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Reizdarmsyndrom - Eine Störung des Cannabinoidsystems?

Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin
Publiziert am: 02.02.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Franjo Grotenhermen
Dr.Franjo Grotenhermen

Etwa 20 Prozent aller Erwachsenen leiden an Symptomen, die bei einem Reizdarmsyndrom auftreten. Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich um eine funktionelle Störung des Magendarmtrakts, die mit Schmerzen im Bauchraum, Unwohlsein und veränderten Stuhlgewohnheiten (Durchfall, Verstopfung oder Wechsel von Durchfall und Verstopfung) einhergeht. Körperliche Veränderungen können nicht nachgewiesen werden. Die Ursache für das Reizdarmsyndrom ist unbekannt.

Nach heutigem Verständnis tragen mehrere Faktoren zur Entwicklung der Symptomatik bei einzelnen Patienten bei. Dazu zählen unter anderem Infektionen, eine veränderte Darmbeweglichkeit, eine Störung der Reizübertragung zwischen Gehirn und Darm, eine verstärkte Schmerzempfindlichkeit des Darms, Störungen der Darmbakterienflora sowie psychosoziale, genetische und Umweltfaktoren.

Einige Studien geben Hinweise, nach denen THC nützlich bei Symptomen des Reizdarmsyndroms sein könnte. So wurde 2011 eine Studie von Wissenschaftlern eines Darmforschungszentrums in den USA veröffentlicht, nach der THC die Bewegungen des Dickdarms bei Patienten mit Reizdarm reduzierte. 75 Patienten mit Reizdarm (35 mit Verstopfung, 35 mit Durchfall und fünf mit einem Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall) wurden zufällig drei Gruppen zugeordnet, die ein Plazebo oder 2,5 mg oder 5,0 mg THC erhielten. Die THC-Wirkung war bei Patienten mit Reizdarm und Durchfall am größten. Die Forscher schlossen daraus, dass THC „einen möglichen Nutzen bei jenen (...) mit beschleunigter Passage liefern könnte“.

Im Jahr 2004 hatte ein Wissenschaftler aus den USA in einem Artikel für eine Fachzeitschrift die These vertreten, dass bestimmte Erkrankungen auf einem Mangel an Endocannabinoiden beruhen könnten, darunter Reizdarmsyndrom, Migräne und Fibromyalgie. Er nannte dies „klinischer Endocannabinoidmangel“. Wenn dies zuträfe, könnte eine äußerliche Zufuhr von Cannabinoiden diesen Mangel kompensieren und die Symptome lindern.

Anfang 2011 veröffentlichten koreanische Wissenschaftler Ergebnisse einer Untersuchung von 162 Patienten mit Reizdarmsyndrom und 423 gesunden Probanden. Sie fanden heraus, dass bestimmte Varianten des CB1-Rezeptors bei Reizdarmpatienten vermehrt auftraten. Der CB1-Rezeptor ist bei verschiedenen Personen nicht völlig identisch, so dass auch seine Funktion nicht völlig identisch ist. Wie bei anderen Rezeptoren und anderen Proteinstrukturen im Körper gibt es mehrere Varianten dieses Rezeptors, die ihre Funktion mit unterschiedlicher Intensität wahrnehmen können. Da die Aktivierung des CB1-Rezeptors beispielsweise Schmerzen lindert und die Darmbewegungen reduziert, kann man sich leicht vorstellen, dass eine reduzierte Aktivität von CB1-Rezeptoren die Entstehung von bestimmten Krankheiten begünstigen kann.

Eine reduzierte Aktivität von CB1-Rezeptoren führt schließlich zu einer schwächeren Wirkung von Endocannabinoiden und beispielsweise zu einer vergrößerten Schmerzempfindlichkeit und einer größeren Neigung für Schmerzerkrankungen. Auch wenn Endocannabinoide, also körpereigene Cannabinoide, beschleunigt abgebaut werden, sind ähnliche Symptome zu erwarten.

Heute weiß man, dass Endocannabinoide ständig im Körper gebildet werden. Sie sind für den normalen Ablauf vieler Körperfunktionen zuständig, darunter auch für eine normale Funktion von Magen und Darm. Eine gestörte Funktion des Cannabinoidsystems stört offenbar diese normale Funktion und könnte ein Faktor beim Entstehen des Reizdarmsyndroms sein.

In einer Studie an der Mayo-Klinik in den USA aus dem Jahr 2007 mit 52 gesunden Probanden entspannte die Gabe von THC den Dickdarm. Die Teilnehmer erhielten nach einer zufälligen Zuordnung entweder 7,5 mg THC oder ein Placebo. Die Wirkungen von THC auf den Dickdarm wurden einmal im nüchternen Zustand und einmal nach einer kalorienreichen Mahlzeit gemessen. THC verursachte eine signifikante Zunahme der Dehnbarkeit des Dickdarms, eine Zunahme der Entspannung des Dickdarms während der nüchternen Phase und eine Reduzierung der Dickdarmspannung nach der Mahlzeit. Die Autoren schlussfolgerten, dass THC den Dickdarm entspannt und seine Beweglichkeit und seine Spannung nach einer Mahlzeit reduziert. „Das Potenzial für CBR [Cannabinoidrezeptoren], die motorische Funktion des Dickdarms bei Durchfallerkrankungen wie etwa dem Reizdarmsyndrom zu beeinflussen, bedarf weiterer Untersuchungen“, erklärten sie.

Kürzlich schrieb Prof. Martin Storr vom Klinikum Groshardern in München in einem Beitrag zum Reizdarmsyndrom, dass „die genaue Rolle der Endocannabinoid-Kontrolle innerhalb der Pathophysiologie [Entstehung] des Reizdarmsyndroms oder der Entwicklung einiger damit verbundener Symptome noch genauer untersucht werden muss. (...) Dies beinhaltet das Potenzial zur Entdeckung zukünftiger Behandlungen des Reizdarmsyndroms oder einiger ihrer Symptome.“

So manch einem Patienten mit Reizdarmsyndrom und Durchfall bringt Cannabis schnelle Hilfe. Die Wissenschaft kann zunehmend besser erklären, warum das so ist.

Dr. med. Franjo Grotenhermen
Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin(ACM).
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