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Setzen - 6

Wie auf dem 55. Treffen der UNO-Suchtstoffkommission in Wien
vom 12. – 16.März 2012 das Thema verfehlt wurde
Publiziert am: 02.05.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: FaRId Ghehioueche
Foto: FaRId Ghehioueche

Ein Erlebnisbericht von FaRId Ghehioueche
Übersetzung M. Meyer


Da es unmöglich ist, allen Diskussionen, Beiträgen, Treffen und Gesprächen einer drogenpolitischen Veranstaltung diesen Ausmaßes ausreichend zu folgen, weise ich als erstes auf die weiteren Eindrücke teilnehmender Encod Mitglieder hin, deren Berichte auf encod.org zu finden sind.

Um meine Gefühle zu diesem Event zusammenzufassen, behaupte ich, dass die Legalisierungsfront an Macht und Glaubwürdigkeit gewonnen hat. Vor allem dank der altbackenen Rezepte der Prohibitionisten, deren Phrasen seit Jahrzehnten nicht mehr ernst genommen werden.

Offiziell wagt es zwar kaum jemand zu sagen, doch die Global Commission on Drug Policy hat mit ihrer Forderung nach der Beendigung des Drogenkrieges Anfang des Jahres einen gewissen Effekt erzielt und dem Trend der derzeitigen Liberalisierungsdynamik in Süd- und Zentral-Amerika mehr Schub als je zuvor gegeben. Genügend Schub, um ein ganzes Land oder regionale Bereiche zu reformieren.
Nach 100 Jahren einer weltweiten US-Führung hat sich mittlerweile Russland zum neuen imperialistischen Anti-Drogen-Zaren entwickelt. (Vergesst nicht, dass im Jahre 1961 am Rande einer drohenden Nuklearkrise, die USA und Russland beste Verbündete von Frankreich und anderen waren, um die aktuell geltenden unwissenschaftlichen Betäubungsmittelsanktionen in den Drogenkrieg zu integrieren.)
Am 14.03. fand jedenfalls der Bericht der IDPC (International Drug Policy Consortium / Internationale Arbeitsgemeinschaft zu Drogenpolitik) / TNI (Transnationales Institut) im recht überfüllten Mozart Raum für eine geschlossene Gesellschaft als Nebenveranstaltung statt. Leider kann ich darüber nicht viel berichten, nur dass man die französische Delegation, darunter Etienne Apaire, in diese Richtung laufen sah. Insgesamt waren wirklich mehr Menschen dorthin unterwegs als zum gleichzeitig stattfindenden Mittagessen, an dem ich teilnehmen durfte. Wenigstens etwas.

Zur gleichen Zeit wollte ich an diesem 14. März (Dalilas Geburtstag - Farids Ehefrau, Anm. d. Red.) etwas Besonderes erleben und entdeckte ein neues Gesicht an der Speerspitze der Prohibitionisten. Ich besuchte gerade das Essen, das für die Präsentation des CADAC (City Anti-Drug Abuse Council) gegeben wurde und das von einem ehemaligen US-Armee General ausgerichtet wurde.
Das Meeting wirkte in etwa wie der Tanz des sterbenden Schwans, mit dem Anliegen die letzten Lichter der prohibitionistischen Ansichten weiter glimmen zu lassen. Und sie haben auf die eine Weise sicherlich Erfolg damit, da sie ihre Strategien auf die Schaffung von Gemeinschaften gründen, die sozio-ökologische Verantwortung teilen. Um genau zu sein, begründen sie ihre „Schützt die Jugend”-Philosophie mit einem schwachen Ansatz „Gefahrenreduzierung”, den sie bei Alkohol, Tabak und Marihuana verwenden. Damit gewinnen sie hier und da auch noch an Unterstützung, hauptsächlich in Südamerika und Afrika.
Ich stellte den Anwesenden zwischenzeitlich eine recht diplomatische Frage: „Heutzutage gibt es viele neue Süchte, wie zum Beispiel Video- und Geldspiele, die Konsequenzen auf das Leben der Süchtigen haben und bis zum Tod führen können oder dramatische Auswirkungen auf Kinder haben. Wie beugen sie diesem Gefahrenpotential vor?”
Die Antwort blieb man mir natürlich schuldig.

„Anticoca-Bananas“

Lasst uns auch gemeinsam kurz über die „Fair Anticoca Bananas” lachen.
Ich hab zwar keine genauen Details, aber um das UNDOC-Budget zu steigern und um die Chancen für Produkte alternativer Entwicklungsprogramme zu erhöhen, möchte man ein Label herausbringen, das unter dem Namen “Fair Anticoca Bananas” höhere Preise für Bananen auf dem Globalen Markt erzielen soll. Hier wurde die WTO (World Trade Organisation) in den Sturm des „geschützten Marktes” gebracht, der aber ebenso unbekannt ist wie die Herkunft des eigentlichen Interesses.

Faszinierendes gab es in der Rotonde (dem Haupteingang und die Kreuzung der Gebäude), wo sich spezielle Aufbauten alternativer Projekte und Organisationen, die sich auf Gegenmaßnahmen zum Drogenhandel spezialisiert hatten, trafen. Die Türkei, Thailand, Russland, Pakistan und Kolumbien zeigten sehr viel Material, das nur wenige, neben den professionell Beteiligten, interessieren dürfte. Doch genau hier findet der Austausch statt und wird das Geld verteilt, das man zur gewissenhaften Durchführung alternativer Projekte bräuchte.
Am pakistanischen Tisch traf ich einen Verantwortlichen für die aktive Drogenverbotsdurchsetzung des Landes, der im Zivilen Dienst für UNDOC steht. Er erklärte mir, dass er für ein Methadon Programm in Pakistan einträte, jedoch die Behörden denken würden, dass dies eine Aufforderung zum Drogenmissbrauch darstelle. Ich wies ihn auf Medizinalpläne mit Mohn hin und beschrieb die Ibogaine Behandlungsmethode sowie die Wirkung von Cannabis, das Fähigkeiten besitzt die Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigkeit verringern zu können.

Cannabis als Medizin

Ich kam direkt mit einem höheren WHO (World Health Organisation) Angestellten über Medizinisches Marihuana ins Gespräch, nachdem ich Yuri Fedotov, dem Geschäftsführenden Direktor von UNDOC, mit dieser Thematik auf der Pressekonferenz konfrontierte und eine beginnende, stärkere verbale Auseinandersetzung mit Michael Krawitz und Boaz Wechtel von Encod folgte. Er verwies darauf, dass THC-haltiges „Dronabinol” in seiner Klassifizierung zu ändern schon empfohlen wurde und dass es bis jetzt nur der CND (Commission on Narcotic Drugs / Suchtstoffkommission) ignorieren oder ablehnen würde. Er sagte auch wieder, dass es für die WHO möglich sei die Verantwortung über die gesamte therapeutische Rolle der Pflanze zu übernehmen, wenn nur ein Mitgliedsstaat oder der CND danach fragen würden. Daher sei es nun an der Zeit so schnell wie möglich zu handeln, eine Koalition der EU-Länder zu vereinbaren, die bereits eine legale Verschreibung von Cannabis ermöglichen.
Gerüchten zufolge handle es sich wohl derzeit um Delegierte aus Israel, Deutschland und Spanien, die dafür in Frage kämen.

Der Drogenkrieg als „War on Information“

Von dem, was ich in Wien erreicht habe, zählt wohl auch das Verteilen unseres vierseitigen Statements zu Beginn der Veranstaltung, und es zu bewerkstelligen, es am Dienstag, trotz Protesten, offiziell auf den Tischen der zivilen Gesellschaftsstände auslegen zu dürfen.
Nachdem ich montags höflich danach fragte, das Material beim CND Sekretariat vorstellte, eine Absage bekam und diese akzeptierte, da es „Mitgliedstaaten beleidigt”, legte ich dienstags dennoch ein paar Exemplare auf den Tisch des Standes der zivilen Gesellschaften während eines Vortrages der Indischen Regierung. Es war sonst nirgendwo Platz zu finden.
Nach einer weiteren, harschen Diskussion über die folgende, zwangsweise Entfernung der Exemplare legte ich meinen Gesprächspartnern nah, dass diese Form von Zensur nicht unterstützt werden kann, wenn auf der einen Seite so viel propagandistisches Material an Menschen verteilt wird, die nach objektiven Informationen suchen. Falls man diese Zensur weitertreiben würde, müsste man mir folgen, ich würde fortan alles überall verteilen. Auf den Toiletten der Bar, den Korridoren, Räumen und Restaurants . Nach 30 Minuten kam ein Typ, der mir sagte, er teile meine Ansichten, er habe nochmals beim Sekretariat gefragt und diese gaben nun grünes Licht bezüglich des Auslegens der Encod Statements auf den Standtischen, was ich fortan bereitwillig zu nutzen wusste .

Dazu gab mir die Vorsitzende des CND am Rande der Konferenz ihre persönliche Meinung auf meine „dringende Frage” an Yuri Fedotov. Ich verkürze die Aussage hier nun in provokativem Maße nach meinem Erinnerungsvermögen:
„Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert. Drogenprohibitionistische Systeme haben Epidemien gesät, Gewalt und massenweise Menschenrechtsverletzungen mit sich gebracht. Drogen sind verfügbarer denn je, egal wo und wann. Das Organisierte Verbrechen ist so mächtig wie nie zuvor und untergräbt überall jegliche Staatsgesetze. Dazu haben wir Beweise über den medizinischen Nutzen von Cannabis, während Schmerzmittel in vielen Teilen der Welt Mangelware sind. Diejenigen, die in Macht stehen und entscheiden können, CND und UNOCD, müssen der Realität ins Auge sehen und Verantwortung übernehmen: Es muss eine Droge gegen Krieg geben! Würden Sie da mal ernsthaft drüber nachdenken: es müsste eine Droge gegen Krieg geben.
Fedrov wich auf der Pressekonferenz aus und sagte, dass die Fragesteller mehr das Statement eines Aktivisten vom Stapel gelassen hätten anstatt eine journalistische Frage zu stellen. Ich übernehme das mal für sie.
Es gibt keine andere Lösung als über Alternativen nachzudenken. Wann werden Sie sich dazu bereit erklären, dies in der Agenda zu beantragen, um endlich einen Raum für einen Dialog für eine nötige, staatliche Regulierung zu eröffnen?“ (Hoffentlich können einige Journalisten diese Aussage für ENCOD verbreiten.)
Eine weitere Frage wurde auch nach meinem Auftritt von einem „sauberen” Journalisten gestellt: „Derzeit haben 16 Bundestaaten der USA medizinisches Cannabis verschreibungsfähig gemacht. Glauben Sie, dass dies gegen die geltenden internationalen Konventionen verstößt?” Fedotov antwortete simpel: „Ja, es bricht den Geist des Drogenkontrollsystems.” Nach 33 Minuten wurde das eigentlich auf eine Stunde angesetzte Pressemeeting kurzfristig beendet.
Kurz zuvor wurde noch von einem Angestellten nach ernsthaften Fragen von echten Journalisten und keinen weiteren Aktivisten gefragt. Als hätte er sorgenvoll nach gefertigten Fragen Ausschau gehalten.
Lesen Sie doch bitte Peter Sarosis Artikel „Die geteilte Illusion einer drogenfreien Welt” etwas intensiver, meine Herren.

Nach der Pressekonferenz sagte mir die CND-Vorsitzende, dass sie vom persönlichen Standpunkt meine Meinung durchaus teile, jedoch der Ort dies zu bekunden nicht der Richtige sei, da ja die Mitgliedsstaaten dies innerhalb des CND zu entscheiden hätten.
Ich konterte dann: „Auf nationalem Level traut sich niemand etwas aufgrund der UN-Konventionen zu ändern, auf UN-Level kann nichts aufgrund der alteingesessenen Standards verändert werden, die einfach nicht entfernt werden und ebenso soll auf dieser Agenda kein Platz für eine Debatte sein? Wo und wann soll man dann an Veränderungen arbeiten?”
Sie fühlte sich glücklicherweise nicht angegriffen und pflichtete mir wieder bei, dass neue drogenpolitische Entscheidungen in nationalem wie internationalem Bereich gefällt werden müssen.
Weiter ging es in Raum 3, wo eine formlose Anhörung der Vorsitzenden, die vom Wiener NGO-Komitee eingeladen wurde, stattfand. Während der Anhörung stellten Boraz und ich einige quälende Fragen in Richtung Reformen bezüglich der Krankenversorgung von Cannabispatienten.
Zwischenzeitlich versuchte ich noch alle lateinamerikanischen Delegierten über die Guatemala Initiative am 24.05. zu begeistern und zum Abschluss traf ich einen Delegierten aus Tunesien, dem ich eine Version des Buches von Francis Caballero Legalize it! überreichen konnte. Da ich das Buch letzten Februar ins Französische übersetzte, schrieb ich ihm die Widmung „Ich hoffe, es wird dem Volk helfen vollständige Unabhängigkeit zurück zu erlangen.“

Fazit

In so gut wie allen Bereichen war während der gesamten Konferenz bemerkbar, dass die „Aktivisten” bestens auf die übermäßig vertretene Heuchelei, das nach „Schema F“ arbeitende Beamtentum und die realitätsfernen Einschätzungen bezüglich „krimineller Energien” vorbereitet waren. Ganz besonders gut läuft es in meinen Augen, wenn sich das Hauptaugenmerk einer Diskussion um die angebliche Durchsetzung von Menschenrechten oder um das Gesundheitswesen dreht.
In Wahrheit behalten auch nicht die Delegierten der Länder, die sich wandeln, die Erinnerung an die Diskussionen, sondern hauptsächlich die Repräsentanten der Bürgergesellschaften, was nicht zu unterschätzen ist.
Fähig sein zu müssen, den einen Fuß auf die Straßen des täglichen Lebens zu setzen und den anderen tief im Einmachglas zu lassen, wie eine Wasserschildkröte unter hunderten roter oder gelber Fische, zeigt metaphorisch den Wahnsinn, gegen den ENCOD und viele andere Netzwerke regelmäßig ankämpfen. Dass dieser Irrsinn im Austausch mit einer „hanftastischen“ Lösung genesen wird, wird sich früher oder später jedoch jedem offenbaren.

Aus Wien
FaRId Ghehioueche,
ENCOD SC Mitglied
Den Original Artikel in englischer Sprache findet ihr auf www.Encod.org


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