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Cannabis bei chronischen Darmentzündungen

Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin
Publiziert am: 01.09.11 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Franjo Grotenhermen
Franjo Grotenhermen

Jüngst berichteten Ärzte des Mount-Sinai-Krankenhauses in Toronto (Kanada) von einer Umfrage, nach der die Verwendung von Cannabis bei Menschen mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa weit verbreitet ist. Bei diesen Erkrankungen handelt es sich um chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, die mit Bauchschmerzen, Gewichtsverlust und zum Teil blutigen Durchfällen einhergehen.

Die Ursache der Erkrankungen ist unbekannt. Es gibt eine genetische Disposition, aber auch Umweltfaktoren scheinen eine wichtige Rolle zu spielen, darunter die Ernährung. Beim Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa reagiert das Immunsystem mit einer Abwehrreaktion auf die Bakterien im Darm. Gerät das Immunsystem außer Kontrolle, so treten schubweise sehr starke Abwehrreaktionen auf, wodurch die Entzündungen chronisch werden.
Beim Morbus Crohn sind alle Schichten des Darms entzündet, und der gesamte Magen-Darm-Trakt vom Mund bis zum After kann betroffen sein, allerdings meistens nur einige Abschnitte des Darms. Durch immer wiederkehrende Entzündungen können sich eitrige Abszesse, Fisteln und Verengungen des Darms bilden. Bei der Colitis ulcerosa ist nur die Schleimhaut, also die innere Schicht des Darms betroffen. Die Erkrankung beginnt am After und schreitet dann in den Dickdarm und eventuell bis in den Dünndarm vor.

Beide Erkrankungen sind nicht heilbar. Die Behandlung zielt auf eine Linderung der Entzündungen und eine Verlängerung der beschwerdefreien Zeiträume. Dazu werden immunsuppressive Substanzen, die die überschießenden Abwehrreaktionen des Körpers verhindern sollen, sowie entzündungshemmende Mittel zur Eindämmung der akuten Entzündung, eingesetzt. Nicht selten verursachen diese Medikamente auf lange Sicht starke Nebenwirkungen.

Im Jahr 2004 veröffentlichten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München Untersuchungen, nach denen das körpereigene Cannabinoidsystem aus Cannabinoidrezeptoren und Endocannabinoiden (körpereigene Cannabinoide) eine wichtige Rolle bei chronischen Entzündungen des Dickdarms spielt. Ein synthetisches Cannabinoid und auch Endocannabinoide verhinderten eine experimentelle Entzündung des Dickdarms bei Mäusen und die Wissenschaftler vermuteten, dass „das endogene Cannabinoidsystem einen viel versprechenden therapeutischen Angriffspunkt für die Behandlung von Darmerkrankungen darstellt, die durch starke Entzündungsreaktionen gekennzeichnet sind“.

Diese Untersuchungen wurden in den folgenden Jahren bestätigt und ergänzt. Beispielsweise veröffentlichte eine andere Arbeitsgruppe im Jahr 2006 Ergebnisse von Untersuchungen an Mäusen, bei denen mit Senföl eine starke Entzündung der Dickdarmschleimhaut verursacht worden war. Im Vergleich zu gesunden Mäusen wiesen die Nervenzellen im Dickdarm von Tieren mit einer Entzündung eine größere Zahl von Cannabinoid-1-Rezeptoren (CB1-Rezeptoren) auf. Zudem gab es mehr CB1-Rezeptoren in der entzündeten Schleimhaut als in nicht entzündetem Gewebe. CB1-Rezeptoren finden sich vor allem im zentralen Nervensystem, und ihre Aktivierung ist beispielsweise für die bekannten psychischen Wirkungen von THC verantwortlich. Sie finden sich aber auch in vielen anderen Organen, wie beispielsweise auch dem Darm.

Wenn durch eine Erkrankung in einem bestimmten Organ die Zahl der CB1-Rezeptoren erhöht ist, so kann THC an diesem Organ eine stärkere Wirkung ausüben. Auch die Anzahl der Cannabinoid-2-Rezeptoren (CB2-Rezeptoren) in Immunzellen im entzündeten Gewebe war erhöht. CB2-Rezeptoren finden sich vorwiegend auf Immunzellen, wie zum Beispiel weißen Blutkörperchen. In den Untersuchungen zeigte sich, dass sowohl eine alleinige Aktivierung des CB1-Rezeptors als auch eine selektive Aktivierung des CB2-Rezeptors die Schrumpfung und Entzündung des Darms der Tiere verminderten. In der Folge haben mehrere Studien gezeigt, dass eine Erhöhung der Konzentration von Endocannabinoiden experimentelle Entzündungen bei Tieren abschwächt.

Vor einigen Jahren wurde an der Universität München eine klinische Studie mit einem Cannabisextrakt bei Patienten mit Colitis ulcerosa begonnen. Leider fanden sich nicht ausreichend Teilnehmer für die Studie, so dass sie nicht abgeschlossen werden konnte. Wichtige Gründe für die mangelnde Teilnahme waren offensichtlich die Studienbedingungen. So durften die Studienteilnehmer während der mehrwöchigen Studie nicht am Straßenverkehr teilnehmen und sollten sich im Verlauf der Studie zur Feststellung der Entzündungsaktivität mehreren Dammspiegelungen unterziehen. Eine solche Spiegelung ist bei Gesunden vielleicht nur etwas unangenehm, bei Patienten mit einer chronischen Darmentzündung kann sie jedoch recht schmerzhaft sein.

Aber nun zurück zur eingangs erwähnten Umfrage aus Kanada. Insgesamt füllten 100 Patienten mit Colitis ulcerosa und 191 Patienten mit Morbus Crohn einen Fragebogen zu ihrem aktuellen und früheren Cannabiskonsum, der Verwendung von Medikamenten und weiteren Themen aus. Danach hatten in beiden Gruppen etwa 50 Prozent schon einmal Cannabis konsumiert, und 12 beziehungsweise 16 Prozent verwendeten zum Zeitpunkt der Befragung Cannabis.

Von allen Teilnehmern, die jemals Cannabis konsumiert hatten, verwendeten ein Drittel der Patienten mit Colitis ulcerosa und die Hälfte der Patienten mit Morbus Crohn ihn zur Linderung von Symptomen ihrer Erkrankung, darunter Bauchschmerzen, Durchfälle und reduzierter Appetit.
Die Forscher folgerten, dass „Cannabiskonsum bei Patienten mit chronischen Darmentzündungen zur Linderung von Symptomen häufig ist, insbesondere bei Patienten mit einer Bauchoperation in der Krankengeschichte, chronischen Bauchschmerzen und/oder einer geringen Lebensqualität“.
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