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Ein Telefongespräch mit Patrice
Nachdem ich tags zuvor den Interview-Termin auf Grund geistiger Umnachtung versäumt hatte, bat mich Susanne, diesen einen Tag später nachzuholen.
Publiziert am: 04.05.05 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 05mai artikel Ein Telefongespräch mit Patrice
Ich gelobte Besserung und befinde mich gegen 18:30 Uhr in den Four Music-Büros, wo weder Susanne noch Patrice auf mich warten und eine Kollegin mir mitteilt, dass die beiden doch heute schon wieder in Hamburg sind. So zücke ich das Telefon, Susanne lacht mich aus, und mein Interview beginnt etwa 20 Minuten später - am Telefon!

Auch Patrice schmunzelt bei seiner Begrüßung, und nach meiner Entschuldigung legen wir los. Da mein Vater Ägyptologe ist, fiel mir natürlich zuerst einmal der Albumtitel des neuesten Geniestreichs von Patrice in die Augen, und ich frage ihn, wie der Bezug zu Ägypten und dem Nil zustande kam. Der Nil als Ursprungsform ermöglicht Leben, er macht die Wüste fruchtbar und lässt menschliche Zivilisation entstehen. „Fluss“ ist ein schönes Symbol für Leben an sich und auch für den kreativen Prozess. Es ist wohl eine sehr ausdrucksstarke Metapher, die Patrice da gewählt hat, denn auch eine musikalische Idee entspringt einer Quelle, fließt irgendwo hin und mündet schließlich in einem Song. Im Altertum drehte sich das Leben um die Häfen und Flüsse, die das Wasser hinab floss. Vor allem in Ägypten, der Wiege der Zivilisation. Der Nil war für die Ägypter die Quelle von Nahrung und Erholung. Auf ihm fuhren wichtige Regierungsmitglieder oder Priester auf Geschäftsreisen und ihre Familien auf Vergnügungsfahrten. Natürlich hat ihn auch die Arbeit seines Vaters inspiriert, der damals für das ZDF einen Dokumentarfilm zum Thema „Afrikanische Wurzeln“ gedreht hat. Der Nil wurde dabei personifiziert durch eine Frau, die zum Beispiel meinte: „Ich bin der Nil, meine Kinder nennen mich Mutter.“ Das hat in Patrice einen starken Eindruck hinterlassen: der Nil als die ultimative Mutter.

Mit den Worten „I will change the world today” meldet sich Patrice bei seinem Opener „Today“ zurück. Patrice hofft mit seinen ausdrucksstarken Texten Denkanstöße zu geben. Musik zu machen inspiriert ihn dazu, etwas Gutes zu tun. Doch wie schafft er es, sich seinen Idealismus zu bewahren? „Nile“ beschäftigt sich ja inhaltlich mehr mit gesellschaftlichen Themen als der Vorgänger „How Do You Call It“. Bei seinem ersten Album „Ancient Spirit“ war Patrice sehr unschuldig. Mit dem zweiten Album trat eine gewisse Nüchternheit ein, außerdem wollte er nicht der Prediger mit dem moralischen Zeigefinger sein. So setzte er sich hier vor allen Dingen mit zwischenmenschlichen persönlichen Dingen wie Liebe und Leben auseinander. Da er im neuen Album ein breites Spektrum an gesellschaftlichen Themen anspricht, führt ihn „Nile“ wieder zurück zum Idealismus, einem erwachsenen Idealismus, der sozusagen nach dem Verlust des naiven Idealismus entstanden ist.

Bei „It Hurts To Be Alone“ richtet er sein Augenmerk auf die Wurzeln des Reggae und liefert eine einfühlsame Coverversion eines wenig bekannten Wailers-Songs ab. Aber was bedeutet für ihn Reggae? „Reggae ist zuallerst einmal ein Musikstil“, meint er, und zu dieser Musik ist er ganz klassisch durch Bob Marley gekommen. Man kann sicherlich auch Funk- und Soulelemente in Patrices Werken erkennen, aber auch Rock, Blues und Folk. Indem er unter der Oberfläche schwarzer Musik gräbt, entdeckt er Gefühlsausdrücke, die tiefer gehen als die anzüglichen Absichten von modernem R&B und die blinde Wut von HipHop. Er steht auf dieses moderne Songwriter-Ding. Bei ihm zirkuliert alles um den Song selbst. Es ist ein sehr intuitives Arbeiten. Jede Idee verlangt nach einem bestimmten Ausdruck.

Mein Lieblingstrack auf seinem neuesten Werk ist „4 Uncried“, da er eine Art von Melancholie hervorruft, wie ich sie liebe. Ist das auch eine Art Verarbeitung von Herzschmerzen? Daraufhin meint Patrice, dass durch Schmerzen die besten Songs geboren werden. Auch Patrice mag wie ich selbst eher die melancholischen Songs, wobei ihm die funkigen natürlich auch viel Freude bereiten. Auf „Here Again“, einem Feature mit Keziah Jones, dessen neues Album er mir auch empfiehlt, optiert er für Veränderungen im Namen des Fortschritts und nicht des Profits. - „Sometimes I wish I had a gun cos I don't want to talk to them / Don't get me wrong, I know it's wrong but I don't want to have to talk to them“ verkündet er angesichts von Nazismus und Gewalt auf den Straßen in seinem Track „Gun“. „Talk to them, talk to them, deal with them, deal with them,“ erwidern die Backing-Vocals. So sprechen wir auch über seine Erfahrungen mit rechter Gewalt, und Patrice berichtet mir, dass dieses Lied aus Wut entstanden ist und er bereits bei einem Konzert von der Polizei aus dem Dorf eskortiert werden musste. Wenn Patrice es mit Amor aufnimmt, ist er natürlich nicht nur am Grübeln. „Love never shot me with an arrow, this is a 45 magnum“ heißt es in dem Lied „Be Your Man“, und diese Zeile finde ich mal sehr treffend formuliert.

Aufgenommen wurde „Nile“ 2004, hauptsächlich in seinem eigenen Studio in der Nähe von Köln. Seine Ideen setzte Patrice größtenteils mit Hilfe seiner Liveband Shashamani um, und so frage ich ihn, was „Shashamani“ eigentlich bedeutet. Shashamani ist das Land in Äthiopien, das Selassie damals den in der Diaspora lebenden Afrikanern zur Verfügung stellte, um wieder in Afrika leben zu können. Allen möglichen Sklavenabkömmlingen wurde damit die Möglichkeit gegeben, sich wieder in ihrem Heimatland anzusiedeln. Ich frage ihn, warum es keine anderen Gastauftritte gibt und ob er noch irgendwas mit HipHop zu tun hat, da ich ja durch die Zusammenarbeit mit Dynamite Deluxe zum ersten Mal auf Patrice aufmerksam wurde. Er sieht sich nicht so in der Tradition von einem Rapper, bei dem es tausend Features auf jeder Platte gibt, und deshalb gibt es auf seiner Platte nur wenige - hauptsächlich Freunde oder Leute aus dem engsten Kreis. Nach dem Hamburger HipHop-Boom hat man sich auseinandergelebt, da alle ihre eigenen Wege gegangen sind. Und als ich ihn direkt nach Hamburg frage, klingt es etwas wehmütig, als er sagt: „Ich vermisse Hamburg schon sehr.“

Ich schließe mein Interview obligatorisch mit der Frage des Hanf Journals. Patrice regt sich zu Recht über die deutsche Saufkultur auf und hält nichts von einem Cannabis-Verbot. „Das wäre so, wie wenn man einen Kirschbaum verbieten würde!“ meint er. Das Verbot kommt einer Bevormundung gleich, und jeder muss selbst bestimmen können, was er für seine Gesundheit für richtig hält.

Seit sechs Wochen ist nicht nur seine erste Singleauskopplung „Soul Storm“ draußen, sondern auch seine neue Website online, und wer des Französischen mächtig ist, wird seine Freude haben. Und nachdem sein Album nun gerade erschienen ist, wird der 25-jährige Künstler seine Songs auch live vortragen. Checkt die Tourdaten.
Roland Grieshammer
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