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Die Maulhalde
Im Schaltwerk ist noch Licht
(Pub. August 2003)
Publiziert am: 03.08.03 - Medienformen: Medienform Text

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Bereits als ich den Straßenbahnwaggon bestieg, befürchtete ich, keinen Platz mehr darin zu finden. Eine große Menge Reisender quoll hinaus ins Freie. Dicht gedrängt standen die Passagiere und an den beschlagenen Scheiben, drückten sich ihre Gesichter platt. Kaum waren die Türen verschlossen, schien alles festgekeilt und bot sich gegenseitig Halt. Schräg über mir schnauften zwei gewaltige Nasenlöcher, die mir ins Gesicht pusteten und ein wenig nach Bier von gestern rochen.
An der nächsten Haltestelle versuchte ein Gruppe älterer Damen einzusteigen, die geradewegs aus dem Kaufhaus kamen. Sie zeterten stark und beanspruchten einen Sitzplatz für ihre alten Beine, mit denen sie bereits vor dem Kaiser getanzt hatten, wie sie behaupteten. Um ihre sperrigen Kartons und Tüten unterzubringen, mussten wir einige junge Männer mit Bierdosen in der Hand aus dem Gepäcknetz herausscheuchen, die dort seit dem letzten Fußballspiel herumlungerten. „Diese Jugend . . .“, murmelten die älteren Damen und ließen sich bedächtig in die Bänke fallen.
Natürlich kann in so einer Straßenbahn nicht jeder rein und raus wie es ihm in den Sinn kommt. Manche fuchteln ganz wild mit ihren Armen. Andere bleiben einfach stecken, in der Hoffnung irgendwo - vielleicht in der Vorstadt - in einem Pulk hinausgetrieben zu werden. Ja, so sind sie, die Menschen in der Straßenbahn, wissen nicht wohin der Zug sie führt, stehen an den Haltestellen und tippen auf ihre Uhren, aber der Straßenbahnfahrer soll alles richten mit seinem Pedal.
Plötzlich fand ich mich zwischen den Türen eingeklemmt, die versuchten, mich wie eine Orange auszupressen. Schlaftrunken versuchte ich mich auf den Gegenverkehr einzustellen. Wenn man sich fest an den Waggon presste, dann streiften die Oberleitungsmasten den Hinterkopf nur ganz leicht.
„Es ist ein Kreuz mit dieser Baureihe“, sagte ein Reisender, „bereits letzte Woche haben wir einen verloren.“
„Es ist gar nicht so schlimm, wie das jetzt vielleicht aussieht“, rief ich in den Waggon.
„Soll vielleicht jemand die Notbremse betätigen?“ fragte eine junge Frau.
„Nein, nein,“ sagte der Reisende. „damit bringen Sie ja doch nur die Betriebsordnung durcheinander.“
„Aber wenigstens den Notsignalknopf . . .“ warf die Frau ein.
„Es ist und bleibt eine rätselhafte Apparatur! . . .“ erwiderte der Mann und kratzte nachdenklich an seinem Kinn.
Natürlich kann der Fahrbetrieb nicht wegen jeder kleiner Unpässlichkeit unterbrochen werden. Nächstens hieße es wieder: die Bahn, die Bahn - sie komme immer zu spät, der Ärger wäre groß und die Aktienoptionen im Keller.
„Wann geht es denn weiter?“ fragen die Reisenden dann und tippen auf ihren Uhren herum. Sie glauben fest an die Kraft der Signale und Betriebsordnungen. Im Schaltwerk ist ja noch Licht, sagen sie, da sitzen die Planer tief über ihren Plänen gebeugt und legen väterlich die Stirn in Falten, während sie die Verkehrsströme durch die Stadt zu schleusen suchen.
So sind sie die Menschen in der Straßenbahn, wollen nach Hause um jeden Preis und sei es auch nur, um dort ihr Dasein zu vertrödeln. Trödeln im Bademantel - das tun sie am liebsten, aber kaum auf dem Bahnsteig: Husch-husch.
„Ich kann ja den Haltewunschknopf betätigen!“ sagte der Mann „Dann dürften die Türen Sie an der nächsten Station freigeben.“
„Ja, ja, vielen herzlichen Dank,“ antwortete ich „wir wollen ja schließlich alle schnell nach Hause!“


Die Maulhelden
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