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Esst Bücher oder kauft euch Schmetterlingsflügel …
Ein Interview mit Basti von Tiefschwarz
Publiziert am: 30.07.05 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 06august artikel Esst Bücher oder kauft euch Schmetterlingsflügel …
Das neue Album der Gebrüder Schwarz hat es mir seit Wochen bereits angetan - vor allem „Schmetterlingsflügel“, was mich seit langem mal wieder dazu gezwungen hat, die Repeat-Taste zu betätigen, um den Track rauf und runter zu hören und nicht satt davon zu werden.

Tiefschwarz haben während der ganzen letzten Jahre die Fahne der House Music-Freaks stets hochgehalten. Ihre Remixe für Künstler wie beispielsweise Kelis, The Rapture, DJ Hell und vor allem Spektrum (mit ihrer beeindruckenen Neuauflage von „Kinda New“) sind legendär. Ähnlich inspirierend sind auch ihre eigenen Produktionen: der fesselnde House-Hit „On Up“ und der ebenso beeindruckende Track „Acid Soul“ verschafften ihnen 2001 große Aufmerksamkeit. Inzwischen entzauberten sie mit ihrem Debutalbum von 2002 „Ral 9005“ den Mythos, House-Alben könne man nicht mehr als einmal anhören. Und nun hat sich aus diesem explosiven Tryptichon von Fähigkeiten das bislang verführerischste Statement von Deutschlands Electronic/Funk/Soul-Brothers Ali und Basti Schwarz herauskristallisiert: „Eat Books“.

Am Donnerstag um Punkt 16.30 Uhr zücke ich den Telefonhörer, um mit Basti ein paar Worte zu wechseln. Gerade hat er sein letztes Interview beendet, begrüsst er mich gut gelaunt, und da ich auch ganz gut drauf bin, wird es eine unterhaltsame, lustige und vor allem interessante halbe Stunde. Meine erste Frage bezieht sich natürlich auf den surrealen Titel des neuen Werkes, da hier die leicht überreizte Mediensynapse zuerst an Hörbücher denken lässt. Aber wenn man ein Buch liebt, liest man es nicht nur, man verschlingt es geradezu, nimmt es mit jeder Faser seines Wesens auf. Und dies genau trifft auf alles zu, was Ali und Basti anfassen. Man tanzt nicht bloß zu Tiefschwarz, man isst sie, man verschlingt sie. Aus Stuttgart nach Berlin umgesiedelt, läuft hier für die beiden das Leben und die Arbeit ziemlich kommunemäßig. Jazzanova, Richie Hawtin und die Martini Brös heißen ihre Nachbarn, da ist immer wieder für gegenseitige Inspiration gesorgt. Auf unbefangene, freie Art erfolgt die tiefschwarze Produktionsweise meist aus dem Bauch heraus. Sie bevorzugen eher das etwas düstere, dunklere Pop-Ding und lassen die rockigen Einflüsse in moderne Tanzmusik mit einfließen.

Neben den Remixen und Produktionen sind die DJ-Sets die dritte Waffe im Arsenal von Tiefschwarz. Ein Blick auf ihre Homepage zeigt, wie gefragt und dementsprechend ausgebucht die beiden Brüder sind. Im letzten Jahr erschien der hypnotische „Misch-Masch“-Mix. Nachdem sie mit ihrer ansteckenden Begeisterung ihre Botschaft um den gesamten Erdball verbreitet haben, hat ihre Fähigkeit, die Dancefloors jeglicher Schattierung aufzumischen einen direkten Einfluss auf ihren stetig anwachsenden Sound gehabt. Im Club testen sie ihre eigenen Tracks auf Reaktionen des Publikums und haben immer Spaß, egal wo. Einer ihrer Lieblingsclubs neben dem „Robert Johnson“ in Offenbach bei Frankfurt/Main ist die Londoner Fabric. Für die „fabric.live-Compilation“-Serie werden sie sich auch bald verantwortlich zeichnen. Im Berliner „Weekend“ haben sie eine monatliche Residenz, und so werde ich wohl den beiden in Kürze mal einen Besuch abstatten.

Da Ali und Basti durch die ganze Welt reisen und so viele verschieden Arten von Musik hören, ist eine so große Vielfalt ganz natürlich, da sie instinktiv funktioniert. So zollen die beiden auf ihrem neuen Album auch sämtlichen verschiedenen Arten von tanzbarer Musik Respekt. Dabei haben sie vor allem für musikalische Spurenleser eine unvergleichliche Schnitzeljagd aus Referenzen und Verbeugungen hinterlassen. Und während andere Gruppen einfach nur schlecht kopieren, haben Tiefschwarz hier zwar auf ein wirklich persönliches Profil verzichtet, dafür aber sehr gute Huldigungen an die Entwicklung elektronischer Musik verewigt. Ihr Studiopartner ist Jochen Schmalbach, ein gelernter Tontechniker, der lange in England gelebt hat und vom Pop der 1980er-Jahre beeinflusst ist. Vielleicht erklärt sich so auch das Pop-Cross-Over-Potenzial ihrer Musik.

Man nehme eine Prise von New Yorks „DFA“ angespannter innerer Dynamik, setze Detroits laufende Liebesaffäre mit gefühlsbetontem und beseeltem Techno fort, beschwöre die lässige Coolness der verruchtesten britischen Clubs herauf und füge den sexuellen Esprit der französischen Disco-Kids hinzu. Dies  in Kombination mit Deutschlands natürlichem elektronischem Gefühl für Groove  ist es, was „Eat Books“ einzigartigen Charme ausmacht. „Warning Siren“ mit Matty Safers (The Rapture) schrägen Gesangseinlagen ist so präsent, dass es beinahe schmerzt. Kein Wunder, denn die Nacht vor der Aufnahme haben sie zusammen in Berlin Party gemacht, und am nächsten Tag hat Safers es wohl gefühlt. Doch „Troubled Man“ gefällt mir schon dank der nostalgischen Synthies viel besser, und bei Ed Laliq’s Gesang muss ich sogar zwischenzeitlich an Depeche Mode denken. „Wait and See“ (feat. Chikinki’s Rupert) gibt uns eine absurde Vorstellung davon, wie es aussehen könnte, wenn die Happy Mondays auf Hi-NRG machen  sehr cool. Dazu gibt’s auf der Disc übrigens auch ein Video!  Der minimalistische Elektrotrack „Far East“ ist da schon wieder um einiges deeper, während „Artificial Chemicals“ mit Chikinki etwas poppiger klingt. „Original“ (feat. Smallboy) groovt und klimpert fröhlich im Vierertakt, die fluffige Elektro-Hymne „Fly“ wirkt ziemlich hypnotisierend, und Tracey Thorn (Everything but the girl) trägt „Damage“ mit ihrer warmherzigen Stimme zu neuen Ufern. „Wheels Of Fortune“ (feat. Ed Laliq) ist ebenso eine schöne Vocalnummer, und der „Benedict“ wummert mit skurrilen Sequenzen kompromisslos nach vorne.

Nicht nur ihre Acid House-Parties in London’s The Key zu Anfang des Jahres betitelten sie mit „Issst“, nun haben sie auch einen unverkennbar groovigen Tune gebastelt, der diesen seltsamen Namen trägt. Wie eingangs bereits erwähnt, kickt mich allerdings „Schmetterlingsflügel“ am meisten, das icht nur wegen seines deutschen Textes wie ein Relikt aus alten NDW-Zeiten klingt, 2005 in einem balearischen Club deiner Wahl aber vielleicht doch wieder cool wirken könnte. „Hört euch die Platte an und bildet euch euer Urteil“, meint Basti zum Abschluss des Gesprächs. Seit dem 4. Juli habt ihr dazu Gelegenheit.


Interview & Text: Roland Grieshammer
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