für einen der besten nationalen MCs, auch Afrob und die Beginner gefallen ihm vom Style. Zu talentierten Newcomern zählt er Olli Banjo und den erst neunzehnjährigen Eku aus dem Kool Savas-Umfeld. Torch hat einen guten Background, da er viel liest, sich somit viel Wissen aneignet und daher auch sehr gute Texte schreibt. Das „Kopfnicker“-Album der Massiven Töne hat es ihm auch angetan, da hier mehr Geschichten erzählt werden als auf der Nachfolge-LP „Überfall“.

Doch wie steht es nun um sein neues Werk? Der Albumtitel verrät bereits, dass es dieses Mal allein um ihn und sein Leben geht. Ohne große Show und Verkleidung erinnert, verarbeitet, analysiert, vergleicht, feiert, verteidigt, erklärt und erzählt Ferris, wer er ist und wie er bis hierher kam, und so lernen wir den Freak, Mongo, Asi und das Monster nun auch endlich als Menschen kennen, und das ist äußerst aufschlussreich. Die Platte ist sowohl ein Statement als auch ein Vermächtnis. Und man merkt in jedem Track, dass die Texte nicht in Kiel, Bremen oder Hamburg geschrieben wurden, sondern dass Ferris mittlerweile auf dem Land lebt. Solche Texte können einfach nicht in einer Großstadt entstehen. Außerdem hat er sich nie irgendwo zu Hause gefühlt und war immer schon ein Reisender.

Nach vielen, meist schlechten Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Drogen dominieren nun nicht mehr harte Drogen sein Leben. Denn er ist schon lange auf Weed umgesattelt und trinkt auch eine Menge. So lebt er nun – auch künstlerisch gereift – wesentlich sauberer und erzählt sein Leben für sich und für alle, die keine Richtung haben.

Beim erstmaligen Hören des Album frage ich mich vor allem, wie der gute Mann beispielsweise dazu kommt, ausgerechnet „König von Deutschland“ von Rio Reiser zu covern, gibt es doch wesentlich anspruchsvollere Songs des Ton, Steine, Scherben-Frontmanns. Doch dieses Lied war als letztes Stück für einen demnächst erscheinenden Sampler noch nicht vergeben, und da es ihm gefiel, kreierte er daraus eine partytaugliche Version. Ebenso interessierte mich diese Popstars-Nummer. Schließlich läuft ja derzeit der Videoclip zu „Fiesta“ auf allen Musikkanälen, in dem er mit Vanessa zu sehen ist. Sein Track „Popstarz“, in dem er seine Meinung zu gecasteten Popstars abgibt, wurde schon vorher produziert und durch die Kooperation mit Vanessa dachte sich Ferris, man könne ja mal wieder die Leute mit etwas konfrontieren, über das sie sich Gedanken machen, und außerdem bleibt man so im Gespräch - und der Promotionfaktor im deutschen HipHop ist ja nicht zu unterschätzen. In Bezug auf seinen inhaltsschweren von Tropf (Dynamite Deluxe) produzierten Track „Gott & Teufel“ frage ich ihn, wie er eigentlich zum Glauben steht. Und er erzählt mir, dass er katholisch erzogen wurde, somit auch die Kommunion hinter sich gebracht hat, doch mit der Zeit hat sich das Ganze für ihn zu einer Art Affentheater entwickelt und er glaubt lieber an sich selbst als an einen Gott. Meine Lieblingstracks sind neben diesem und der gerade erschienenen Single „Zur Erinnerung“ auf jeden Fall auch das selbstverliebte „Mein Rap“, das ebenfalls von DJ Thomilla produziert wurde, das sozialkritische „Einzelkämpfer“ und das bouncende „Feieralarm“ mit seinem WG-Kollege Tobi Tobsen (Fünf Sterne Deluxe), aus dessen Studio auch die meisten Instrumentals stammen. Für die letzten beiden erwähnten Stücke hat Ferris übrigens selbst die Beats gebaut. Die Texte sind unzurücknehmbare Ansagen, in denen er Stellung zu aktuellen und grundsätzlichen Diskussionen bezieht und seine über die Jahre erfahrenen Einsichten mit dem, der das kann und will, teilt. Sein Album ist abwechslungsreich, vollgepackt mit guten Beats und – ganz wichtig – verdammt ehrlich und persönlich.

Seine Vorlieben für Elektro – er schwört vor allem auf die Veröffentlichungen auf Finger Licked Records – lebt er als DJ im Moonboutique-Team zwischen Tobi Tob & KoweSix (Moonbootica) jeden vierten Freitag im Hamburger „Hafenklang“ aus. Und da ich auch bald mal wieder in die schöne Hansestadt aufbrechen möchte, sehe ich als Elektro-Liebhaber darin einen guten Anlass. So endet die nette Unterhaltung mit seinen Worten: „Komm vorbei, und dann trinken wir ein Bier zusammen. Bis später.“ Das aktuelle Album „Audiobiographie“ findet ihr ab dem 6.Oktober in jedem gut sortierten Schallplattenfachgeschäft.

Interview & Text: Roland Grieshammer
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