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14 Jahre Hanfparade

oder wie ich verlieren lernte und was ich gewann
Publiziert am: 04.08.10 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Steffen Geyer
Start ist am 7. August um 13.00 Uhr am Alexanderplatz
Als ich mich 1997 auf den Weg zur ersten Hanfparade machte, schien es als würde die Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel allerhöchsten noch bis Übermorgen auf sich warten lassen. „Legalisierung jetzt! Mit Hanf in die Zukunft“ hieß unsere Losung – Zu zehntausenden strömten wir in die Hauptstadt, um das Gefühl des nahen Triumphs gemeinsam zu zelebrieren.

Auch ein Jahr später, mitten im Wahlkampf, glaubten wir fest daran, unser Schicksal selbst in den Händen zu halten. „Der Kampf geht weiter“ war damals das Motto der mit weit über 50.000 Teilnehmern größten Hanfparade. Fünfzigtausend Kiffer vereint und ohne Angst, wer sollte uns jetzt noch aufhalten?
Großartige Zeiten waren das, von denen wir „Alten“ mit einer Träne im Auge und einem seligen Lächeln auf den Lippen erzählen.

Als Schröder die Wahl gewonnen hatte und die Koalitionsverhandlungen für das Rot-Grüne Bündnis begannen, wurde schnell klar - Das Schicksal der 4 Millionen deutschen Kiffer ist für die nicht mehr als „Verhandlungsmasse“.

Doch wir glaubten fest daran, dass unser Engagement den Unterschied machen kann. Wir wollten weiter „Mit Hanf in die Zukunft“, auch wenn dies Tag für Tag weniger wie eine Gewissheit und mehr nach Wunschtraum klang.
„Wem des eigen Haus zu eng, den zieht es in die Fremde“ und so setzte die Hanfparade im Jahr 2000 auf die Unterstützung internationaler Aktivisten und Sponsoren. „Legalize it globally!“ hatten wir uns auf die Fahnen geschrieben und diesseits wie jenseits des großen Teichs Gleichgesinnte gefunden. Ein Ereignis wurde die Parade leider erst durch einen Sturm, der sich das Prädikat „Jahrhunderhagel“ redlich verdiente, indem er in wenigen Minuten die komplette Bühnentechnik zerstörte.

Immerhin sorgten die weit geöffneten Himmelsschleusen nebenbei für einen der ganz besonderen Momente der Hanfparadegeschichte. Nie wieder waren deutsche Kiffer so froh Polizisten und ihre Fahrzeuge zu sehen.

2001 war für mich ein besonderes Jahr, eine besondere Hanfparade. War ich bisher eher Zaungast als Akteur, wollte ich bei der fünften Hanfparade selbst Hand anlegen. Das „Wichtigkärtchen“, das mich damals als Bühnenordner kennzeichnete, hüte ich bis Heute wie einen Schatz, steht es doch für den Beginn meiner „Aktivistenkarriere“.
Die Hanfparade unter dem Motto „Kein Krieg gegen Pflanzen“ war politischer den je und führte von der Parteizentrale der SPD zum Roten Rathaus. Doch die Teilnehmerzahlen gingen erneut zurück. Ernüchterung über die Unbeweglichkeit der Politik hatte sich unter den deutschen Kiffern breitgemacht.
Doch noch war der „Krieg“ nicht verloren und so riefen wir im Jahr 2002 dazu auf, „Für Hanfgebrauch! Gegen Hanfmi§§brauch!“ auf die Straße zu gehen. „Aufklärung statt Verbote!“ war unser gemeinsames Ziel und Hans-Christian Ströbeles „Gebt das Hanf frei“ der Satz des Tages.
Voller Hoffnung auf bessere Zeiten begannen wir die Arbeit für die 7.Hanfparade, hatte doch Stephan Raab aus Ströbeles Satz einen Charthit gemacht und Kiffen war in aller Munde.
Trotzdem wollten im Jahr 2003 nur 5.000 Menschen unter dem Motto „Gebt das Hanf frei!“ demonstrieren. Wieder ein Rückschlag, diesmal garniert von der martialisch auftretenden Polizei, die sich nicht zu schade war,
Menschen wegen eines Joints aus der Menge zu greifen.

Wenn wir die Hanfparade retten wollten, mussten wir etwas Neues probieren und so ging es im Jahr 2004 erstmals nach Kreuzberg, einem der Viertel von denen wir hofften, dort viele Konsumenten zu erreichen. „Get Wise - Legalize! Drogenfahnder zu Kleingärtnern!“ lautete das Motto der nunmehr 8. Hanfparade.

2005 geschah das, was nie geschehen durfte. Wenige Tage vor der Parade unter dem Motto „Wir sind das Hanf!“ verbot man uns die im Mauerpark geplante Abschlusskundgebung. Ohne Bühnen, ohne Nutzhanfareal, ohne Markt der Möglichkeiten und ohne Kinderland war die Hanfparade ein Trauerspiel.
Einziger Lichtblick an diesem grauen Tag mit viel Polizei und nur rund 1.000 Demonstrierenden war eine spontane „Gegendemo“, mit der „Drogenhändler“-Punks darauf hinwiesen, dass eine Legalisierung ihnen das Geschäft versaue.

Im Frühling 2006, dass es eine 10. Hanfparade unter dem Motto „Legalisierung Jetzt! Umdenken statt Milliarden verschenken!“ geben würde, stand längst fest, hatte Torsten eine Idee, die so verrückt war, dass wir sie einfach durchziehen mussten. Und so wuchsen unter Uckermärker Sonne 10.000 Hanfpflanzen heran, mit denen wir das Brandenburger Tor begrünen wollten.

Für 24 Stunden ging alles gut, doch dann kam Kriminalkommissar Freund, der hinter den harmlosen Nutzhanfpflanzen groß angelegten Drogenhandel vermutete. Mit Sägen, Taschenmessern und Heckenscheren gingen die Polizisten daraufhin ans Werk und vernichteten mit dem mobilen Feld die letzten Hoffnungen des Bündnis Hanfparade.
Dass wieder nur wenig mehr als 1.500 Teilnehmer den massiven Kontrollen trotzten, geriet angesichts des grün-weißen Ernteeinsatzes zur Nebensache. Die Hanfparade 2006 war ein Medienspektakel und doch ist sie der Tiefpunkt meiner Bemühungen um einen legalen Hanfmarkt.

Noch im Frühling 2007 sah es so aus, als würde es in Berlin keine Legalisierungsdemo mehr geben, doch ein kleiner unbeugsamer Haufen wollte der bereits beerdigten Idee von der Straße als demokratischer Bühne neues Leben einhauchen. „Gegen Gift im Gras!“ zogen Tribble und seine Mitstreiter zu Felde. Legaler Eigenanbau sollte die Konsumenten vor der Profitgier des Schwarzmarktes schützen.
Ok, mit rund 2000 Teilnehmern war die Parade immernoch weit von der Beteiligung in der guten alten Zeit entfernt, aber mit viel mehr Zuspruch hatte im neuen Team keiner gerechnet.
Die Hanfparaden der Jahres 2008 und 2009 sind schnell erzählt. Vom rauschenden Fest der Neunziger ist die Hanfparade noch immer weit entfernt und doch blicken wir Organisatoren mit Zuversicht auf den 7. August.


Besser 'ne Hanf- als 'ne Alkfahne

Gegen alle Widerstände, trotz Polizeischikanen und Behördenwillkür hat sich die Hanfparade im politischen Kalender der Hauptstadt festgebissen. Drei Generationen Hanfbegeisterte haben die Hanfparade am Leben gehalten, haben geschwitzt, geschuftet, geflucht und geweint, damit ihr ein fröhliches Politspektakel genießen könnt. Ich bin stolz darauf, Teil dieser Geschichte zu sein.

Als ich mich 1997 mit ein paar Freunden auf den Weg nach Berlin machte, hätte ich mir nicht träumen lassen, eines Tages auf 10 Jahre Legalisierungsarbeit und 14 Hanfparaden in Berlin zurück zu blicken. Wen ihr den Mut habt, dem Schicksal eine Chance zu geben, wer weiß, wohin euch ein Besuch der Hanfparade führen wird?

Die Hanfparade am 07.August 2010 mag nicht so groß, so bunt oder so toll sein wie „früher“, doch heißt es nicht: „Der Zwerg auf dem Kopf des Riesen sieht weiter als dieser“?
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