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Inside out

Publiziert am: 28.09.05 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Claudia Grieslehner
hanfjournal 05oktober artikel Inside out
Dies ist ein Artikel aus dem Innern des Körpers. Denn von „außerhalb“, soll heißen: feststoff-technisch, hatte ich bisher noch nie den Eindruck einer „voov experience“ und ebenso wenig habe ich grobstofflich dem rituellen Fest eines archaischen Volkes beigewohnt. Obschon – auch ich habe meine Erfahrungen hinsichtlich Ekstase, Rausch, Feiern auf der einen und Gemeinschaftserlebnissen, Sozialnetzen und Gruppenenergien auf der anderen Seite. Daraus ergeben sich für mich zwangsläufig einige Fragen und Gedankengänge bei der Lektüre von Christian Rätschs Artikel über die alljährliche Putlitzer Goa-Party, erschienen in der Juni-Ausgabe der „Cáñamo“, Spaniens ältester und größter Hanf-Zeitschrift.

Archaische Feste und Goa-Parties gleichen sich in vielen Punkten: das Nächtliche, das Ekstatische, der Rausch, die sinnliche zu Hilfenahme externer Stimulanzien durch Ohr, Auge, Mund, Nase, Seele, Geist und Haut. Allerdings meine ich auch diverse Unterschiede auszumachen. Wie etwa der gemeinsame Hintergrund des alltäglichen Zusammenlebens, eine gemeinsame Geschichte und dementsprechende Vorbereitung, dort eine Emulsion verschiedenster Geschichten, Wurzeln, Vorhaben, Hinter- und Beweggründe. Hier die gemeinsame Einnahme einer Substanz, dort das Nebeneinanderbestehen vieler verschiedener Bewusstseinserweiterungen, wobei sich bei der gemeinsamen spirituellen Erfahrung das „Gemeinsam“ vielleicht doch überwiegend auf die Geografie beschränkt? Oder ist es möglich, dass auch Stammesmitglieder diesen Eindruck des „Alleinseins unter lauter Fremden“ haben? Tamara aus León formuliert das so: „Es gibt bei mir immer einen bestimmten Punkt bei Festen, auf Raves oder in Discos, da halte ich die Leute und das Ambiente um mich herum nicht mehr aus, der Rausch der anderen widert mich an, plötzlich ist es für mich nicht mehr lustig. Dann gehe ich raus vor die Tür zum Luftschnappen und Ruhe tanken. Wenn dann schon jemand draußen sitzt, passiert es oft, dass sich unsere Blicke kreuzen und ich zwischen uns eine Art Frieden spüre. Wir haben denselben Grund, hier zu sein.“ Wer kennt dieses Gefühl nicht? Liegt der Unterschied darin, dass archaische Völker ein erfülltes Leben leben, in dem die ekstatischen Feste quasi die komplettierende Folge darstellen, wohingegen sie in unserer Welt eher willkommene (notwendige?) Fluchtmöglichkeiten in einem naturfernen, grundsätzlich artfremden Leben sind? Oder geht es einigen von ihnen bei rituellen Festen auch so?

Zwei Augen, ein Blick, eine Meinung. Die Beschreibung der T-Shirt-Aufdrucke der Zelebranten gleicht einem Spiegel der spirituellen Globalisierung, des beinahe inflationären Angebots an gangbaren Wegen. Dies gibt einem für den eigenen Weg einerseits eine immense Freiheit und viele Möglichkeiten, andererseits stehen „Augenblicksmeinungen“ den notwendigen Werkzeugen eines spirituell fruchtbaren Weges, nämlich feste Zuversicht und Überzeugung, diametral entgegen. In gewissem Sinne ist es oft schwieriger, zwischen TCM, Ayurveda und Kneipp-Kur; Tofu, Samosa und Sauerkraut; Meditation, Yoga und Kreuzstichmuster (vulgo Rasenmäher, vulgo Schraubenzieher) seinen Weg zu finden als durch eine gemeinsame Weltanschauung. Wobei die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ebenfalls ein Hindernis sein kann, wenn sie – religiöse wie weltliche – Vorurteile zementiert. Hier die Reunion tausender Einzelkämpfer, in Hunderten Gruppen vereinzelt vereint, dort der soziale Rückhalt durch – aus unserer Sichtweise! – größere Restriktion. Während in unserer Gesellschaft die Karenz der leitenden Strukturen bei der Einnahme von psychoaktiven Substanzen zugunsten des freien Marktes laut Angebot und Nachfrage geht, ist dort die Einnahme genau festgelegt und geregelt. Ist das wirklich so oder ist das nur ein romantisches Vorurteil einer Erstweltlerin ohne praktische Erfahrung?

Tamara erzählt mir, das jeden Sommer in Galizien ein dreitägiges Folk-Festival stattfindet, das kostenlos für die Besucher ist und bei dem danach alle beim Aufräumen helfen. Wahrscheinlich, dass es dort weniger Heckmeck wie Laser und Pyro-Shows gibt und das Ambiente generell etwas ruhiger ausfällt. Allein die Idee gefällt mir um einiges besser als „das Geschäft des Jahres“. Doch, doch, ich gönne den Putlitzern jeden einzelnen Euro, das ist es nicht. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass durch die gemeinsame Mithilfe beim Fest und das kostenlose – also das auch ohne Geld hingehen können – dem Ganzen einen einenden und gleichzeitig zwangloseren Charakter verleiht. Allerdings: Wenn die Goa-Parties in der Linie der Feste zu Ehren heidnischer Götter stehen, so ergibt sich logisch, dass sie somit den heutigen heidnischen Göttern geweiht sind: Konsum und Mammon. Ist dies also gar kein Hindernis, sondern eben die den Änderungen des Weltensystems gerecht werdende Antwort in Form von Modifikationen hinsichtlich Beweggrund und Umsetzung und damit synergetischer Teil? Andere Welt, andere Feste?

Gemeinsam ist archaischen wie kommerziellen Räuschen jedenfalls, dass sie alle verfolgt und verboten wurden und werden. Das Unkontrollierbare im Menschen, einmal losgelassen, scheint überaus gefährlich für das implementierte System jeglicher Epoche. Muss also doch was dran sein, egal ob Ritus oder Umsatz im Hintergrund stehen. Es wird weitergedacht …
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