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Diversity - Im Interview mit Gentleman
Deutschlands wohl bekanntester Reggaekünstler veröffentlicht sein fünftes Studioalbum, mit dem er ab April 2010 auch gemeinsam mit seiner Band „The Evolution“ auf Tour geht. Am 24.Februar wurde in den legendären Hansa-Tonstudios, die bereits grosse Künstler wie David Bowie, Depeche Mode, Falco und U2 für ihre Produktionen nutzten, zu einer Listening Session geladen, in der Gentleman diverse Medienvertreter durch sein neues Album „Diversity“ führte. Nachdem er uns die einzelnen Songs mit interessanten und teilweise sehr amüsanten Hintergrundgeschichten nahe gebracht hatte, traf ich mich tags darauf mit ihm im „Grand Hyatt“ zu einer Frühstückscola, um mit ihm ein anregendes Gespräch zu führen. In seinem musikalischen Segment ist er längst zu einem der wichtigsten internationalen Impulsgeber zwischen Kingston und Europa avanciert. „Diversity“ erscheint am 09.April 2010 als 19-Track CD, 28-Track-Deluxe-Edition, Vierfach-Vinyl und Box-Set.
Publiziert am: 07.04.10 - Medienformen: Medienform Text





Roly: Wie lange hast Du denn an Deinem neuen Album gearbeitet?
Gentleman: Den ersten Song „Changes“ habe ich vor zwei Jahren aufgenommen. Der Löwenanteil ist in einem halben Jahr auf Jamaica entstanden. Ich glaub’, ich bin in dieses Ding reingekommen, was man so als kreativen Flow bezeichnen kann.

Roly: Auf „Diversity“ sind ja viele verschiedene Kollaborationen vertreten. Wie kam es dazu?
Gentleman: Jeder Song hat eine eigene Entstehungsgeschichte, und es gibt zum Glück nicht dieses Schema, nach dem man was macht. Gerade was so Kollabos angeht, kann man da nichts planen. Und in Jamaica kann man eh keine Pläne machen. Man muss einfach im Moment sein und auch fähig sein, spontan zu sein. Für mich ist es immer wichtig, dass ich mit demjenigen, mit dem ich einen Song aufnehme, einen Vibe habe. Musikalischer Respekt reicht nicht – ich muss ihn auch irgendwie spüren können. Bei dieser Albumproduktion war es so, dass diese ganzen Kollabos auch relativ spät gekommen sind. Es gab schon 20 Solo-Songs und ich so: „Okay, was ist denn eigentlich mit den Features?“ Mit Tanya Stevens war das bei „Another Melody“ zum Beispiel so, dass das eigentlich schon als Solo-Song stand. Und dann habe ich beim Schreiben eine Pause gemacht und Radio gehört, und da lief Tanya Stevens. Da war dann so ein Vibe da und ich wusste, was der Song noch braucht. Die meistens Songs sind bei Don Corleone im Studio entstanden. Da war einfach eine Chemie da, und wir wussten genau, was der andere braucht.

Roly: Viele haben ja immer noch dieses sonnige Gute-Laune-Image von Jamaica, dabei hat die Insel doch mit Gewalt und Kriminalität ihr grösstes Problem. Wie kommt es, dass die Vorstellung von Jamaica von der Realität soweit entfernt ist? Wahrscheinlich kommt das auch von den ganzen Musikvideos, in denen ja bei Reggae und Dancehall meist mit Strand, Palmen und heissen Chicas der sonnige Spass suggeriert wird ...
Gentleman: Ich finde ja, dass die Musik schon immer missverstanden wurde. Mittlerweile geht’s in eine ganz andere Richtung, die auch nicht cool ist, dass es auf einmal Hassmusik geworden ist, aber das ist ein anderes Thema. Aber auch früher: Bob Marley singt „I Shot The Sheriff“ und alle sagen: „Ah, is’ das peaceful“. Also auch Bob Marley war ja alles andere als Sunshine Reggae sondern vielmehr ein unfassbar radikaler, rebellischer Songwriter. Wenn Sizzla „Mash Dem Down“ singt (und er meint das babylonische System) und er damit neben den ganzen rechtsradikalen Bands auf dem Index landet, muss man auch die ganzen Marley Songs auf den Index packen, weil sie genau so radikal sind. Und da ist einfach ein Riesen-Missverständnis vorhanden. Reggae war nie Sunshine Musik sondern immer kritisch und politisch.



Roly: Eine Kehrseite der Medaille ist ja nach wie vor die Homophobie. Wie gehst Du damit um?
Gentleman: Es ist halt das (!) Thema und das schon seit langem. Ich bin ja jemand, der zwischen den beiden Kulturen hin- und hertingelt. Und ich sehe, dass sich Kulturen auch irgendwo annähern, aber auf der anderen Seite gibt es immer Punkte, bei denen es nicht weitergeht und nie weitergehen wird, weil man eben verschieden ist. Damit ist auch die „Diversity“ gemeint. Wir haben verschiedene Ansichten und schwimmen trotzdem im selben Ozean. Obama hat vor seinem Amtsantritt gesagt: „What binds us together is greater than what drives us apart.” Und zu Deiner Frage als erstes: ich distanziere mich ganz klar von Homophobie. Und ich kann nicht verstehen, wie man jemanden aufgrund seiner Sexualität dissen kann. Ich sage auch ganz klar in Jamaica: „Jungs, was habt ihr denn? Lasst doch Leute schwul sein! Ist doch völlig okay so.“ Nur muss man mal sehen: Du kannst auch nicht nach Vatikan City gehen und da einen Kondom-Automaten aufstellen. Oder du gehst in den Iran und sagst: „Zieht doch mal eure Kopftücher aus.“ Es ist einfach eine andere Kultur und trotzdem ist es ein Gedankengang - darauf will ich mich jetzt nicht festlegen, vielleicht kann man den mal vertiefen - hat ja der weisse Mann diese Bibel, dieses homophobe Buch, nach Jamaica gebracht. Und das Oberhaupt der katholischen Kirche sagt das gleiche, was ein Sizzla sagt, wenn auch nicht so radikal. Und da ist die Gefahr. Man darf jemanden nicht aufgrund einer anderen Meinung verurteilen. Mit „Fire Pon“ wird eine Symbolsprache benutzt, die einfach missverstanden wird. Es ist ja nicht so, dass Buju Banton oder Sizzla oder Leute nach einem Reggae-Konzert Schwule anzünden. Manche Aktivisten kommen auf Reggae-Konzerte und halten „Smash Homophobia“-Plakate hoch. Ich bin eurer Meinung und trotzdem hat es jetzt ein Level erreicht, an dem Buttersäure-Anschläge bei Sizzla-Konzerten gemacht werden, wo friedvolle Menschen, die einfach nur ein Konzert hören wollen, mit Verätzung der Atemwege ins Krankenhaus kommen. Reggae-Künstlern wird ein Einreiseverbot erteilt, obwohl sie kein Gesetz gebrochen haben. Sie kriegen kein Visum, weil sie jetzt „Hassprediger“ sind. Und damit nimmt die ganze Musik einen Schaden. Der nächste Schritt ist dann, dass komplett alle Reggae-CDs aus den Regalen verschwinden. Aber Rapper, die Frauen schlagen und auch schwulenfeindliche Lyrics haben, sind gesellschaftlich auf einmal akzeptiert. Da ist dann die Doppelmoral und der Punkt, an dem ich richtig wütend werde. Es ist ja kein jamaikanisches Problem, nur die Musik leidet extrem darunter. Es ist ein schwieriges Thema.

Roly: Gute Überleitung. Nicht nur in Deutschland gibt es ja auch diese Doppelmoral, dass zum Beispiel Alkoholkonsum toleriert wird, aber die Bürger für unmündig erklärt werden, Cannabis zu konsumieren. Und ich spreche nicht nur vom Gebrauch als Genussdroge sondern auch von seinem grossen medizinischen Nutzen und allen anderen Möglichkeiten, die diese Pflanze bietet. Wie stehst Du denn dazu?
Gentleman: Ich kiffe nicht mehr, weil ich gemerkt habe, dass ich damit weniger kommunikativ bin und fauler werde. Ich habe 15 Jahre lang recht viel gekifft und inzwischen passt es nicht mehr mit dem zusammen, was ich so vorhabe. Rauch ist für mich das Gegenteil von Klarheit. Aber ich sehe es genau so wie Du, dass durch eine Legalisierung einfach vieles anderes wäre und ich glaube auch, dass man es medizinisch verwenden kann und das Hanf einfach ein unfassbar gutes Material ist, mit dem man echt viel machen kann - wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Trotz allem sehe ich das kritisch. Mein Sohn ist jetzt neun und ich möchte nicht, dass er mal kifft, weil ich auch sehe, wie sich das Gras verändert hat. Ich seh’ Kiddies in der ersten Reihe auf den Konzerten, die einfach nichts mehr schnallen. Und das kann’s ja nicht sein. Also ich stehe dem ganzen mittlerweile kritischer gegenüber.

Roly: Also Du würdest Dich jetzt nicht für eine Legalisierung unter strengen Jugendschutzbedingungen einsetzen?
Gentleman: Doch. Ich mein’, Verbote bringen überhaupt gar nichts. Also ich würde die NPD langsam mal verbieten. Ich bin generell gegen Verbote, aber bei der NPD sehe ich das mittlerweile anders. Die wird von Steuergeldern finanziert, das ist der Punkt. Wenn ich mir bei meinem Sohn in der Grundschule die Toiletten oder die Turnhalle ankucke, dann denk’ ich (lachend): „Okay, verbietet doch die NPD und macht dem doch mal eine ordentliche Turnhalle.“ Lasst die Leute ihr Weed rauchen, wenn sie es rauchen wollen. Aber ich glaube irgendwie schon, dass Kiffen die revolutionäre Energie der Jugend unterdrückt. Dennoch sollte jeder mündig genug sein, das selbst zu entscheiden.

Roly: Das sehe ich auch so. Dann danke ich Dir für das nette Gespräch und wünsche viel Spass auf der Tour.


Gentleman: Diversity
(universal music)

Der unermüdliche Botschafter des Reggae hat sich stark gemacht, neu sortiert und frisch justiert. War sein letztes Album „Another Intensity“ eine vielleicht etwas zu konsequente Weiterentwicklung des rootslastigen „Confidence“, werden hier titelgerecht viele spannende Facetten gezeigt, die Gentleman sehr gut stehen. Auf seinem fünften Studioalbum findet man eine Vielfalt stilistischer Ausrichtungen, Texturen und Kollaborationen – da gibt es wirklich einige Überraschungen, mit denen allerdings wohl nur Puristen ein Problem haben können. So berührt mich beispielsweise gerade das tief pulsierende „Regardless“ mit diesem unglaublich schönen Vibe. Die erste Single „It No Pretty“ ist ein in warmen Molltönen gekleidetes Midtempo-Juwel mit Piano, Streichern und Chören und thematisiert mit einem verstörenden Videoclip die stetige Zunahme von Gewalt. In Don Corleones Studio in Kingston sind gut ein Drittel der Tracks produziert worden, von denen mich „Ina Time Like Now“, „Changes“ und „Fast Forward“ in ihrer Sanftmütigkeit am meisten begeistern. In dynamischen Dancehall-Tracks wie „The Finish Line“ und dem von Xterminator produzierten „The Sealing“ benutzt Gentleman auch mal Auto-Tune und HipHop-Beats und offenbart hier einen bewusst auf ein junges Publikum zugeschnittenen Style, der in der Euro-Dance-Nummer „To The Top“ seinen amüsanten Höhepunkt findet. Dagegen bewundere ich den präzisen Beat und die ungebrochene Experimentierlust der Schlagzeugkoryphäe Sly Dunbar auf „Tempolution“, einer erfrischenden Neuauflage des Dancehall-Krachers „Tempo“ von Red Roze. An der Seite von Tanya Stephens geht auch die Ballade „Another Melody“ gut unter die Haut, während sich viele sicherlich auch über eine längst überfällige Kollaboration mit Patrice freuen können. Und nach dem klassischen Roots-Song „Good Old Days“ mit dem 53-jährigen Studio-1-Veteran und Dancehall-Pionier Sugar Minott widmet sich Gentleman am Ende noch mit der innigen Liebeserklärung „Everlasting Love“ an seine Frau. „Diversity“ ist bei allem Spaß und all der Freude, die die Songs vermitteln, geprägt von großer Ernsthaftigkeit. Dem desaströsen Zustand unserer Lebensumstände im 21. Jahrhundert stellt Gentleman in seinen Songtexten den nachdrücklichen Wunsch nach mehr Toleranz, Solidarität und Nächstenliebe gegenüber. Der spirituelle Idealist verkörpert Güte und Sanftmut und setzt auf Veränderung, Fortschritt und Vielfalt.

Roly
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