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Klüger werden mit dem Hanf Journal
 Dr. med. Franjo Grotenhermen klärt auf
Wieso bekomme ich nach dem Kiffen immer einen Fressflash?
Publiziert am: 16.02.05 - Medienformen: Medienform Text

Hanf Journal – Mai 2004

Die Appetit anregenden Eigenschaften von Cannabis sind seit langer Zeit bekannt. So berichtete beispielsweise der britische Pionier der medizinischen Cannabis-Verwendung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Sir William O’Shaugnessy, in einem Artikel aus dem Jahre 1838 von einer „bemerkenswerten Appetitszunahme“ bei seinen Patienten. Auch heute wird der Appetit anregende Effekt von Cannabis-Produkten in der medizinischen Behandlung genutzt. So ist THC in den USA zur Behandlung der Appetitlosigkeit bei Aids-Patienten mit Gewichtsverlust zugelassen. Auch bei abgemagerten Krebspatienten oder bei Personen, die an der Alzheimer-Krankheit leiden und die Nahrung verweigern, führte THC in verschiedenen Studien zu einer Verbesserung von Appetit und Gewicht.

Erst in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren wurden die Gründe für diese Wirkung, die auch für die Hungerattacken beim Freizeitkonsum verantwortlich ist, entdeckt. Gelegentlich kann man noch lesen, die Appetit steigernde Wirkung von THC beruhe auf einer Senkung des Blutzuckerspiegels. Diese Annahme wurde jedoch bereits vor mehr als 50 Jahren in einer Untersuchung an 62 Freiwilligen widerlegt. Cannabis beeinflusste den Blutzuckerspiegel nicht relevant. Bei 18 Untersuchten sank er nach Cannabis-Gabe ein wenig, bei 36 stieg er ein wenig an und bei den übrigen acht veränderte sich nichts. Später wurde der Einfluss von THC auf den Zuckerstoffwechsel noch genauer untersucht. Insgesamt fand sich kein relevanter Effekt. Selbst nach ein- bis dreitägigem Fasten führte Cannabis nicht zu einer Verringerung der Blutzuckerkonzentration. Der Glukose-Toleranz-Test, der oft bei Verdacht auf das Vorliegen einer Zuckerkrankheit (Diabetes) angewandt wird, wird durch THC erst in hohen Dosen beeinflusst.

Seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Appetit steigernde Wirkung von THC durch die Aktivierung spezifischer Bindungsstellen auf der Oberfläche von Nervenzellen vermittelt wird. Diese Bindungsstellen wurden Ende der Achtziger-Jahre entdeckt und Cannabinoid-Rezeptoren genannt. Das THC aus der Hanf-Pflanze kann an diese Rezeptoren andocken und auf diese Weise verschiedene Reaktionen verursachen. Cannabinoid-Rezeptoren finden sich in verschiedenen Regionen des Gehirns und auch in vielen anderen Organen, wie dem Darm, dem Herzen, dem Blut, der Lunge, der Niere und der Haut. Die Art der Reaktion hängt von den verschiedenen Zellen, Geweben und Organen ab, in denen sich die Rezeptoren für Cannabinoide befinden.

Einige Jahre nach Entdeckung der Cannabinoid-Rezeptoren wurden körpereigene Substanzen gefunden, die an diese Bindungsstellen andocken. Sie wurden Endocannabinoide (von griechisch endo = innen) genannt. In den vergangenen Jahren wurden die natürlichen Aufgaben des körpereigenen Cannabinoid-Systems aus Rezeptoren und Endocannabinoiden intensiv erforscht. Es stellte sich heraus, dass dieses System an vielen Körperfunktionen beteiligt ist, darunter an der Wahrnehmung von Sinneseindrücken, an der Reduzierung von Schmerzen, an der Koordination von Bewegungen, an der Hemmung von Entzündungen und eben auch an der Entwicklung von Hunger und Appetit. So sorgte die Gabe eines Endocannabinoids an Ratten dafür, dass diese sich überfraßen.

Ein funktionierendes Cannabinoid-System ist bei Säugetieren bereits in der ersten Phase nach der Geburt von großer Bedeutung. Es veranlasst die Neugeborenen, an der Brust zu saugen. Wurden bei Mäusen am ersten Tag nach der Geburt die Cannabinoid-Rezeptoren blockiert, so nahmen diese keine Milch auf.

Der Appetit wird in einer Hirnregion namens Hypothalamus reguliert, in der sich auch viele Cannabinoid-Rezeptoren befinden. Die Endocannabinoide sind dort die Gegenspieler des Leptins, eines Eiweißstoffes, der eine große Bedeutung beim Übergewicht hat. Leptin reduziert den Appetit, während die Endocannabinoide über die Aktivierung der Cannabinoid-Rezeptoren den Appetit verstärken. Diese Aktivierung kann auch durch die Einnahme von THC erfolgen.

Ein Teil des Appetit anregenden Effektes der Cannabinoide wird der Beobachtung zugeschrieben, dass Nahrung besser schmeckt und daher lieber aufgenommen wird. Bei vielen Erkrankungen mit Appetitlosigkeit besteht ein regelrechter Widerwille gegen die Nahrung. Interessanterweise finden sich auch viele Cannabinoid-Rezeptoren im Darm, und bei Hunger nimmt die Konzentration der Endocannabinoide um ein Vielfaches zu. Nach dem Essen normalisiert sich ihre Konzentration wieder, ein Hinweis, dass auch solche periphere Mechanismen an der Regulierung von Hunger und Sättigung beteiligt sind.

Dr. med Franjo Grothermen
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