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Skandal! Drogensüchtiger Oberstudienrat requiriert Joints bei seinen Schülern
Sadhu von Hemp hat uns darum gebeten, folgenden Brief zu veröffentlichen, was wir an dieser Stelle auch mit Vergnügen tun.
Publiziert am: 28.09.05 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 05oktober artikel
Doktor Sperling
Salve Sadhu van Hemp,
Es geht um Folgendes: Ich besuche derzeit die 11. Klasse der Wolfgang-Neuss-Oberschule und habe mich eines Verbrechens schuldig gemacht. An allem ist unser Lehrer Doktor Sperling schuld, den fast alle Schüler hassen, mich eingeschlossen. Zum besseren Verständnis möchte ich Ihnen diesen Lehrer etwas näher beschreiben: Unser Doktor Sperling ist ein Alt-Hippie, wie er im Buche steht. Er trägt eine lila Latzhose, die offensichtlich seine einzige ist, ausschließlich karierte Baumfällerhemden und Jesuslatschen mit weißen Socken – und das zu allen Jahreszeiten und Anlässen. Meines Wissens ist er knapp über fünfzig, könnte aber an der Kinokasse bereits als Rentner durchgehen. Das dünne, verfilzte Haar, das von den Rändern seiner Glatze bis auf die Schultern fällt, ist weißgrau und genauso ungepflegt wie sein Rauschebart, der besonders nach Mahlzeiten allerlei Kleingetier zum Picknick einlädt. Auf seiner roten Knollnase ist eine Nickelbrille festgewachsen, hinter der zwei eiskalte Glubschaugen blitzen, die immerzu in Bewegung sind und Ausschau halten. Niemand und nichts ist vor seinem scharfen Auge sicher. Er sieht alles, egal wie klein das Vergehen auch ist. Ja, er riecht bereits die Tüte, bevor sie angezündet ist. Man glaubt sich in Sicherheit zu wiegen, unser Lehrer Doktor Sperling guckt einem dabei zu.

Die Vorsehung wollte es nun, dass ich – ausgerechnet ich – etwas über unseren Doktor Sperling in Erfahrung bringe, was mich Kopf und Kragen kosten wird, sofern Sie mir keinen Ausweg aufzeigen, lieber Herr van Hemp.

Seit ein paar Monaten bin ich zum freiwilligen Dienst in unserer Schulbücherei abkommandiert, was den tristen Schulalltag um

einiges erträglicher macht. Wer nämlich in der Bücherei Dienst tut, hat so gut wie alle Freiheiten, denn diese ehrenamtliche Tätigkeit entschuldigt selbstverständlich jedes Fernbleiben vom Unterricht. Ob Sport oder Mathematik, ich habe stets unaufschiebbare Dinge in der Bücherei zu erledigen, somit also keine Zeit für Purzelbäume oder Wurzelziehen. Die Leitung der Schulbücherei hat seit Menschengedenken unser Doktor Sperling inne, der den Raum gleichzeitig dazu nutzt, um dort sein halbprivates Antiquariat für frühsozialistische Schriften zu betreiben. Um dieses aufwendige Lebenswerk zu bewältigen, verbringt er den überwiegenden Teil seiner Dienstzeit an diesem mit Bücherregalen zugestellten Ort, wo er sich am Ende des Raumes ein Kabuff eingerichtet hat. Dort hockt er dann von morgens bis abends, manchmal sogar bis tief in die Nacht, und insbesondere die Damenwelt unseres kleinen Städtchens (u.a. auch meine alleinerziehende Mutti) zeigt sich offen besorgt um das Wohl des hartnäckigen Junggesellen und baldigen Pensionärs.

Nun – ich bin also abkommandiert und soll unserem Doktor Sperling bei seiner Archivarbeit unterstützen. Und das ist kinderleicht, denn er lässt außer sich selbst niemanden an seine Schätze heran, wodurch ich zur Tatenlosigkeit verdammt bin. Ich war also gerade damit beschäftigt, ein Nickerchen zu halten, als plötzlich unser Doktor Sperling in die Bücherei stolperte, mich aber nicht bemerkte und gleich in seinem Kabuff verschwand, ohne jedoch wie üblich das Türchen zu schließen. Damit war die Ruhe dahin, und ich wusste in ersten Moment nicht, ob ich mich bemerkbar machen sollte oder nicht. Ich blieb zunächst auf meinem Tisch liegen und schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Meine Klassenkameradinnen wurden gerade von unserer Turnlehrerin über den Sportplatz gescheucht, und ich musste innerlich lachen über so viel Unsinn, den Puls auf zweihundert zu bringen, um anschließend Latein bei Fräulein Doktor Droege zu haben. Während ich da so lag, kroch mir plötzliche ein süßer, mir allzu bekannter Duft in die Nase. Ich glaubte zunächst, nicht richtig zu riechen, aber dann roch ich es wirklich. Ehe ich mich versah, war ich auch schon vom Tisch gesprungen, nahm Witterung auf und folgte dem Duftstrom, der immer intensiver wurde, je näher ich an Doktor Sperlings Kabuff kam. Und tatsächlich, da saß er in seinem Sessel, unser Pauker, die Beine auf den Tisch gelegt, und zwischen seinen Lippen klebte ein fetter Joint. Ich stand fassungslos da und misstraute dem, was ich da mit eigenen Augen sah.

Seit jenem Vormittag weiß ich nun, warum Doktor Sperling so ein harter Hund ist, was die Verfolgung von Drogensündern betrifft. Kein anderer Lehrer ist so scharf hinter jedem Joint her wie er. Mir selbst hat er schon so einige Rauchgeräte und Pieces abgenommen.

Der Standardsatz, den jeder ertappte Kiffer von ihm zu hören bekommt, ist:

„Wer Drogen nimmt, ist ein schwacher Mensch und verliert sich in der Gleichgültigkeit. Sei besonnen, Du junger Mensch, und zähme Deinen Widerspruchsgeist, denn dem Süßen folgt das Bittere. Diesmal will ich aber noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen, wenn Du mir hoch und heilig versprichst, dass Du das nie wieder tust.“

Und ich habe jedes Mal geschworen, ich Trine, und brav mein Dope abgeliefert

Sie können mir glauben, lieber Herr van Hemp, ich war nahe dran, mich auf ihn zu stürzen und ihm die Augen auszukratzen. Natürlich konnte ich mein Wissen nicht für mich behalten, und ich habe meinen Bruder von dieser ungeheuerlichen Schweinerei unterrichtet. Sie müssen wissen, mein Bruder ist nebenberuflich als BTM-Fachhändler tätig, und er sah natürlich Handlungsbedarf, um diesem dreisten Mundraub ein Ende zu bereiten. Er meint, dass dieser Penner gerne bei ihm kaufen könne, aber die Ablink-Nummer sei der allergrößte Frevel unter Kiffern und deshalb unverzeihlich.

Ich will es kurz machen, lieber Herr van Hemp. Wir haben dann mit anderen Geprellten Kriegsrat gehalten und dabei ist jener Plan entstanden, der mich nun in Teufels Küche, wenn nicht sogar hinter Gittern bringen kann.

Wir beschlossen also, dem Sperling das illegale Handwerk zu legen. Die Idee war, unseren Pauker an seiner schwächsten Stelle zu packen und das war seine grenzenlose Gier. Dazu bauten wir eine Tüte, die es wirklich in sich hatte. Ich weiß nicht, ob Sie sich auskennen, lieber Herr van Hemp, aber das, was wir da in die Tüte wickelten, hätte selbst den Namensgeber unserer Schule aus den Socken gehauen. Mein Bruder hat eine ganz besondere Beigabe hineingebröselt, und zwar einen mit Opium veredelten Afghanen. Chemie-Ali, der Freund meiner Freundin, hat schließlich noch den Filter des Rauchgeräts mit einer unbekannten Substanz präpariert, die, wie er versicherte, aus heimischen Pflanzen hergestellt sei und nur ein bisschen stimulierend wirke.

Meine Aufgabe war es nun, das Ding unserem Doktor Sperling unterzuschieben, was keine besondere Herausforderung war. Ich habe den Joint, als ich ihn kommen hörte, einfach auf den Flur gerollt, wo er dann auf dem dunkelgrünen Linoleum in voller Pracht nur darauf wartete, aufgehoben und geraucht zu werden.

Alles lief wie geschmiert. Doktor Sperling kam, sah das Rauchgerät, bückte sich und steckte es weg. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und eilte zurück in seine Bücherei. Kurz nach Schulschluss verschafften wir uns mit meinem Schlüssel Zutritt zur Bücherei, um mal zu schauen, wie es unserem Lehrer geht. Doch das, was wir dann sahen, übertraf selbst unsere kühnsten Erwartungen. Er war nicht etwa tot oder lag röchelnd am Boden, er war auch nicht dabei, in seiner eigenen Kotze zu ersticken – nein, er saß splitternackt auf dem Tisch, glotzte ins Leere und grinste sich eins. Auf seinem Kopf stand eine dicke, brennende Kerze und in den wie zu einem Gebet gefalteten Händen hielt er seinen steifen Schniepel, auf den heißes Wachs tropfte.

Ohne Frage, unser Lehrer Doktor Sperling war drauf, ultradrauf, breiter als tausend Sadhus, und er hatte sichtlich seine Freude an dem Vollrausch. Damit hatten wir allerdings nicht gerechnet, und als wir später im Park saßen und eine Piepe rauchte, beschlich uns doch ein bisschen Sorge um unseren Pauker.

Am nächsten Morgen sind wir dann entgegen unserer Gewohnheit bereits um halb acht in die Schule geschlichen. Als wir in die Bücherei kamen, saß Doktor Sperling immer noch so da, nur die Kerze war ein Stück heruntergebrannt, und aus seinem Schniepel war ein Stalagmit aus Wachs geworden. Mein Bruder wusste sofort, dass da etwas nicht stimmte. Er meinte, unser Doktor Sperling sei stehen geblieben, einfach stehen geblieben, wie eine Uhr. Die Schraube sei nicht mehr locker sondern ab, irreparabel ab.

Und es schien sich zu bewahrheiten, denn als wir nach der Schule noch einmal nach ihm sahen, hatte sich nichts an dem Bild geändert. Nur die Kerze war mittlerweile erloschen, doch sonst saß er immer noch so bekloppt da, sah niemanden und hörte nichts. Wir haben ihm dann den Schulschlüssel abgenommen und ihn erst einmal in sein Kabuff gesperrt. Mittlerweile haben die Ferien begonnen und wir fahren täglich hin und versorgen den armen Kerl mit dem Nötigsten aber sein Zustand will sich nicht ändern. Unser Lehrer Doktor Sperling schwebt in anderen, viel höheren Sphären und das wohl für immer.

Die Frage, die sich nun stellt: Was sollen wir tun? Die Ferien sind bald zu Ende und er sitzt noch immer in seinem Kabuff. Soll ich besser zur Polizei gehen und den Vorfall melden? Bitte lieber Herr van Hemp, geben Sie mir einen Rat. Ich weiß nicht weiter und habe so komische Gedanken, die ganz düster sind. Bin ich es doch, die die Schuld am tragischen Schicksal unseres Oberstudiendirektors Doktor Sperling trägt. Andererseits müsste man mir aber zu Gute halten, dass er den Joint eigentlich hätte zur Polizei bringen müssen, anstatt ihn selber zu dampfen – oder?

Hochachtungsvoll
Ihre Trine von Schnittpickel, Bad Kiffingen

Und was antwortete der gute Sadhu van Hemp, lest selbst:

Ich habe dem verirrten Gottesgeschöpf geraten, den Lehrer dem zuständigen Amtsarzt vorzuführen und sich selbst umgehend beim nächstbesten Pastor einzufinden, um dort zu beichten und für die Seele des armen Lehrers zu beten. Aber eines ist mal klar: Es wird höchste Zeit, dass alle Staatsbeamte und Mandatsträger Drogentests unterzogen werden, damit dieser Sumpf ein für allemal ausgetrocknet wird.
Freundlichst Sadhu van Hemp
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