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Rolys Silberscheiben des Monats Dezember
Publiziert am: 04.12.09 - Medienformen: Medienform Text

Dãm-Funk: Toeachizown
(stones throw)

Leute wie Egyptian Lover, Arabian Prince, Cybotron, D-Train läuteten damals eine neue Epoche ein und bastelten mit Synthies und Breaks einen Groove, der weltweit die Grundlage für wilde Bewegungen auf PVC lieferte. Vor allem die Jahre 1981 bis 1984 würde ich bis heute als meine musikalisch prägendsten bezeichnen - mit weissen Handschuhen bin ich zur Grundschule gegangen. Während der vergangenen Jahre arbeitete Dãm-Funk aus Los Angeles mit Hingabe an der Wiederbelebung einer stark von Boogie, Modern Soul und Electro Funk geprägten Musik, wie sie in den frühen 80er Jahren populär war. Zuletzt liess er als Remixer von Animal Collective, Beans/Anti Pop Consortium und Hyperdub sein Können aufblitzen. Auf seinem offiziellen Debüt-Werk „Toeachizown“ verbindet der „Ambassador of Boogie Funk“ nun seine Vorliebe für Vintage Synthesizer und alte Drum-Computer mit der musikalischen Tradition der Westküste. So erzeugt er einen erstklassigen Funk-Vibe mit hohem Soul-Faktor. Zwischendurch hat man des öfteren Prince in seiner kreativen Früh-Phase auf Werken wie „Dirty Mind“ oder vor allem „1999“ im Kopf. Absolute Highlights sind für mich „One Less Day” (feat. G-Shaft), „Brookside Park”, „The Sky Is Ours”, „(My Funk Goes) On & On“, „Searchin’ 4 Funk’s Future” und „Fantasy”. Hier wurde musikalische Erinnerungskultur gesignt und das ist heute wichtiger denn je. Neu ist hier absolut nichts. Das sind die frühen Achtziger. Und nichts liebe ich mehr. Gänsehaut pur!
www.myspace.com/damfunk
www.stonesthrow.com




Fleur Earth: Es entstehen Wesen
(melting pot music)

Wenn es um Soul und Charisma in Verbindung mit Spoken Poetry und revolutionäres Gedankengut geht, fallen mir spontan immer Ursula Rucker und Erykah Badu ein. Die Kölner Künstlerin Fleur Earth hat sich wohl von diesen beiden inspirieren lassen und lädt nun nach ihren beiden grossartigen Alben „Skurreal“ und „Soul des Cabots“ (mit Liveband) erneut dazu ein, ihrem geschmeidigen Neo-Soul mit metaphorischer Alltagslyrik zu lauschen. Ihren kölschen Jungs und Kollegen Twit One, Hulk Hodn, The Ins und Kevin Eleven haben smoothe, oft melancholische Soundlandschaften gebastelt, die sich am klassischen MPC-Sampling-Sound von Pete Rock, Madlib und J Dilla orientierten. Dazu zaubert die Deutsch-Kongolesin auf ihrem Album „Es entstehen Wesen“ mit lyrischem Tiefgang 18 emotional intensive Songs, ohne sich in Gefühlsduseligkeiten und Plattitüden zu verlieren. Der Hoffnung spendende Opener „Am Boden“ beschreibt einen Zustand, den wohl jeder kennt. Auch groovige Balladen wie „Ufo“, „Glasschloss“, „Spiegelbild“, „Jede Nacht“, „Nichts mehr“, „Monster“, „We Stay“, „Wind“ und das Instrumental „Solitaire“ sind wie geschaffen für einen nasskalten Herbstabend mit Kerzenlicht und einem Glas Rockerschorle. Neben „Changes“ mit US-Rapper Frank Nitt und „La Ics“ mit Retrogott aus dem Huss&Hodn-Lager gefallen mir auch das klavier- und beatbetonte „Get Get“ und das Intermezzo „It’s Over“ in Gedenken an den kleinen Jacko. Im Gegensatz zu so manch chartkompatiblem R&B-Quatsch ist das hier wirklich gross, kommt aus dem Herzen und hat Charme.
www.myspace.com/fleurearthundforsch
www.mpmsite.com




Phantogram: Eyelid Movies
(bbe records)

Die Platte ist zwar schon eine Weile draussen, aber da es hier weder Sommer noch Winter gibt, kann ich von dieser traumhaften Herbstmusik nicht genug bekommen. Auch wenn Josh Carter und Sarah Barthel aus der idyllischen Kleinstadt Saratoga Springs im Staate New York kommen, drängen sich Querverweise nach Bristol auf, wo sich Anfang der Neunziger ein schleppender HipHop-Sound mit melancholischen Vibes firmierte, der unter dem Namen Trip-Hop nicht nur mich in seinen Bann zog. Wie die gelben Blüten eines Strauches auf dem Cover bereits andeuten, beleuchtet das amerikanische Duo Phantogram mit seinem Debut-Album „Eyelid Movies“ die Nacht. In einer ländlichen gelegenen Scheune, in der sich ihr Studio befindet, experimentieren die beiden mit Samplern, Tapes, Platten, Synthies, Drums, perkussiven und Seiten-Instrumenten und kreieren wunderschöne, treibende, aber auch verträumte Popsongs. Die Gitarre steht im Zentrum und erinnert mich in ihren organischen Schwingungen teilweise sehr an The Cure. Gleich der Opener „Mouthful Of Diamonds“ bringt meine Augen zum Funkeln. Die urbane Mischung aus TripHop, Shoegaze-Elementen und hochklassigen Singer/Songwriter-Qualitäten fordert dazu auf, die Augenlider zu senken und dennoch mit dem Kopf zu nicken. Das sehnsüchtige Werk endet mit einem bedächtigen Klavier und „10.000 Claps“. Die ganze Stimmung hat etwas von Filmmusik und wer etwas mit Massive Attack, Masha Qrella und Feist anfangen kann, sollte sich unbedingt von einem der Alben des Jahres einlullen lassen. Bezaubernd!
www.myspace.com/phantogram
www.bbemusic.com




Birdy Nam Nam: Manual For Successful Rioting
(columbia / sony)

Hinter dem Vogelnamen „Birdy Nam Nam“ verstecken sich die gefährlichen elektronischen Störenfriede Crazy B, Little Mike, DJ Need und DJ Pone – der Name der Crew entstammt einer Szene aus dem Streifen „The Party“ mit Peter Sellers. Wie Kid Koala und Q-Bert vorher, begreift das französische Quartett den 1210er als Instrument an sich und spielt auch live zusammen wie eine Band mit vier Turntables mit Effektgeräten. Jeder DJ ist ein Element, ob ein Bass ohne Welle, ein Synthesizer ohne Schütteln, ein staubiger Funkbeat oder eine bizarre Percussion Line und verbindet seinen Teil mit dem der anderen drei DJs, um etwas Neues zu kreieren. Nachdem das Quartett im Jahre 2005 schon auf ihrer selbstbetitelten CD / DVD hinter den Plattenspielern und Korg-Pads mit Ska, Rock, Electro und HipHop überzeugen konnte, wurde nun endlich ihr Album „Manual For Successful Rioting” (produziert von Yuksek) auch hierzulande veröffentlicht. Ihr Handbuch ist ein hübscher Bastard aus HipHop der alten Schule und kontemporärer, sehr französisch geprägter Tanzmusik. Nach dem 80s-infizierten Electro-Knaller „Red Dawn Rising“ verneigen sie sich in „Trans Boulogne Express“ vor Kraftwerk und Daft Punk. Es folgen Expeditionen in Krautrock, Freejazz, Downbeat, Booty-Bass und neben offensichtlichen Club-Bangern mit störrischen Punk-Referenzen gibt es mit „Space Cadet Apology“ und „Homosexuality“ auch sphärischen Ambientpop. Mein Favorit heisst „Shut Up“ (feat. Newcleus) und lässt durchaus Parallelen zum 84er Klassiker „Jam On It“ zu. Groovy!
www.myspace.com/birdynamnam
www.sonymusic.fr




Dietmar Wischmeyer: Die bekloppte Republik /
Willi Deutschmann und der fättäh Brokkänn
(frühstyxradio)

Ein echter Urknaller der Comedy präsentiert neues Material. Seit 20 Jahren begeistert der Autor, Kolumnist und Satiriker Dietmar Wischmeyer sein Publikum wortgewaltig mit der Vielfalt seiner legendären Figuren und Stimmen. Konsequent und sprachlich virtuos hält er Deutschland seine politisch unkorrektesten Eigenarten vor Augen wie es sonst nur ein Oliver Kalkofe vermag. Seit Ende der 80er Jahre füttert er Deutschlands Humorwirtschaft und etablierte sich als einer der Gründer des Frühstyxradios, mit 30 Tonträgern, 13 Büchern und 2 Theaterstücken als Wortgigant. Zur Tour beschert der Meister dem Land zwei großartige CD-Veröffentlichungen. Nirgends auf der Welt ist es so absurd wie in der „bekloppten Republik“. Ein Schritt vor die Haustür ist wie die Expedition in ein fremdes Land, hinter jeder Ecke lauert das Abenteuer. Hier werden wirklich alle vermeintlich negativen Eigenschaften Deutschlands und der Deutschen in 30 neuen Logbuch-Texten geballt als Konzentrat des Schreckens serviert. Wischmeyers Kultfiguren wie Willi Deutschmann, der kleine Tierfreund, Arschkrampen und Günther der Treckerfahrer setzen dem ganzen die Krone auf. Auf dem satirischen Reichstonträger „Willi Deutschmann und der fättäh Brokkänn“ werden Vorurteile und Hetztiraden abgefeiert. Hat man diese Sammlung in sich aufgesogen, dann hält frau es auch wieder eine zeitlang mit dem Kuschelwaschlappen an ihrer Seite aus. Wischmeyers meist eher unterschwelliger Witz kommt wie ein Vorschlaghammer in einem Porzellanladen - sarkastisch und überspitzt misantrophisch wie ich es mag.
www.wischmeyer.de
www.fairmedia.de

Roland Grieshammer
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