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Ehrlichkeit und ihre Folgen

Über Recht und Gesetz in Österreich
Publiziert am: 06.11.04 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Werner Frach
Es war einmal ein allseits geachteter und geschätzter, angesehener und erfolgreicher Ingenieur, zu Hause im niederösterreichischen Tribuswinkel, wo sich das größte österreichische Flüchtlingslager befindet. Eines Tages, und zwar am Valentinstag, standen Uniformierte vor der Türe und begehrten Einlass. Nicht, um einen Strauß Blumen abzuliefern, sondern um nachzusehen, ob sich eine gesuchte Frau mit einem Kind bei ihm versteckt halte. Bereitwillig zeigte Andreas Holy, so der Name des fälschlich Verdächtigten, seine Wohnung, da er ein reines Gewissen hatte. Als die Beamten auch im angebauten Geräteschuppen Nachschau hielten, sahen sie einige Hanf-Pflanzen. Grund genug, „Alarm zu schlagen“, die Beamten von der „Suchtgiftabteilung“ herbeizurufen, die sieben dieser wunderbaren Pflanzen „sicherstellten“.

Andreas Holy dachte jedoch erst gar nicht daran irgendetwas zu verschweigen. Warum sollte er verschweigen, dass er seit über 20 Jahren Cannabis-Produkte konsumiere und seit 13 Jahren Hanf anbaue? Warum sollte er lügen? Das Recht ist schlecht, sein Gewissen ist rein, denn wer kann auf diese Frage antworten: Womit habe er irgendjemand Schaden zugefügt?

Und nicht nur, dass Andreas Holy niemandem einen Schaden zugefügt hat, er hat der Allgemeinheit sogar durch seine bis dato illegal gehandhabte Praxis des Eigenanbaus und der so genannten Selbstmedikation Tausende und Abertausende Euros erspart, weil für die nach dem „Auffliegen“ seiner Mini-Plantage zu bezahlenden Kosten (u. a. für das künstliche THC-haltige Dronabinol) jetzt die Krankenkasse zuständig ist.

Aber der Staatsanwalt und in weiterer Folge das Gericht sahen das anders: Der Staatsanwalt erdreistete sich, den jahrelangen Anbau hochzurechnen und dem beantragten Strafausmaß zugrunde zu legen. Die vorläufige Entscheidung des Gerichts (ein Jahr bedingt – wogegen von Andreas Holy Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt wurde) mag von Juristen im Vergleich als gering bewertet werden, der gesunde Menschenverstand, den zu bemühen ich hier bereit bin, sagt uns aber: Schon eine Stunde wäre zu viel! Wo das Gesetz schwachsinnig ist, sind die intelligenteren unter den Politikern aufgerufen, den Handlungsbedarf zu erkennen!

Das Interessante am „Fall“ Andreas Holy ist, dass seine „Naivität“ nicht gespielt, seine Ehrlichkeit vielleicht im besten Fall sogar ansteckend ist: Wir können gespannt sein, wie die nächste Instanz entscheiden wird und ob der Weg zum Europäischen Menschenrechtsgerichthof beschritten werden kann – was sowohl vom finanziellen als auch vom persönlichen Durchhaltevermögen des „Helden“ abhängt.

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