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Claudias kleine Welt

auf zur fröhlichen Kuchenschlacht!
Publiziert am: 06.04.05 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Claudia Greslehner
hanfjournal 05april artikel Auf zur fröhlichen Kuchenschlacht
Ein kleines Mädchen, ganz im Stil der 50er-Jahre mit pastellfarbenem Kleidchen und Schleife im Haar, steht auf zweiBüchern, um auf den Tisch hinaufzugelangen, wo ein verführerischer Kuchen steht. Gierig streckt es seinen Arm danach aus, während in großen Buchstaben über der Szene
prangt: „Eso no se toca“ („Das fasst man nicht an“). Als wir dieses Plakat zum ersten Mal an einer Bushaltestelle in Marbella sahen, meinte mein Mann: „Endlich mal eine Werbung, dass Kinder nicht so viel Süßes essen sollen!“ Leider weit gefehlt. Das Kleingedruckte am unteren Ende der Tafel ließ erkennen, dass es den Machern hier um etwas ganz anderes ging: „Sollte
sie nicht mehr über Drogen lernen, um ihnen gewachsen zu sein?“
Uff. Besser hätte man die ganze Lustfeindlichkeit unserer Gesellschaft wohl gar nicht auf den Punkt bringen können! Denn das fasst man eben sehr wohl an! Die Frage ist nur: Wer? Im Kleinen wie auch im Großen geht es hier um klassisches Hierarchie-Denken. Mutter, Vater, Oma oder Opa dürfen den
Kuchen sehr wohl anfassen, weil sie schon so weit indoktriniert sind, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, ihn auf andere Art als nur mit den Fingerspitzen zu berühren, um ihn auf den Teller zu hieven und ihm dann natürlich nur mehr mit der Kuchengabel als Neutrum zu Leibe zu rücken. So stehen also auch Ärzte in unserer Rangordnung weiter oben, sind befähigt, Verbotenes zu berühren und, ganz im Sinne des Verteilens der Kuchenstücke, dies auch an andere weiterzugeben, ganz nach ihrem Gutdünken. Eine natürliche Entwicklung, könnte man sagen, denn auch in
den archaischen Traditionen gab es zumeist eine Person, der es zukam, sich um Heilpflanzen und Magie zu kümmern. Doch während in diesen Kulturen Initiationen und Selbstentwicklung den Weg zur Bestimmung ebneten und eine effektive Art der sozialen Selbstregulierung Missbrauch von Macht und Substanz weitgehend verhinderte, sind in unserer Welt an ihre Stelle
Numerus clausus und Examensnoten getreten. Zum Lernen muss man nicht intelligent sein, und wer brav in sich hineinbüffelt und den Professoren gut zu Gesicht steht, darf, sobald er die beiden Buchstaben D und r vorm Namen trägt, andere etwa von Morphium abhängig machen, ohne dafür bestraft zu werden. Bestraft wird der Patient, der, aus dem Krankenhaus entlassen, auch noch die Hölle des Entzugs durchmacht, denn außerhalb des Krankenhauses verwandelt sich dieselbe Substanz plötzlich wieder in etwas Böses und Verbotenes. Kinder wissen von all den abartigen Einteilungen, die wir uns
geschaffen haben um unser Weltbild aufrechtzuerhalten, noch nichts. Es ist ihnen nicht einsichtig, warum man einen Kuchen nicht berühren darf, obwohl es doch so viel Spaß macht, mit den Fingern in Teig und Creme hineinzumantschen und danach das süße Konglomerat in den Mund zu schaufeln. Sie können auch nicht verstehen, warum es so wichtig sein soll, sich nicht schmutzig zu machen, wenn man das Zeugs nachher sowieso
wieder waschen kann. Sie wissen im Gegensatz zu denen, die man das schon vergessen machte, noch sehr genau, dass es viel lustiger ist, Schmuddelspiele zu spielen, Regenwürmer auszugraben, sich im Schlamm zu wälzen, in eine Pfütze zu springen (mit Anlauf natürlich), einfach zu toben, anstatt immer
die Kontrolle und seine Gefühle in Zaum zu behalten. Gibt es einen wirklichen Grund für die Rechnung: Je älter, je lustfeindlicher? Gibt es eine Notwendigkeit, aus der hervorgeht, dass man Kinder so erziehen muss, immer sauber, immer leise und am besten gar nicht da zu sein?
Dass Erwachsene in unserem Soziotop Schwierigkeiten haben, laut zu lachen, zu singen, wenn ihnen danach ist, und die Lebensfreude bis in den kleinen Zeh zu spüren? Ich habe ihn zumindest bisher noch nicht gefunden, und Aussagen der Befragten wie etwa „Das geht doch nicht!“ oder „Wo kämen
wir da hin, wenn das jeder täte?“ (ja, wohin?) sind bei der Suche nicht wirklich hilfreich. Was ist es, dass so große Angst macht vor dem Berauschtsein, sei es durch Naturerleben, Liebe, Musik, Tanz oder eben Subs-tanz? Haben Politik und Kirche wirklich so saubere Arbeit geleistet, um die Spuren unserer Geschichte zu verwischen, uns die letzten ursprünglichen
Freuden zu nehmen und uns nur mehr auf Arbeit und Konsum zu eichen? Wäre es wirklich der Untergang des Abendlandes, würden wir eigenverantwortlich mit den derzeit nur für einen ausgewählten Kreis zugänglich seienden Substanzen umgehen lernen? Muss man die wegsperren, damit wir uns nicht wehtun? Gibt’s da nur Entweder-Oder? Moral oder Antichrist? Vielmehr geht es doch um ein Gleichgewicht zwischen
schmutzig und sauber, wild und ruhig, laut und leise, berauscht und nüchtern und, ebenso wichtig, um ein Gefühl des Miteinanders anstatt des Denkens in Rangverhältnissen. Viele Menschen nehmen sich nur mehr als isolierte Ichs innerhalb der Grenzen ihrer Haut wahr, wie ein von der Hülle des Körpers
umschlossenes, isoliertes Gefühls- und Handlungszentrum, dem eine äußere Welt von Personen und Dingen gegenübersteht. Die Auswirkungen sind Angst, Entfremdung und das Bedürfnis, entweder zu führen oder geführt zu werden. Unser System ist von solchen Hierarchien schon so durchwachsen, dass es nicht leicht ist, sich den Tausenden Tentakeln zu entwinden, die
einen am Boden mit dem Gesicht nach unten halten. Da hilft nur eines: Regenwürmer ausgraben, im Schlamm wälzen, in Pfützen springen, Kuchen zermatschen und ganz laut brüllen:
„Eso sí que se toca, y es divertidíssimo!“
(Das fasst man doch an, und es ist seeeehhhr lustig!)
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