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Sadhus, Sufis und Psychonauten

Teil 2:Sufis im Visier der fundamentalistischen Orthodoxie
Publiziert am: 01.04.11 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Hans Cousto
Kiffender Sadhu - via Wikipedia

Bereits im 9. und 10. Jahrhundert betrachtete die islamische Orthodoxie die Aktivitäten der Sufis mit wachsendem Misstrauen. Dies bekam Mansur al-Halladsch (858–922), ein Perser, der in Bagdad lebte, in tragischer Weise zu spüren, da er von orthodoxen Muslimen der Ketzerei bezichtigt wurde. Bagdad galt zur damaligen Zeit als ein religiöses und spirituelles Zentrum. Dort sprach Mansur al-Halladsch die Geheimnisse des Sufipfades in aller Öffentlichkeit aus. So stammt von diesem einer der bekanntesten Aussprüche eines Sufis: „ana al-Haqq“. Dieser Ausspruch lautet übersetzt „Ich bin die (absolute) Wahrheit“, wobei Haqq nicht nur Wahrheit bedeutet, sondern auch einer der Namen Gottes ist. Somit kann man auch übersetzen: „Ich bin Gott“. Dieser Ausspruch entsprang dem sufischen Gedanken der Eins-Werdung mit Gott, der Auflösung des Ichs in Gott. Dies empfanden die fundamentalistischen und orthodoxen Muslime als so provokant, dass sie Mansur al-Halladsch schließlich als ersten Sufi-Märtyrer hingerichtet haben. Dennoch genießt Mansur al-Halladsch wegen seiner Glaubensansicht bis heute vor allem unter den Aleviten hohes Ansehen.

Knapp ein Jahrtausend zuvor behauptete schon einmal ein Wanderprediger, dass er die Wahrheit sei. Jesus von Nazaret sagte einst von sich, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Eigentlich eine Aussage, die jeder Mensch, der das All‘Eine in sich erkannt hat, machen kann, denn es gibt für jeden Menschen nur einen Weg, den eigenen und auch nur eine Wahrheit, nämlich die, die man selbst erkannt hat. Und da man lebt, ist man auch das Leben. Den Pharisäern gefielen solche Aussagen nicht und so wurde Jesus von Nazaret mit großer Zustimmung der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, die von orthodoxen Fundamentalisten aufgewiegelt worden war, hingerichtet. Dennoch genießt Jesus von Nazaret, wie Mansur al-Halladsch, wegen seiner Glaubensansicht bis heute in gewissen Gesellschaften hohes Ansehen.
Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (1207-1273) war ein persischer Mystiker und einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters. Rumi lebte lange Zeit in Konya in Anatolien. Von seinen Derwischen und auch späteren Anhängern wird er Maulana (persisch: ‏„unser Herr/Meister“; türkische Aussprache: Mevlânâ) genannt. Nach ihm ist der Mevlevi-Derwischorden benannt. Die Mevlevi-Derwische sind wegen ihrer ekstatischen Tänze, Sema genannt, weltberühmt geworden.

Am 30. September 1925 ließ Mustafa Kemâl Pascha (genannt Atatürk), der Gründer der Republik Türkei, durch Beschluss der Großen Nationalversammlung der Türkei mit dem Gesetz über Schließung der Derwisch-Konvente und Mausoleen die Rituale der Mevlevi-Derwische verbieten. Seitdem sind alle Derwischorden in der Türkei streng verboten. Seit 1954 darf der Sema anlässlich des Jahrestages von Rumis Tod am 17. Dezember wieder vollzogen werden, allerdings nicht im Mutterhaus der Tariqa, sondern in einer Sporthalle und nur als touristische Attraktion.
Auch im Iran sind die Sufis einer amtlichen Repression ausgesetzt. Im April 2006 setzten die Basiji-Milizen Gebets- und Wohnhäuser von rund 1.200 Derwischen in der Stadt Qom in Brand. Die Derwische sehen nämlich im Dschihad allein einen Kampf eines jeden Einzelnen um sein eigenes Seelenheil und keine Aufforderung zum Krieg. Nach Meinung des Sufi-Meisters Seyed Mostafa Azmayesh gehe es darum, die Derwisch-Bewegung auszulöschen. Die weltoffene Auslegung des Korans durch die Derwische, verbunden mit Tanz und Musik, lässt die Bewegung jedoch unter jungen Leuten im Iran zunehmend Anhänger finden.


Ekstatische Tänze

Die Anhänger des Mevlevi-Ordens werden auch die drehenden Derwische genannt, weil ihr Dhikr (arabisch dikr „Gedenken“; auch Dhikrullah, wörtl. „Gedenken an Gott“) oberflächlich gesehen darin besteht, durch kreisende Bewegungen in Ekstase zu geraten. Für einen außenstehenden Betrachter erscheint diese Zeremonie wie eine schöne Aufführung, die einem Ballett sehr ähnlich ist. Für die Mevlevis handelt es sich aber dabei, wie bei jedem Dhikr, um eine Form des Gebets, in der man die Möglichkeit hat, sich der Welt komplett zu verschließen und Gott näher zu kommen. Viele Arten der Symbolik sind für Außenstehende nicht erkennbar. Am Anfang eines „Tanzes“ steht der Sheikh auf einem roten Fell, das den Mittelpunkt der Welt darstellt. Die Tänzer tragen einen schwarzen Umhang über dem weißen Gewand. Der Umhang symbolisiert das Grab und der Hut (Sikke) den Grabstein. Nach der Segnung durch den Sheikh und somit der Auferstehung aus dem Grab legen sie das Grabtuch ab und beginnen zum Klang der Ney, einer Längsflöte, sich zu drehen. Die rechte Handfläche zeigt nach oben, um den Segen Gottes zu empfangen, die linke Handfläche zeigt nach unten, um den Segen in dieser Welt zu verteilen. Der Mevlevi-Dhikr wurde im Jahr 2005 in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen.

Auch in Europa und anderen Kontinenten hat die alte mystisch-ekstatische Tradition der Sufis Eingang gefunden und so zelebrieren Sufis die Größe Allahs, des Allgegenwärtigen, in ekstatischen Tänzen zu einer stark rhythmischen Musik inzwischen weltweit. Hierbei sprechen oder singen die Sufis eine kurze Gebetsformel „La ilaha illa llah“, zu deutsch „Es gibt keinen Gott außer Gott“, die stundenlang wiederholt wird, mit zunehmender Intensität, Geschwindigkeit und Lautstärke.
Die Sufis zelebrieren ihren religiösen Tanz auch in der Weise, indem alle Teilnehmenden mit ihren Nachbarn die Arme verschränken und zusammen einen großen Kreis bilden. Die Tanzbewegung zieht dann wie eine rhythmische Welle durch den Kreis und jeder wird Teil dieser Bewegung. Ist einer der Tänzer in völliger Trance und kann nicht mehr aktiv agieren, dann wird er von seinen Nachbarn zur Seite getragen, wo er sich völlig entspannen und ausruhen kann, die anderen kehren in den Kreis zurück und tanzen weiter, bis sie selbst so in Trance geraten sind, dass sie nun von den andern wiederum weggetragen werden müssen. Der zuletzt übriggebliebene Tänzer besitzt die größte Lebensenergie.
Kritik am Sufismus wird größtenteils von muslimisch-orthodoxer Seite geübt. Die Musik ist oftmals ein Kritikpunkt der orthodoxen Gelehrten gegenüber den Sufis, weil sie nicht mit der koranischen Offenbarung vereinbar sei. Sie vertreten die Meinung, Musik und vor allem auch der ekstatische Tanz sei heidnischen Ursprungs und daher unislamisch.


Psychonauten

Die Psychonautik ist das Erforschen der eigenen Psyche und des Unterbewusstseins, meist mit Hilfe von bewusstseinserweiternden Techniken wie Meditation oder Gebrauch psychotrop wirkender Substanzen in einem geeigneten Rahmen. Der Begriff Psychonautik, der in der Szene der Bewusstseinsforscher, die den Einsatz psychoaktiver Substanzen im Rahmen ihrer Studien für legitim halten und praktizieren, verwendet wird, findet immer mehr Zuspruch. Hierbei handelt es sich um eine Wortzusammensetzung aus den zwei griechischen Begriffen psyché, gleichbedeutend mit Hauch, Atem, Seele (als Träger bewusster Erlebnisse), und nautiké, gleichbedeutend mit Schiffahrtskunde, respektive naus, gleichbedeutend mit Schiff.

Die Kunst der Psychonautik wird zumeist in ritualisierter Form durch erfahrene Psychonautiker an noch unerfahrene Interessierte weitergegeben. Die erste psychedelische Reise eines Psychonautikers hat oft den Charakter einer zeremoniellen Einweihung in zuvor nicht erahnte Dimensionen des Bewusstseins. Die durch transzendente, ekstatische und mystische Erfahrungen ausgelösten Wahrnehmungs- und Bewusstseinswandlungen, die durch eine Erweiterung der Wahrnehmung und des Bewusstseinszustandes gekennzeichnet sind, haben nicht selten prägenden Charakter für die Persönlichkeitsentfaltung. Deshalb ist es von Vorteil, wenn der Reiseleiter ein erfahrener und vertrauenswürdiger Psychonautiker ist, um den Novizen sicher und sanft zu seinem selbst gesetzten Ziel geleiten zu können.
Das auf einer psychonautischen Reise wahrgenommene transzendente Erlebnis übersteigt oft die Grenzen der Erfahrung und des sinnlich Erkennbaren. Das Wort transzendent ist eine Zusammensetzung aus dem lateinischen Verb scandere (steigen, besteigen, zu etwas hinaufsteigen) und der Präposition trans (jenseits, über). Transzendenz ist ein Prozess vorübergehender Natur bei dem man weit über das Alltagsbewusstsein hinausgehen kann.

Eine grenzenlose (religiöse) Verzückung im Zusammenklang mit der höchsten Begeisterung erlebt man auf einer psychonautischen Reise nicht selten im Zustand der Ekstase. Der Begriff Ekstase wurde im 16. Jahrhundert dem gleichbedeutenden kirchenlateinischen Wort ecstasis (griechisch ékstasis: das Aussichheraustreten, das Außersichgeraten, die Verzückung entlehnt. Das Wort Ekstase fundiert in der griechischen Präposition ex: aus, heraus und dem griechischen Verb hístánai: setzen, stellen, legen respektive hístastai: sich setzen, sich stellen, sich legen. Das entsprechende lateinische Verb heißt statuere, von dem die lateinischen Worte status: das Stehen, das Stillstehen und statua: das Standbild, die Bildsäule abgeleitet sind. Somit bedeutet Ekstase wörtlich ex-stasis – aus dem statischen Zustand, dem gewöhnlichen Bewusstseinszustand, herausgetreten sein. Die Ekstase ist eine transzendente Erfahrung und wird von einer Entrückung des Geistes von allen Sinneseindrücken gekennzeichnet wie auch vom Fehlen des Gegensatzes der Außenwelt zum Ich. Der Ekstatiker erlebt ohne Gebrauch seiner Sinne die unmittelbare Verschmelzung mit dem Göttlichen und ist in der Ekstase eine Einheit mit der Gottheit.

Mystische Erfahrungen auf psychonautischen Reisen beflügeln das Bewusstsein, alle Dimensionen der Welt zu transzendieren. Nach der Welle der Mystik im antiken Griechenland im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung erlebten die Eleusinischen Mysterien in Attika durch den Dionysoskult und den Orphischen Kult eine wahre Hochblüte. An den Zeremonien, den Orgien (von griechisch órgia, gleichbedeutend mit heiliger Handlung) durften nur Eingeweihte teilnehmen, denn die Mysterien waren Geheimkulte. Die ebenso geheime kultische Weihe nannte man mystérion und den speziell in die (Dionysischen) Eleusinischen Geheimlehren Eingeweihten nannte man mýstes, ein Name, der von dem Verb mýein (einweihen in die Mysterien), unterweisen, unterrichten) abgeleitet ist. Der Mystiker schließt seine leiblichen und geistigen Augen für die Dinge der Sinnenwelt und für die Logik des Verstandes, während er sich unvorstellbaren und unfassbaren Gewalten anvertraut und sich im Rausch der Ekstase mit dem höchsten Wesen jenseits von Sein und Nichtsein vereinigt.

Die wichtigsten pharmakologischen Auslöser außergewöhnlicher Bewusstseinszustände sind die sogenannten entheogenen Drogen, gefolgt von den entaktogenen Drogen. Entheogene Drogen sind Substanzen, die das Göttliche in einem entstehen und gewahr werden lassen. Der Begriff entheogen ist aus den drei griechischen Wörtern en (innen), theós (Gott, Gottheit) und gen (generieren, erzeugen) zusammengesetzt. Zu den wirksamsten entheogenen Substanzen zählen die auch als Halluzinogene bezeichneten Indolderivate LSD (Lysergsäurediethylamid), DMT (Dimethyltryptamin), DET (Diethyltriptamin) und Psilocybin wie auch die Phenethylamine Meskalin und 2C-B.

Als entaktogene Drogen bezeichnet man Substanzen, die das innere Gefühl und Empfinden steigern. Der Begriff ist von dem lateinischen Wort für Berührung, Tastsinn und Gefühl, tactus abgeleitet. Zu den klassischen entaktogenen Substanzen zählen die drei Amphetaminderivate MDMA (Ecstasy), MDE (Eve) und MBDB (Eden), wobei MDMA wegen seiner speziellen Wirkung auch als empathische Droge, also als eine Droge, die Bereitschaft und Fähigkeit fördert, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen, bezeichnet wird.

Die Einnahme von Substanzen zum Herbeiführen von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen erfolgt meistens gemäß alten Traditionen in ritualisierter Form. Erfahrungen aus der Technokultur belegen, dass Technopartys ein äußerst beliebtes und oft genutztes Setting für die Einnahme psychotrop wirkender Substanzen sind. Dies liegt einerseits an der intensiven Gruppendynamik, die sich auf einem Dancefloor entwickelt und in der man sich geradezu laben kann, anderseits am Gefühl der Geborgenheit, das durch gemeinsames Erleben ekstatischer Zustände vermittelt wird.
Ein willkürliches Einnehmen dieser Substanzen ohne Sinn und Verstand kann zu erheblichen individuellen und sozialen Problemen führen. Psychonautische Riten, angeleitet von erfahrenen Psychonautikern, mindern die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Problemen und dienen somit dem physischen und psychischen Gesundheitsschutz. Deshalb gilt es, das immaterielle Kulturerbe der psychonautischen Riten – dazu zählen auch Goa- und Trancepartys – zu bewahren und den Gemeinschaften, Gruppen und Individuen, die diese Riten zelebrieren, den nötigen Respekt der Gesellschaft zu sichern und das allgemeine Bewusstsein für die Bedeutung dieser Riten zu fördern, damit die Wertschätzung dieser Riten auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene nicht mehr von einem einseitigen rein materialistischen Gedankengut getrübt wird.




Quellen und Literaturhinweise
Wikipedia Artikel (deutsch und englisch): Derwisch,Dhikr,Dschalal-ad-Din-ar-Rumi,Malana,Manali ,Mansur-al-Halladsch,Mevlevi,Nataraja,Sadhu,Shillum ,Shiva,Sufismus

Hans Cousto: Vom Urkult zur Kultur – Drogen und Techno, Nachtschatten Verlag, Solothurn 1995

Hans Cousto: Das Weltkulturerbe Psychonautik – Ein drogenpolitisches Manifest, Nachtschatten Verlag, Solothurn 2009
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