Hanf Journal Logo Teil 1
Hanf Journal Logo Teil 2
*
  SITEMAP
 
  * Rubriken
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

*
 
*
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-

*
 
*
-
-
-

- news
*
Versenden: Artikel drucken Bild Druckversion

"Ich habe gekifft und das ist gut so!"

Der 46-jährige Martin Rediker aus Lippstadt ist langjähriger Hanf-Konsument und Koordinator des Grüne Hilfe-Regionalbüros Nordrhein-Westfalen.
Publiziert am: 04.05.05 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Interview: Jo Biermanski
hanfjournal 05mai artikel „Ich habe gekifft und das ist gut so!“
Martin Rediker
Der diplomierte Sozialarbeiter ist seit 20 Jahren in seinem Beruf tätig, die letzten 14 Jahre arbeitete er bei einem kirchlichen Träger in der „Wohnungslosenhilfe“. Obwohl er bereits mehrfach und auch aktuell von staatlichen Repressionen im Zuge der Cannabis-Prohibition betroffen ist, bekennt er sich weiterhin zu seinem Cannabis-Konsum und ist Unterstützer der Grüne Hilfe-Kampagne „Ich habe gekifft und das ist gut so!“ Jo, der Pressesprecher der Grünen Hilfe hat Martin interviewt (www.gekifft.de).

Jo: Wann, wo und wie hast du erstmals Cannabis konsumiert?
Martin: Dies ist schon so lange her, dass ich es nicht mehr genau weiß. Ich war wohl 14 oder 15 Jahre alt, wissbegierig und neugierig. Ich wollte „es“ unbedingt mal probieren! Beim allerersten Mal allerdings wurde ich „gelinkt“. Ich erhielt von zwei hiesigen „Kleindealern“ nicht Haschisch, sondern eine ekelhafte Mischung. Diese bestand aus der „Grundschicht“ einer benutzten Pfeife mit Spuren von reingebröseltem „Shit“, also wirklich Scheiße. Diese Arschlöcher glaubten wohl, dies mit einem unerfahrenen „Jüngling“ machen zu können. Aber ganz so doof war ich ja schließlich auch nicht! Aber schon alleine wegen der Illegalität haben meine Beschwerden natürlich nichts gebracht, außer, dass ich andere Interessenten vor diesen beiden gewarnt habe.
Jo: Und dann kam das erste richtige Haschisch?
Martin: Ja, trotz dieses sehr negativen ersten Erlebnisses ließ ich mich nicht abschrecken, meine Neugier hielt an und wurde eher noch größer. Irgendwann bekam ich dann auch wirklich gutes Haschisch und kann mich an viele angenehme „Rau(s)ch-Erlebnisse“, zumeist mit Gleichgesinnten in einem schönen Lippstädter Park am Wasser oder an anderen angenehmen Orten, erinnern. Ich habe aber nie exzessiv konsumiert, auch damals nicht. Hanf hat in meinem Leben niemals einen Stellenwert eingenommen, der alles andere überragt hätte.
Jo: Welche Wirkungen schätzt du besonders an Cannabis?
Martin: Ich mag besonders die entspannende und leicht euphorisierende Wirkung. Eben das, was man unter dem „High“ versteht. Des Weiteren auch die oftmals intensivere Wahrnehmung. Na ja, und insgesamt gesehen stehe ich mehr auf eine „energetisierende“ Wirkung als auf eine eher „platt“ und „stoned“ machende. So gesehen mag ich also eher die „Sativa“-Sorten und weniger die reinen „Indica“-Sorten.
Aber das Interessante und Spannende ist ja gerade auch die Vielfalt des Wirkungsspektrums, was eben auch sehr von der jeweiligen Sorte abhängig ist. Und natürlich auch von dem, was mit den Begriffen „Set und Setting“ umschrieben wird.
Jo: Was umschreibt „Set and Setting“ denn?
Martin: Schwer zu erklären, aber ich versuche es: Das selbst Empfundene hängt zum einen davon ab, was man aufgrund seiner augenblicklichen inneren Befindlichkeit fühlt und erlebt. Zum anderen aber auch davon, was von außen aus der Umgebung, also anderen Menschen, Musik, Natur und so weiter auf einen einwirkt.
Jo: Hast du auch negative Erfahrungen gehabt?
Martin: Ja sicher, wie dies wohl bei nahezu jedem Hanf-Konsumierenden der Fall ist. Bekanntlich wirkt Cannabis ja auch als eine Art „Verstärker“, wodurch eben auch negative Befindlichkeiten verstärkt werden können. Bei mir wirkt sich dies dann vorwiegend so aus, dass ich mich innerhalb meiner selbst „abgeschlossen“ fühle. In solchen Situationen sehe ich mich kaum in der Lage, mit der Außenwelt zu kommunizieren. Dies kann dann schon vorübergehend unangenehm sein und einen „schlecht drauf“ bringen.
Deshalb habe ich immer einen großen Respekt vor Cannabis gewahrt! Zumindest für mich ist dies eine Substanz, die ich nicht mal eben „so nebenbei“ gebrauchen könnte. Das heißt, für mich persönlich, dass ich Cannabis (abgesehen von seltenen Ausnahmen, wie etwa im Urlaub) niemals tagsüber zu mir nehme, sondern immer erst abends, wenn sozusagen das „Tageswerk“ getan ist.
Jo: Du hast bereits wiederholt Ärger mit dem Prohibitions-Apparat gehabt? Was wurde dir bei den ersten Verfahren vorgeworfen und aufgebrummt?
Martin: Ja, das mit dem Ärger kann man wohl sagen! Beim aller ersten Mal, 1982, wenn ich mich richtig entsinne, wurde mir Besitz einer relativ geringen Menge (ungefähr 40 Gramm) von selbstangebautem Marijuana vorgeworfen. Ich erhielt per Strafbefehl eine Geldstrafe. Beim nächsten Mal 1997 ging es im Prinzip um das gleiche „Delikt“, nur die Menge war erheblich größer, und damit handelte es sich bereits um einen so genannten „Verbrechenstatbestand“. Auch die Geldstrafe war wesentlich höher. Das Schöffengericht, welches sogar eine Freiheitsstrafe in Erwägung zog, verurteilte mich zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen, also ganz knapp unterhalb der Grenze von 91 Tagessätzen, wo mensch als „vorbestraft“ gilt.
Für mich war sehr erschwerend, dass ich dadurch letztendlich meine Wohnung verlor. Angezeigt hatte mich meine Vermieterin, die mir nach der durchgeführten Wohnungsdurchsuchung das Mietverhältnis fristlos kündigte. Das Mietobjekt sei zweckentfremdet worden, weil ich in der Wohnung das „Rauschgift“ lagerte, weil ich auf einem kleinen ungenutzten Grundstück im Hof einige verbotene Pflanzen wachsen ließ und weil ich mich von der Wohnung aus als „Dealer“ betätigt hätte. Ich wehrte mich natürlich vor Gericht, womit ich also zur gleichen Zeit zwei Gerichtsverfahren am Hals hatte, verlor aber in der 1. Instanz vor dem Amtsgericht Lippstadt. In der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Paderborn war es dann so, dass ich meine Chance, das Verfahren zu gewinnen oder zu verlieren, sehr schwer einschätzen konnte. Die Anwälte schlugen mir dann schließlich einen Vergleich vor, wonach ich noch ungefähr ein dreiviertel Jahr dort wohnen bleiben konnte. Innerhalb weniger Sekunden musste ich mich dann entscheiden, ob ich diesen Vergleich annehme oder es „drauf ankommen lassen“ würde. Hätte ich verloren, wäre mir nur eine Frist von zwei bis drei Wochen geblieben, innerhalb der ich hätte ausziehen müssen. So habe ich dann schweren Herzens dem Vergleich zugestimmt und konnte mir wenigstens in aller Ruhe eine neue Wohnung suchen. Das Resultat dieser seinerzeitigen „Scheiße“ war für mich, dass ich finanziell völlig ruiniert war; wie du dir ja denken kannst. Die Kosten für zwei Gerichtsverfahren und zwei Rechtsanwälte, die hohe Geldstrafe, dann später die Kosten für die Wohnungssuche und den Umzug und und und! Und dies alles nur, weil ich mir erlaubt hatte, nach meinen eigenen Regeln und Wertvorstellungen Umgang mit Cannabis zu haben, ich aber dadurch niemand anderem einen Schaden zugefügt habe, weder mittel- noch unmittelbar! Ich persönlich zog dann für mich die Konsequenz, mich nun auf politischer Ebene verstärkt für eine andere rationale und humane Drogenpolitik zu engagieren. Dies war dann auch der Beginn meiner Tätigkeit in der Grünen Hilfe.
Jo: Auch aktuell wird gegen dich ermittelt?
Martin: Ja, immer das Gleiche! Soweit ich das bisher sagen kann, wird mir voraussichtlich der Besitz einer „nicht geringen Menge“ BtM (Hanf) vorgeworfen. Aber die Anklageschrift wurde mir bisher noch nicht zugestellt, auch der THC-Wirkstoffgehalt, der mir weggenommenen Cannabis-Pflanzenteile wurde noch nicht ermittelt beziehungsweise mir noch nicht mitgeteilt. Von den vorherigen beiden Fällen unterscheidet sich der jetzige dadurch, dass die Ermittlungsbehörden zunächst ganz „schweres Geschütz“ gegen mich auffuhren. Laut Ermittlungsakten wurde davon ausgegangen, dass ich „als Mitglied einer Bande“ gewerbsmäßig „Cannabis anbauen und damit Handel treiben“ würde. Ich gehe allerdings ganz sicher davon aus, dass diese schwachsinnigen Vorwürfe in sich zusammen fallen werden, weil sie unwahr und völlig substanzlos sind!
Des Weiteren wurde gegen mich auch wegen des „Verdachts auf Verstoß gegen das „Rechtsberatungsgesetz“ ermittelt. Wohl aufgrund meiner Tätigkeit im Rahmen der Grünen Hilfe. Denn bei der, vom Landgericht Paderborn inzwischen als rechtswidrig erklärten, Wohnungsdurchsuchung am 19.11.2004 wurden mir nicht nur die Hanf-Pflanzenteile von der Polizei entwendet, sondern sichergestellt wurden auch mein Diensthandy, ein Kalender, welcher mir als Adressensammlung diente und drei Aktenordner mit drogenpolitischen Unterlagen (unter anderem mit abgelegten alten Grüne Hilfe-Anfragen)!
Inzwischen habe ich Handy, Kalender und Aktenordner zurück erhalten und das Ermittlungsverfahren wegen „Verstoß gegen das Rechtsberatungsgesetz“ wurde eingestellt.
Jo: Was wolltest du Hanf-FreundInnen (oder dem Rest der Welt) schon immer sagen?
Martin: Meinen Beobachtungen zufolge wird bei den Diskussionen und Aktionen um und für eine andere Drogenpolitik häufig viel zu wenig auf die damit zusammenhängende allgemein politische Dimension eingegangen! Es ist ja zweifellos so, dass die hier seit drei bis vier Jahrzehnten praktizierte Drogenverbotspolitik restlos gescheitert ist. Dies müsste jede/r erkennen, die/der sich nur ein wenig mit der Thematik beschäftigt! So muss beispielsweise die (angebliche) Schädlichkeit von (bestimmten) illegalisierten Drogen als Argument für die Strafbewertung dieser Substanzen herhalten! Angesichts der Zahl der Opfer durch legale Substanzen wie Alkohol und Nikotin ist doch die (angebliche) Sorge des herrschenden politischen Systems um die Folgen des illegalisierten Drogenkonsums mehr als unglaubwürdig! Dass dies vor allem, aber nicht nur in Bezug auf Cannabis gilt, ist ja mehr als offensichtlich!
Ganz zu schweigen von der offensichtlichen und mehr als deutlichen Ungleichbehandlung der Substanzen (beziehungsweise ihrer Konsumenten) durch die willkürliche Einteilung in „legal“ und „illegal“. Dass diese Ungleichbehandlung eindeutig gegen unsere Verfassung, also gegen verschiedene Artikel des Grundgesetzes verstößt, müsste doch eigentlich jedem Juristen klar sein. Hier wären die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen! Dass dies nicht so ist, kann ich beim besten Willen nicht verstehen; denn Juristen (und auch Politiker) nehmen doch für sich in Anspruch, „kluge und studierte Leute“ zu sein. Wieso sind sie dann zu blöde, das vorher Ausgeführte zu verstehen. Wieso handeln sie nicht ganz einfach nach dem Grundsatz, der eigentlich eine „Binsenweisheit“ sein sollte: Niemand gehört dafür bestraft, der durch sein Tun überhaupt keinen Schaden anrichtet, der also überhaupt kein wirkliches Rechtsgut verletzt. Menschen wird seitens dieses Staates empfindliches Übel allein deswegen zugefügt, weil sie in ihrem privaten Umgang eine andere Substanz bevorzugen, als die angeblich hier kulturell integrierte Droge Alkohol!
Und wieso erkennt niemand dieser gebildeten Juristen den offensichtlichen Widerspruch, dass zwar der Konsum von illegalisierten Drogen hier in Deutschland nicht bestraft wird, aber jede noch so kleine Handlung, welche die Voraussetzung für den Konsum darstellt wie Besitz, Erwerb, Anbau und Herstellung?
Und noch etwas. Wir leben ja in einem hoch ausgebildeten und ausdifferenzierten kapitalistischem System, was unter anderem auch bedeutet, dass Gegenstände verkauft und beworben werden dürfen, die allein der Zubereitung, Zucht, Herstellung und dem Konsum von weiterhin illegalisierten Substanzen dienen! Du verstehst, was ich meine, die ganzen Hanf-Zeitschriften sind schließlich voll von Werbung für diese Produkte, denn davon existieren sie ja auch wesentlich (grummel grummel - die Redakteurin). Nicht, dass ich dies etwa verboten haben möchte, ich will nur mal auf diesen doch ganz offensichtlichen Widerspruch hinweisen! Was ich eigentlich sagen will ist, dass die hier herrschende Drogenverbotspolitik in erster Linie die Funktion hat, einen ausufernden Kontroll-, Überwachungs- und Repressionsapparat zu legitimieren! Dieser Sachverhalt wird bei den Diskussionen, sowohl in der „Hanf-Bewegung“ als auch in, ich nenne sie mal, „Restlinken“ zu häufig außer Acht gelassen.
Der menschenverachtende „War On Drugs“ wütet zweifelsohne am schlimmsten in den USA, wo er ja auch „erfunden“ wurde. Aber auch hier in Deutschland wird es ja nicht besser, ganz im Gegenteil, denn die BRD war ja in solchen Sachen schon immer ein gelehriger Schüler der USA.
Wenn man sich die Sache mal genauer anschaut, ist doch Fakt, dass die materiellen und immateriellen Schäden, die durch diese Drogenverbots-Politik erzeugt werden, weitaus größer sind als die, die durch die Verbote verhindert werden sollen. Einfacher ausgedrückt: Die Strafen und alles was damit zusammenhängt für den Gebrauch von illegalisierten Drogen sind schädlicher als die Drogen selber! Selbst der US-Präsident Carter erkannte bereits 1977 (in Bezug auf Cannabis): „Die Strafe für den Gebrauch einer Droge sollte nicht schädlicher sein als die Droge selbst. Wo das der Fall ist, muss es geändert werden. Nirgendwo ist dies eindeutiger als bei Haschisch und Marijuana.“
Oder: Die jährlichen Kosten des „War On Drugs“ gehen auch in Deutschland in die Milliarden. Allein wegen Cannabis gibt es jährlich 130.000 bis 140.000 Ermittlungsverfahren, welche für den Polizei- und Justizapparat einen erheblichen zeitlichen und finanziellen Aufwand darstellen. Warum verzichtet der Staat auf Steuereinnahmen, die mit einer Legalisierung von Cannabis verbunden wären?
Wenn ich über all dies nachdenke, fällt mir keine Antwort ein! Außer:
Legalize!
Jo: Danke für dieses Gespräch und alles Gute für den Ausgang deines Strafverfahrens und möglichst viele Spenden für deinen Rechtsweg unter Verwendungszweck „martin“ an: Grüne Hilfe, Postbank Frankfurt, BLZ: 50010060, Konto: 91570-602.
Versenden: Artikel drucken Druckversion Versenden: Artikel bookmarken bei einem ServiceBookmark it!

Mehr zum Thema:

- Diskutiere das Thema im Hanf Journal Forum

 
*
 Aktuelles HanfJournal
-