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Wenn Pflanzen sprechen könnten

Guerilla Growing Weird
Publiziert am: 25.04.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Sadhu van Hemp
Foto: via Wikimedia

Zwischen Himmel und Erde gibt es Dinge, die lassen sich beobachten, aber nicht erklären. Zu klein ist der geistige Horizont des Menschen, um sich beispielsweise die simple Frage zu beantworten, ob Pflanzen eine Seele haben. Und was ist überhaupt die Seele, für die manch Homo Sapiens einen Klempner konsultieren muss? Ob vom Guten oder Bösen beseelt, letztlich sind wir alle nur arme Seelen, die selig werden wollen und die Seele dafür auch schon mal meistbietend verhökern. Doch längst nicht alle wollen Schuld auf die schwarze Seele laden und suchen das Seelenheil darin, sich selbst die treueste Seele zu sein. Einer dieser von sich selbst Beseelten ist Karl Wumme, mit dem ich einst die Schulbank drückte. Neulich habe ich ihn wiedergetroffen, nach vierzig Jahren. Plötzlich stand er vor mir, die olle Schnarchnase, guckte mich durch seine Nickelbrille an und sagte: „Äh, Alter, du ...! Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin‘s, der Kawumm.“
Ich heulte vor Freude, den alten Freund bei bester Gesundheit und vor allem Jugendlichkeit anzutreffen. Noch immer trug er Matte, die in voller Pracht aus seinem Kopf spross, und selbst das neckische Zappa-Bärtchen zeigte nicht die Spur eines grauen Haaransatzes.
„Sag mal“, fragte ich Kawumm. „Bist du in einen Jungbrunnen gefallen?“
Er lachte und grinste mich dabei in einer Art an, die sofort verriet, dass sich der Knabe nach wie vor stoned durch die Welt tastete. Nicht verwunderlich, habe ich den guten Kawumm nie in einem anderen Zustand erlebt. Das heilige Kraut hatte uns damals tief verbunden, ja, wir waren Seelenverwandte, die allzu gerne bei einem fetten Joint die Seele baumeln ließen, anstatt sich mit Lateinvokabeln zuzudröhnen.
Nun muss erwähnt werden, dass Kawumm kein normaler Mensch ist, sondern einer, mit dem etwas nicht stimmt. Doch im Gegensatz zu den vielen anderen Bekloppten hat er eine durchaus harmlose Macke, die sich ausschließlich darauf beschränkt, dem Irrsinn des alltäglichen Lebens mit konsequentem Schweigen zu begegnen. Das machte den armen Kerl natürlich schon in Jugendjahren zum Außenseiter, aber da war er bei uns verlausten Hippies in bester Gesellschaft. Die göttliche Fügung wollte es dann, dass ich die Rolle des Teufels übernahm und den Knaben vom Teufelskraut kosten ließ, mit der fatalen Folge, dass Kawumm nie wieder von seiner Wolke Sieben abgestiegen ist. Das war wohl ganz gut so, wie sich heute zeigt, denn vor mir stand ein fast sechzigjähriger Mann, der äußerlich noch immer als Abiturient durchging und dem der Pakt mit dem Teufel offensichtlich nicht geschadet hat. Und das ist mehr als eine Überraschung, denn eigentlich schien unser Kawumm zum Junkie vorherbestimmt, der vorzeitig den verrußten Löffel auf einer Bahnhofstoilette abgibt. Nun gut, Kawumm hat überlebt, und mit seiner jugendlichen Frische tritt er den lebenden Beweis an, dass die Einnahme von Hanfblüten den Menschen langsamer welken lässt – im Unterschied zu mir, dem man den Pils-Befall ansieht.
„Was geht ab, Alter?“ fragte Kawumm. „Wollen wir bei mir ein bisschen Gras verbrennen?“ Selbstverständlich willigte ich ein, und es war schon ein seltsames Gefühl, als wir durch den verwilderten Park des Wumme-Anwesens auf die von Efeu überwucherte Backsteinvilla zuschritten. Plötzlich hatte ich sie wieder vor Augen, die Hackfresse des herrschsüchtigen Vaters, der den inneren Nazischweinehund nicht überwinden konnte und in den eigenen vier Wänden im Widerstand lebte. Im braunen Haus der Wummes gab es ein ständiges Kommen und Gehen der Veteranen des Völkermords, die davon träumten, schon bald rehabilitiert und reaktiviert zu werden, um das rote Hippiegesindel mit Stumpf und Stiel auszumerzen. Daraus wurde aber nichts, denn heute liegt die Villa friedlich im Dornröschenschlaf und nichts deutet daraufhin, dass dort überhaupt jemand wohnt.
Kawumm führte mich ums Haus herum zur Kellertreppe, und ich muss gestehen, ich hatte ein leicht mulmiges Gefühl, als er die mehrfach gesicherte Eisentür entriegelte und mir zurief: „Na los, Alter! Aber auf eigene Gefahr!“ Ich zögerte, aber nur kurz, dann folgte ich dem guten alten Kawumm in seine Höhle, in der Hoffnung, Opfer einer nicht allzu schweren Straftat zu werden. Der erste Eindruck war elendig und entsprach nicht der Erinnerung, die ich an die hochherrschaftliche Villa hatte. Das Souterrain war komplett mit Gerümpel zugemüllt, die Farbe blätterte von den Wänden, doch die Krönung war, dass Kawumm in der Küche hauste. Schließlich saßen wir einträchtig am Küchentisch, tranken Kaffee und eine Keksdose hatte sich auch noch angefunden.
„Und? Was willst du knattern? Gras oder Hasch?“ fragte der Gastgeber. „Ich hätte da einen echt edlen Stein – handgeknetet.“ Ich willigte ein, und Kawumm wickelte einen dreiblättrigen Joint, den ich anrauchen durfte. Nun muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich zu denen zähle, die selbst nie etwas dabei haben, aber sofort zur Stelle sind, wenn irgendwo eine Tüte glimmt. Wie Schmarotzer nun mal sind, hatte ich das Horn augenblicklich heiß geraucht, mit dem Ergebnis, dass ich mir nach dem dritten Zug schwindelig wurde. Ja, und dann war ich so breit wie nie zuvor. Eine unglaubliche Schwere befiel mich, und es kostete erhebliche Mühe, nicht kopfüber auf die Tischplatte zu fallen. Von ganz weit her hörte ich eine Stimme, die fragte, ob alles okay sei. Nein, das war es ganz und gar nicht, aber ich bekam kein Wort heraus. Stattdessen klammerte ich mich am Stuhl fest, ließ den Oberkörper kreisen und verharrte in der Angst, der enormen Erdanziehungskraft nicht standhalten zu können. Doch dann überwältigte mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, und die Schwere machte einer Leichtigkeit Platz, wie ich sie zuletzt als Kind beim Spielen erlebt hatte.
„Äh, Alter! Haste da Opium mit reingeknetet?“ fragte ich Kawumm, der mir die ganze Zeit schweigend gegenüber saß und mit einer Riesenbong hantierte. Er sah kurz auf, verzog missbilligend die Mundwinkel und widmete sich wieder dem Rauchgefäß. Breit wie ich war, gab ich mich mit der Antwort zufrieden, grinste selig vor mich hin und beobachtete Kawumm beim Blubbern.
„Sag mal, Keule“, unterbrach ich ihn erneut. „Wie kommt das, dass du dich kaum verändert hast? Und Scheiße, warum siehst du so verdammt jung aus?“
„Hanf hält fit, Keule“, antwortete er mit einem breitem Grinsen. „Pass mal auf, ich zeig dir mal meinen Jungbrunnen!“
Und das hat er dann, und ich weiß bis heute nicht, ob ich nur geträumt habe. Stand da doch im Vestibül der Villa tatsächlich eine Mammuthanfpflanze, die bis unter die Decke reichte und in voller Blüte stand. Allein der Geruch reichte für eine volle Breitseite, doch der Hammer war, dass der Fußboden rund um den Hanfbaum komplett verharzt war.
„Erinnerst du dich an das Tütchen Kongo-Gras, das wir 1969 in der Hasenheide gekauft haben? Die Pflanze hier ist aus der Tüte. Feiert bald ihren 43. Geburtstag, die Süße.“
„Wie kann das sein?“ fragte ich nach.
„Liebe, Alter! So etwas kann nur aus Liebe erwachsen. Da ist irgendetwas, das uns tief verbindet, auch ohne Worte. Wir kommunizieren telepathisch. Jetzt zum Beispiel ist sie neugierig, wer du bist. Sie weiß den Atem der Menschen zu unterscheiden. Besonders mag sie es, wenn man singt. Glaub mir, meine Süße und ich, wir kennen uns besser als jedes alte Ehepaar.“ Kawumm bückte sich und schabte von den Marmorfliesen mit einem Spachtel das pure Haschisch ab. „Hier, das haben wir eben geraucht! Also nix mit Opium.“
„Mann Alter, das reicht ja für eine ganze Kompanie. Das rauchst du doch nicht etwa ganz alleine weg?“
Kawumm lachte und bedeutete mir, ihm zu folgen. Er öffnete die Schiebetür zum Salon, der bis unter die Decke mit abgedeckten Möbeln zugestellt war und nur noch als Korridor zur Bibliothek diente. Kawumm schaltete den Kronleuchter an, zeigte auf die Bücherregale und sagte mit stolz erhobener Brust: „Da, mein Lebenswerk!“
„Wie jetzt?“ fragte ich nach, da ich nicht wusste, was ich sah. Statt Bücher standen nämlich rundum Holzkästen in den Regalen.
„Alles Haschöl, was du da siehst“, klärte Kawumm auf. „Nach Jahrgängen geordnet. Das erste Fläschchen habe ich 1971 abgefüllt. Und ob du es glaubst oder nicht, je länger man das Öl lagert, desto edler ist der Tropfen. Das ist wie bei Whiskey. Das Schärfste aber ist, dass über Jahre gereiftes Öl auf den Organismus verjüngend wirkt.“
„Du spinnst, Alter!“ zweifelte ich. „Das wüsste ich, wenn dem so wäre.“
„Nix weißt du! Ich habe nämlich das Zwei-Komponenten-Verfahren entwickelt. Nachdem ich festgestellt hatte, dass Haschöl gesundheitsfördernd ist, habe ich eine Salbe entwickelt, die gegen alles hilft – auch gegen Glatzenbildung. Dreimal darfst du raten, warum ich noch alle Haare auf dem Kopf habe. Kurzum, Alter: Nach Jahren der Experimente habe ich ein Badeöl zusammengestellt, das je nach Konzentration den Alterungsprozess bremst, stoppt und sogar rückgängig macht.“
„Du verscheißert mich jetzt, oder?“
„Nee, nicht die Bohne! Das mit dem Badeöl funktioniert. Ist aber eine gefährliche Sache, denn wenn man mit der Dosierung nicht aufpasst, wird man die Geister nicht wieder los, die man rief. Komm mal mit, Alter! Ich zeig dir was.“
Kawumm führte mich bis nach oben unters Dach und schloss eine Tür zu einem kargen, abgedunkelten Raum auf, in dem ein Junge und Mädchen auf dem Fußboden saßen und uns böse anguckten.
„Wird ja auch Zeit, Karl“, brüllte der Junge. „Mutti und ich haben Hunger!“
„Halt die Fresse, Papa! Erst mal esst ihr Nichtsnutze den Spinat von heute morgen auf“, brüllte Kawumm zurück und warf die Tür wieder zu. Er sah mich kurz an, stöhnte laut und sagte: „Und! Glaubst du mir jetzt, Alter?“
Ich nickte und bekam zum Abschied ein 74’er-Fläschchen Badeöl mit auf den Weg. Mal gucken, wie so eine Badekur bei meiner Frau anschlägt.

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