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Entheogene Rituale und psychedelische Ekstase

Vom Schamanenrhythmus zum Goasound
Publiziert am: 04.07.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Markus Berger
Vom Schamanenrhythmus zum Goasound

„Das gemeinsame Tanzen mit dem Ziel der kollektiven
Veränderung des Bewusstseins bis hin zur Ekstase, ist offensichtlich
eine Art ‚kultureller Archetyp’, der sich je nach Ort
und Epoche in ein neues kulturelles Gewand kleidet.“

(nach Müller-Ebeling et al. 1998: 162)

Bewusstseinsverändernde Techniken und Substanzen implizierende Rituale werden schon seit Jahrtausenden von Menschen aller Kontinente zelebriert. Dabei kann man zwar en detail einige, meist äußerliche Unterschiede in der Praxis, im Wesentlichen jedoch, trotz der teilweise unüberwindlichen geografischen Distanz, hauptsächlich gemeinsame Nenner ausmachen. Diese Arbeit untersucht aus einem philosophischen Ansatz heraus und anhand von Beispielen traditioneller und moderner Rituale deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sowohl in Bezug auf die gesellschaftliche Situation, wie Gesetzgebung und öffentliche Akzeptanz als auch in Hinsicht auf den geistigen Background und die evolutionäre Verwurzelung innerhalb der Kulturen.

Die von Schamanen seit Jahrtausenden für altruistische, philanthrope Zwecke aufgewendeten ekstatischen Bewusstseinszustände sind für einige Tage erlebbar - wenn auch in moderner Fassung - hat man das Vergnügen, gänzlich unbedarft einer Goa-Party beiwohnen zu dürfen. Geht man, wie in meinem Falle, davon aus, dass Techno gleich Techno ist und verschließt sich bewusst der Thematik, so wird man beim Besuch eines solchen Festivals keinerlei Wunder erwarten. Als ich aber anlässlich der sechzigsten Jahresfeier des LSD am 19. April in Basel weilte, hatte ich am Abend keine Wahl. Eine Goa-Party wartete darauf, von mir besucht zu werden. Mit minder begeisterten Gefühlen ließ ich mich auf das Geschehen ein ...
Es war ein Wunder. Ich glaubte mich inmitten einer großen Versammlung indianischer Psychonauten, ekstatisch tanzend zum Rhythmus der Psychedelic-Musik. Das war der Schamanenbeat schlechthin. Dieser Ansicht war und bin ich nach wie vor. Und weil moderne Goa-Events keinesfalls einfache Tanzveranstaltungen sind, sondern aus einer ganzen Palette verschiedener ernsthafter Motivationen heraus zustande kommen, kann und muss man derlei rituelle Ekstase mit der traditionellen Art und Weise des schamanischen Weges vergleichen.
„Der DJ hat als ‚Techno-Schamane’ den Kontakt zwischen den Stammesgenossen und dem Numinosen herzustellen. Er arbeitet in erster Linie mit Rhythmen. Er spürt, auf welche Rhythmen die vor ihm tanzende Menge ‚abfährt’. Ist der Augenblick günstig, trifft der DJ genau den Beat, der die Menge ‚zum kochen bringt’. Der Funke springt über, die kollektive Ekstase entfaltet sich (...) Techno ist die konsequente Transmutation der archaischen Schamanenmusik in das technologische Informationszeitalter. Ich behaupte: Techno ist die moderne Version der Schamanentrommel. Besonders die verchiedenen Stile von Trance sollen ihre bewusstseinsverändernde Wirkung haben.“

Bewusstseinsverändernde, entheogene Gewächse und Substanzen, heute gemeinhin mit dem negativ assoziierten Begriff ‚Droge’ belegt, dienten schon zu Urzeiten als Hilfsmittel, Werk- und Fahrzeuge zum Erhalt eines gesunden und freien Volkes und Sozialsystems. Die Ethnobotanische und
-pharmakologische Forschung kennt mittlerweile schon viele der zur Induktion von veränderten, ekstatischen Bewusstseinszuständen genutzten Gewächse und Zubereitungen, welche im ethnomedizinischen, philosophisch-rituellen Kontext angewendet wurden und noch heute werden und zu den für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wichtigsten historischen Wurzeln gezählt werden müssen. Auch wenn die gängige westliche kollektive Geisteshaltung den entheogenen Pharmaka einen ausschließlich negativen Einfluss auf die Menschen beimisst, so ist die Bedeutung dieser auch für unser heutiges soziales Netz von unschätzbarem Wert. Bei eingehender Betrachtung bzw. vergleichsweisen Gegenüberstellung der rituellen Traditionen der naturverbundenen Völker mit denen der unsrigen sogenannten Zivilisation, springt sogleich ins Auge, dass einige unserer Brauchtümer durchaus mit denen der weit entfernten Stämme und Kulturen zwar nicht unbedingt und in jedem Fall identisch sind, dennoch aber in Beziehung zueinander gesetzt werden können: Das sind zum Beispiel die Gebete, Gesänge und Tänze, die Räucherung von Harzen, die Schaffung von heiligen Artefakten und Symbolen und primär natürlich die Verehrung von Göttern und Heiligen, wobei die westlichen Traditionen oftmals monotheistische Glaubensansätze aufweisen, im Gegensatz zu den polytheistischen Vorstellungen der meisten Naturvölker.

Auch wenn unsere moderne Gesellschaft immer wieder den Gebrauch von Rauschmitteln im Zusammenhang mit Ritus und Religion abwertet und geringschätzt, so kann sie sich doch selbst von diesem nicht freisprechen. Zu den rituell genutzten Psychoaktiva gehören nämlich nicht nur das Hanf- und Stechapfel-gefüllte Chillum des hinduistischen Sadhu oder der Peyotl, Ololiuqui oder Teonanacatl der mexikanischen Indianer, sondern auch z.B. der Messwein der westlichen christlichen Kultur. Die anarchisch agierende Psychedelikbewegung zeichnet sich durch Ver- und Missachtung gesellschaftlicher Ideale und Schein-Werte aus und praktiziert oftmals über den Rand des Gesetzes seine eigene Lebensphilosophie, die der der Naturvölker mitunter recht ähnlich ist. Nicht mehr der Messwein in der Kirche spielt eine Rolle, sondern der LSD-Trip auf der Goaparty. Es werden auch keine Psalmen mehr rezitiert, sondern allenfalls Mantras. Trance-induzierende Trommelrhythmen waren bzw. sind ein klassisches, oftmals die psychedelischen Pflanzen und Pharmaka unterstützendes Element, das in Ritualen der westlichen Psychedelic-Trance-Community seine Fortsetzung gefunden hat. Monotone, hypnotische, ebenfalls Trance-induzierende Elektroniksounds, die oftmals den indianischen Rhythmen nicht unähnlich scheinen, eröffnen dem psychedelisierten Publikum neue Universen und Einblicke in den eigenen Seelenweltraum. Abgesehen vom ekstatischen Tanz, kommt es bei Goapartys weniger zu extrovertierten rituellen Handlungen, vielmehr ist der Geisteszustand, das sensibilisierte Bewusstsein von Bedeutung und das kollektive Gefühl der Einheit aller Teilnehmer, in höheren Sphären sogar der Einheit aller kosmischer Anwesenheit.

Ich werde nun versuchen, ein klassisches indianisches Zeremoniell in Beziehung zu heutigen Goa-Veranstaltungen zu setzen. Um den Rahmen nicht zu sprengen, begnüge ich mich hier mit der Darstellung eines einzigen traditionellen Rituals, nämlich des Peyote-Rituals, das grundsätzlich ein Heilritual ist aber auch als divinatorische Sitzung zur Lösung von Problemen vielschichtigster Art ihren Sinn findet. Ich nehme mir die Freiheit, den Verlauf eines solchen Peyote-Meetings aus meinem eigenen Buch zu zitieren:
„Das Peyote-Ritual (Peyote meeting) ist ein sog. Kreisritual. Das Zeremoniell findet in einem eigens für das Meeting hergerichteten Tipi statt. Die Teilnehmer sitzen die ganze Nacht im Kreis um ein Feuer, welches während dieser Zeit nicht verlöschen darf. Auf einem Altar liegen der Peyotestab (talking stick = ein symbolischer Ritualgegenstand), sowie Rassel, Flöte und Trommel. Zwischen Altar und Feuer steht ein lebendiger, älterer Peyote-Kaktus, der den Großen Geist symbolisiert. Das Tipi ist Symbol für das Universum, der Peyotestab steht für die Einheit des Großen Geistes mit dem Menschen. Mit Rassel und Trommel werden gesungene Peyote-Lieder untermalt, wobei die Rassel ein Gebet symbolisiert und die Trommel für den Puls, den Herzschlag steht. Der Ritualleiter (Roadman) spricht während der Peyote-Einnahme Gebete und singt heilige Lieder. Es kommt auch vor, dass Passagen aus der Bibel rezitiert werden.
Die Teilnehmer singen und schweigen im Wechsel, räuchern mit Kräutern, rauchen Tabak, trinken Wasser und kauen Peyote. Es wird während des gesamten Rituals nichts gegessen, außer den Peyote-Buttons. Das Ziel des Peyote meetings ist im weitesten Sinne das Erlernen des Sehens. Des Sehens seiner selbst, der im Normalzustand sinnlich nicht greifbaren Welt und der kosmischen Zusammenhänge. Man könnte sagen, die Probanden lernen, das Sein zu durchdringen - den Sinn des Lebens zu begreifen (...).“

Nun sind Goa-Events von heute natürlich nur bedingt mit einem solchen Ritus vergleichbar. Bedenkt man aber die Wandlung der Zeit, kann mit interpretativer Sicht durchaus ein gemeinsamer Nenner eruiert werden. Zwar sitzt die Teilnehmerschaft in der Regel nicht im Kreis, sondern tanzt. Wenn man aber die Location mit dem Tipi, die Bühne mit dem Altar, den DJ mit dem Roadman, das Acid mit den Peyotebuttons und den Goasound mit den Peyote-Liedern gleichsetzt und bedenkt, dass tatsächlich viele der Goa-Heads Paraphernalia, wie Trommel, Rassel und dergleichen bei sich tragen, hinkt der Vergleich gar nicht so sehr – im Gegenteil. Auch in der Wahl der psychotropen Stimulanzien existieren zahlreiche Parallelen, was nicht weiter verwunderlich ist, orientieren sich Psychonauten unserer Zeit und Gefilde schließlich gern an den Vorbildern der archaischen Ethnien. Sehen wir uns nun diese Substanzen bzw. Gewächse an, welche von den vermeintlich gegensätzlichen Kulturen zu rituellen Zwecken eingenommen werden. Der Übersichtlichkeit halber ordne ich die jeweiligen Entheogene tabellarisch, der besseren Verständlichkeit wegen, spare ich mir die nomenklatorischen Angaben der erstbeschreibenden Botaniker hinter den einzelnen Artnamen der Gewächse.

Ohne ausschweifend auf jedes einzelne Psychopharmakon und dessen Verbreitung und Anwendung einzugehen, können die Wirkprinzipien und grundlegenden psychischen Charakteristika der Substanzen in zwei Gruppen zusammengefasst werden. Dies sind die Stoffe vom Typ der Halluzinogene. In diese Gruppe fallen Tryptaminderivate, wie Psilocybin, LSD, LSA und DMT aber auch Verbindungen anderer chemischer Struktur, wie das Phenethylamin Meskalin, die dissoziative Droge Salvinorin A, die stark halluzinogen bis deliranten Tropanalkaloide der Nachtschattengewächse, 2C-B (ein Phenethylamin mit sowohl halluzinogenen als auch entaktogenen Eigenschaften) oder das kurzwirkende Psychedelikum Lachgas (N2O). Die Tryptamine und das Salvinorin werden seit langer Zeit traditionell zur Induktion visionärer Bewusstseinszustände genutzt, während 2C-B und Lachgas moderne Drogen sind. Zum zweiten Typus fasse ich Drogen mit entaktogener/empathogener bzw. aufputschender Wirkung zusammen. Traditionell sind dies Coca und Ma-huang, heute werden neben diesen noch Methylamphetamin, MDMA und GHB konsumiert. Schlussendlich lassen sich die einzelnen Gewächse und Stoffe nicht wirklich der volkstümlichen oder modernen Welt zuordnen. Auch westliche Psychonauten gebrauchen mitunter Nachtschattengewächse, LSA-haltige Winden, Meskalin oder Ephedrin und auch Schamanen nutzen im Falle einer Verfügbarkeit gern die Kräfte der synthetischen oder halbsynthetischen Entheogene der modernen Wissenschaft.

Zum Abschluss möchte ich reflektieren, wie sich die gesellschaftliche Einstellung und Akzeptanz bezüglich des Umgangs mit rituellen Zeremonien und Drogen gewandelt hat. Leider hat sich in den Köpfen der Menschheit durch gezieltes, über Jahre betriebenes Brainwashing eine vollkommene Fehlbeurteilung ritueller Psychoaktiva und Praktiken manifestiert. Aus dem ureigenen, menschlichen Bedürfnis sich zu berauschen und visionäre sakrale Gewächse zur Heilung, Aufklärung und Befreiung von Zwängen zu nutzen, hat sich im Zuge einer pharmakratischen, selektiv-willkürlichen Festlegung, welcherlei Substanzen gut und welche schlecht fürs Volk sind, ein durch Staatsgewalt, Kirche und Politik begründetes moralisches System aufgebaut, das die Nutzung der natürlichen, von Gott gegebenen Ressourcen sowie die Verehrung der Natur nicht nur verpönt, sondern gleichzeitig verbietet. Zwar spielt der Rausch auch in unserer paranoiden bürokratischen Gesellschaft eine Rolle, man denke beispielsweise an die Volksdrogen Alkohol, Koffein und Nikotin, doch beschränkt sich die Nutzung psychoaktiver Substanzen allein auf zwei Extreme: Entweder die totale Betäubung oder aber der absolute Leistungsanstieg. Die sonstigen, erst durch moderne Unwissenheit illegalisierten Stoffe erklärte man nach und nach kurzerhand zu „Drogen“, Teufelszeug, Rauschgift. Pflanzen werden bis heute „entnatürlicht“ und verboten, Rauschmittelnutzer zählen zu den Kriminellen. Ein anderes einleuchtendes Beispiel ist die Sache mit der Ekstase. In den schamanischen Traditionen ist Ekstase der Schlüssel zur Erkenntnis, während in der Zivilisation, gerade durch die Kirchen und Moralapostel, die durch und durch positive Ekstase (allen voran die sexuelle) als etwas Verwerfliches dargestellt wird.
Auch das Bild vom Schamanen wird uns von den populären Mainstream-Medien verzerrt vorgesetzt, was zum Ergebnis hat, dass in unserer Welt schon das Wort Schamane oftmals mit Quacksalber oder Scharlatan gleichgesetzt wird. Im mystisch-philosophischen Gefüge naturverbundener Völker hingegen, stellen Schamanen das wichtigste Glied des sozialen Netzes dar und sind Ansprechpartner und Anlaufpunkt für alle. Sie sind Mediziner und Berater, Schlichter und Beschützer, Pfarrer und Seelsorger und vieles mehr.
Der Weltöffentlichkeit aber wird weisgemacht, Schamanen seien Menschen, die erst Drogen nehmen, darauf wie irre mit den Augen rollen, grunzen und uns dann auch noch weismachen wollen, sie könnten hellsehen. Derlei Fehlinformation trägt natürlich nicht gerade zum Erhalt wurzelechter Kulturen bei. Doch selbst wenn irgendwann auch das letzte freie Volk ausgerottet und natürliche Lebensräume auch noch so knapp werden - entheogene Rituale wird es, solange die Menschheit existiert, immer geben.


Literatur
Berger, Markus (2003), Psychoaktive Kakteen, Löhrbach: Werner Pieper and The Grüne Kraft
Müller-Ebeling, Claudia et al. (1998), Schamanismus und Tantra in Nepal, Aarau: AT Verlag
Ott, Jonathan (1995), Ayahuasca-Analoge, Löhrbach: Werner Pieper and The Grüne Kraft
Ott, Jonathan (1996), Pharmacotheon, Second Edition, Natural Products Co.
Rätsch, Christian (2001), Schamanismus, Techno und Cyberspace, Solothurn: Nachtschatten Verlag
Rätsch, Christian (1998), Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, Aarau: AT Verlag
Schultes, Richard E.; Hofmann, Albert (1998), Pflanzen der Götter, Aarau: AT Verlag
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