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Cannabis und Straßenverkehr:
Wie entwickeln Wissenschaftler Grenzwerte für THC im Blut?
Publiziert am: 08.03.05 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 05maerz artikel Cannabis und Straßenverkehr: Wie entwickeln Wissenschaftler Grenzwerte für THC im Blut?
THC kann wie viele andere Substanzen (Opiate, Schlafmittel, Amphetamine und Alkohol) die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Daher hat der Gesetzgeber eine Änderung des Straßenverkehrsgesetzes beschlossen, die am 1. August 1998 in Kraft trat, mit der die Teilnahme am Straßenverkehr unter dem Einfluss illegaler Drogen wie Cannabis und Opiaten als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann. Es heißt nunmehr im Paragraph 24a des Straßenverkehrgesetzes: "Ordnungswidrig handelt, wer unter der Wirkung eines in der Anlage zu dieser Vorschrift genannten berauschenden Mittels im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug führt. Eine solche Wirkung liegt vor, wenn eine in dieser Anlage genannte Substanz im Blut nachgewiesen wird." In der Anlage werden beispielsweise Tetrahydrocannabinol (THC) und Morphin genannt.
Bei der Expertenanhörung im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages im Frühjahr 1997 zu dieser Thematik war diese Regelung umstritten. Dies liegt vor allem daran, dass THC wesentlich länger im Blut nachgewiesen werden kann, als die Wirkung anhält. In den vergangenen Jahren erhielten daher viele Cannabiskonsumenten ein Fahrverbot, weil bei ihnen am Tag nach dem letzten Konsum THC im Blut nachgewiesen worden war. Nach der Definition im Gesetz nahmen sie damit unter dem Einfluss von Cannabis am Straßenverkehr teil. Vielen Wissenschaftlern ist klar, dass diese Definition unsinnig ist. Andererseits ist es schwierig, analog zum Promillewert beim Alkohol einen konkreten Grenzwert festzulegen, oberhalb dessen eine fahrrelevante Beeinträchtigung vorliegt. Dies liegt daran, dass der Konzentrationsverlauf des THC im Blut recht variabel ist und auch keine direkte Beziehung zwischen der THC-Konzentration im Blut und der THC-Konzentration im Gehirn besteht. Dies wurde damals von vielen Politikern als Argument verwendet, um im Gesetz überhaupt keinen Grenzwert festzulegen.
Vermutlich ist ein schlechter Grenzwert aber besser als überhaupt kein Grenzwert. Auch das Bundesverfassungsgericht hat in seinem jüngsten Urteil darauf hingewiesen, dass unterhalb von 1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) THC im Blutserum nicht davon ausgegangen werden kann, dass eine aktuelle Beeinträchtigung vorliegt. Das Blutserum ist der flüssige Anteil des Blutes ohne die Blutkörperchen. Das ist zwar ein Fortschritt gegenüber einer allzu strengen Auslegung der Vorschriften des Straßenverkehrsgesetzes, aber sicherlich nicht ausreichend. Ich habe mich an einer Arbeitsgruppe von zehn Experten aus sechs Ländern (Deutschland, Niederlande, Großbritannien, Kanada, USA, Australien) beteiligt, die beim jüngsten internationalen Verkehrssicherheits-Kongress in Glasgow im August 2004 einen Grenzwert für THC im Blutserum in einer Größenordnung von 5 bis 10 ng/ml vorgeschlagen hat. Dieser Grenzwert entspricht etwa einer Promillegrenze für die Blutalkoholkonzentration von 0,5 Promille. Aus Deutschland haben an der Arbeitsgruppe außer mir Prof. Berghaus von der Universität Köln und Prof. Krüger von der Universität Würzburg teilgenommen.
Mehrere Studien haben gezeigt, dass Personen mit geringen THC-Konzentrationen im Blut kein erhöhtes Unfallrisiko aufweisen. In der bisher größten Studie aus Australien aus dem Jahre 2004 war das Unfallrisiko für Cannabiskonsumenten erst erhöht, wenn diese mehr als 5 ng/ml THC im Blut aufwiesen. 5 ng/ml THC im Blut entsprechen etwa 10 ng/ml THC im Blutserum.
Das Rauchen einer Cannabiszigarette verursacht nach etwa 5 Minuten maximale Konzentrationen von 50 bis 300 ng/ml THC im Blutserum. Die Konzentrationen sinken dann innerhalb von 3 bis 4 Stunden auf Konzentrationen im niedrigen Nanogramm-Bereich ab. Die Situation ist jedoch bei Gelegenheitskonsumenten und regelmäßigen Konsumenten unterschiedlich. Bei Gelegenheitskonsumenten sinkt die THC-Konzentration nach dem Rauchen einer Cannabiszigarette im Allgemeinen innerhalb von 5 bis 10 Stunden auf unter 1 ng/ml ab. Bei starken Konsumenten kann THC jedoch oft noch 24 bis 48 Stunden nach dem letzten Konsum im Blut nachgewiesen werden. In einer Untersuchung des rechtmedizinischen Instituts der Universität Heidelberg war THC bei starken Konsumenten (mehr als 1 Joint pro Tag) nach 24 bis 48 Stunden noch in Konzentrationen zwischen 1,3 und 6,4 ng/ml Blutserum nachweisbar. Auch bei einem der 11 untersuchten mäßig starken Konsumenten (1 Joint oder weniger pro Tag) war THC nach 24 Stunden noch in einer Serumkonzentration von 1,8 ng/ml vorhanden. Bei den sechs Gelegenheitskonsumenten (weniger als ein Joint pro Woche) war THC 24 Stunden nach dem letzten Konsum nicht mehr nachweisbar.
Dr. med. Franjo Grotenhermen
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