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Thaibreak 2005
Tsunami, Techno, Todesstrafe
Publiziert am: 29.06.05 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 05juli artikel Tsunami, Techno, Todesstrafe

Anfang April 2005: Ganz Deutschland spricht über Feinstaub (klein undgemein), den Papst (erst tot, dann deutsch) und das Wetter (Regen undSchnee). Ganz Deutschland?

Nein, eine kleine Gemeinde Vergnügungssüchtiger schafft es, sich dieser grausamen Tristesse zu entziehen.

Thaibreak 2005, the coconut lounge. So heißen die Erlebnis-Ferien, die einer Horde Technoanier Abwechslung vom eingefahrenen Alltag bieten sollen.

Das Rezept geht so: Man nehme 120 Vergnügungssüchtige mit zu viel Geld, packe beinahe halb so viele DJs, Freundinnen von DJs und „Mitarbeiter“obendrauf und verfrachte das Ganze 6.000 Kilometer weit an einen tropischen Strand. Sinnvoll? Nein, wahrscheinlich eher eine Ausgeburt unseres räumlich entgrenzten Zeitalters.

Es mag eine merkwürdige Idee sein, zum Feiern 6.000 Kilometer weit zufliegen und sich Publikum und DJs selbst mitzubringen. Und zugegeben,es ist schon ein bisschen komisch, zum Feiern in eines der Länder mit der härtesten Drogen-Gesetzgebung der Welt zu fahren. Aber dennoch: Es klingt nach Spiel, Spaß und Spannung. Also auf ins Abenteuer!

Was für Menschen fahren da mit? Es sind nicht die Rucksack-Touristen wie sie das Ziel, die Insel Koh Phangan, sonst sieht. Eher der Schlag Menschen, der pauschal nach Ibiza fliegt. Und die Befürchtungen bestätigen sich spätestens dann, wenn sie anfangen, aus Eimern zusaufen.

Wir spielen Berlin am Meer. Deutsche DJs, deutsches Publikum und holländische Drogen. Von dem Land, das man da besucht, ist nicht mehr viel zu sehen. Außer den Sandstränden und Palmen ist alles mitgebracht.Man spricht deutsch, maximal noch englisch. Der Urlaub lässt sich überstehen, ohne auch nur „Hallo“ und „Danke“ auf Thai zu lernen.

Die einzige Ausnahme bietet das thailändische Neujahrsfest, Songkran. Traditionell mit viel Wasser und Farbe begossen, feiert ganz Thailand zu Techno. Da fühlen sich natürlich auch die Deutschen wohl und so kommt es – für viele das erste und einzige Mal – zur Annäherung der Kulturen.

Aber es ist, trotz aller Kritik, wunderschön dort. Barfuß-Tanzen unterm Sternenzelt, das einen die Großstadt fast vergessen lässt und im von phosphoreszierendem Krill erleuchteten Nachtwasser, gechillten Sounds lauschend Cocktails schlürfen. Alles da, was das Herz begehrt.



Aber dass die Wahl auf das 6.000 Kilometer entfernte Thailand gefallen ist, erscheint noch unverständlicher, wenn man die Drogen-Affinität der mit fahrenden Techno-Jünger der Radikalität des thailändischen Strafrechts gegenüberstellt. Der thailändische Krieg gegen die Drogen hat allein von Februar bis Mai 2003 circa 3.000 Menschenleben gefordert. Dazu kommt das Risiko von Haftstrafen von bis zu zehn Jahren nur für Cannabis-Vergehen.

Was auffällt, ist auch der extreme Kontrast zwischen legalem und illegalem Drogenmarkt. Auf der einen Seite gibt es prinzipiell keine Rezept-Pflicht, und man erhält einige wirklich interessante Sachen in der Apotheke, auf der anderen Seite gibt es für Drogen-Delikte immer noch die Todesstrafe. Man möchte meinen, in so einem Umfeld gäbe es in Bezug auf Drogen dezente Zurückhaltung. Aber wer das denkt, kennt die deutsche Techno-Szene schlecht. Mit einer Unbekümmertheit, die an Wahnsinn grenzt, wird gekauft, geschmissen und geschmuggelt. Ohne sich um Zoll-Kontrollen oder Horror-Storys Gedanken zu machen, karren die europäischen Party-Gäste tonnenweise Material an. Was nicht angesprochen wird, existiert eben nicht. Ob jetzt Zoll-Kontrollen oder Tsunami-Opfer, diese Mittelstands-Kids sind Meister der Verdrängung.

Die Versorgung durch die Insulaner ist ausgezeichnet, aber irgend wie scheint der Krieg gegen die Drogen in Thailand doch funktioniert zuhaben. Zwar nicht in Bezug auf das Angebot, aber in Bezug auf den Preis. Die illegalen Drogen sind bis auf Gras (vier Gramm für zehn Euro) sau teuer. Die Pille kostet 16 Euro und man sieht dem braunen Klumpen die unprofessionelle Herstellung an, das (wahrscheinlich nicht einmal vollständige) Gramm Koks gibt es für 80 Euro. Dafür sind die Drogen von einer Qualität die man hier bei uns lang nicht mehr erlebt hat. Bis auf das Gras – die Thais vertrauen wohl eher der Sonne als Züchtungen und Düngemittel. Wer will kriegt problemlos auch exotischere Sachen wie GHB oder Ketamin.

Nur das mysteriöse Yaba habe ich nirgends gefunden. Aber die Gerüchte um diese asiatische Killerdroge (man kratzt sich blutig, schläft mehrere Wochen nicht und wird mindestens wahnsinnig), die in Wahrheit nichts anderes ist als Meta-Amphetamin (Crystal) halten sich dennoch hartnäckig.

Dass Drogen nicht nur Spaß machen, zeigt sich spätestens zur Halbzeit. Die After-Party-Depressionen sind unter Palmen anscheinend genauso schwer zu ertragen wie zu Hause. Man merkt wie die Stimmung von Tag zu Tag aggressiver wird. Täglich fallen mehr Gehässigkeiten. Viele davon beziehen sich auf die sexuellen Präferenzen der Angefeindeten. Denn obwohl jeder jeden vögelt und die wenigen Single-Frauen sich beherzt an die Masse verschenken, sind die fleißigsten unter ihnen stete Opfer von Spott und Verleumdung. Doppelmoral? Nein, wohl eher der Neid der zu kurz Gekommenen.

Aber man kann sich nicht beschweren, denn während diese Zeilen geschrieben werden, liegt ihr Verfasser in der Hängematte und schaut aufs Meer. Allein das zählt. Diese Ecke der Welt sieht mich auf alle Fälle wieder, die Leute hoffentlich nicht.

Und was hab ich aus diesem Urlaub mitgenommen? Na, zum einen die drei ewigen Weisheiten: 1. Schnaps pur trinken ist gar nicht so übel. 2.Wenn man erwartet dicht zu sein: Unbedingt nicht mehr mitnehmen als man braucht. 3. Es kommt nicht darauf an, was einem passiert, sondern wie man damit umgeht. Und die Idee für den wahrscheinlich Thailand-ähnlichsten Aufenthaltsort Berlins: Eine Hängematte auf dem Dach gleich neben den in die Sonne gestellten Palmen.

Und hier – einfach so zur Unterhaltung – noch eine Sammlung der lustigsten Zitate der Tour:
„Bloß weil du Alkoholiker bist, bist du noch lange kein besserer Mensch.“
„Ich brauch kein Koks, ich schwitz schon so!“
„Die scheiß Insel hört nicht mehr auf zu schwanken!“
„Mist, schon wieder die falsche Hütte.“
„Ich dachte, hier fährt nur die Elite mit, Alter.“
„Ich will aber meinen Führer wiederhaben.“

Faschistische Tendenzen? Nein, einfach nur cooler (oder noch blöder, Anmerkung der Redaktion) als die anderen!

Martin Schwarzbeck
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