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Cannabis bei Epilepsie

Franjo Grotenhermen ist Vorstand und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin
Publiziert am: 06.11.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Dr.Franjo Grotenhermen
Bild: Archiv



Die Wirksamkeit von Cannabis-Medikamenten bei der Epilepsie ist bisher kaum in klinischen Studien erforscht.
Ich betreue einige Patienten mit Epilepsie, die sehr gute Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben. Die Erfahrungen eines dieser Patienten möchte ich gern kurz vorstellen.
Er hatte in der Kindheit zum ersten Mal so genannte fokale Anfälle, die zu dieser Zeit nicht als epileptische Anfälle erkannt wurden. Sie verschwanden wieder und traten erst im Erwachsenenalter wieder auf. In der Jugendzeit hatte er begonnen, Cannabis zu konsumieren. Die Anfälle begannen erneut, als er bedingt durch einen Auslandsaufenthalt einige Tage lang keinen Cannabis verwendete. Die Anfälle machen sich zunächst durch ein innerliches Druckgefühl bemerkbar, er hört alles sehr drängend und bewegt unruhig die Hände, wird kaltschweißig und fahl im Gesicht. Ein Anfall dauert nur zwei Minuten. Es treten jedoch mehrere Anfälle täglich auf, so dass sie sehr belastend sind. Wenn er Hanf konsumiert, ist er anfallsfrei. Die Anfälle beginnen jeweils etwa 3-4 Tage nach dem Absetzen von Cannabis. Andere Medikamente gegen Epilepsie verursachen bei ihm starke Nebenwirkungen. Ein anderer Patient leidet an generalisierten epileptischen Anfällen, in denen er Arme und Beine unkontrolliert bewegt, auf den Boden fällt und sich dabei auch schon Verletzungen zugezogen hat. Es ist unklar, ob bei ihm die Anfallshäufigkeit durch Cannabis reduziert wird, allerdings erholt er sich deutlich schneller von den Anfällen.
Ohne Cannabis leidet er noch Stunden nach einem Anfall unter Muskelschmerzen, starker innerer Anspannung und Verwirrtheit sowie einer unangenehm veränderten Körperwahrnehmung. Mit Cannabis tritt diese Symptomatik deutlich abgeschwächt auf.

Nach dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand wirkt THC antiepileptisch, indem es die Synchronisierung der elektrischen Aktivität von Nervenzellen durchbricht. Diese Synchronisierung kann man sich wie bei einem Orchester vorstellen, in dem die Musiker in einem Takt spielen. Beim epileptischen Anfall tritt eine unnormal starke Synchronisierung der Nervenaktivität auf. In einem Tierversuch konnten Forscher 2006 nachweisen, dass die Gabe von THC die Nervenzellen aus dem gemeinsamen Takt brachte. Die Neuronen feuerten zwar noch die gleiche Zahl von Nervenimpulsen ab, aber nicht mehr synchron. Diese THC-Wirkung kann neben der antiepileptischen Wirkung auch das sprunghafte Denken und die akut reduzierte Gedächtnisleistung nach Cannabiskonsum erklären.
Die körpereigenen Cannabinoide, die Endocannabinoide, scheinen eine natürliche Rolle bei der Unterdrückung von Krampfanfällen zu spielen. So ist das Endocannabinoid Anandamid eine wirksame antiepileptische Substanz in Tiermodellen der Epilepsie, selbst in Fällen, in denen andere kampfhemmende Medikamente unwirksam sind. Forscher der Universität Mainz konnten 2010 nachweisen, dass eine hohe Konzentration von Cannabinoid-1-Rezeptoren in bestimmten Hirnregionen die Anfallsaktivität bei Mäusen reduziert. Bemerkenswerterweise ist die Aktivität des Endocannabinoids-Systems bei Epileptikern abgeschwächt, und damit auch seine schützende Funktion. Die Konzentrationen von Anandamid waren im Nervenwasser von Patienten mit unbehandelter, neu diagnostizierter Epilepsie reduziert, und die Aktivität des Cannabinoid-1-Rezeptors war im Vergleich zu gesunden Personen auf ein Drittel vermindert.
Bereits in den 1940er Jahren, also noch vor der genauen Identifizierung des THC im Jahre 1964, wurde eine kleine klinische Studie mit einem synthetischen Cannabinoid namens DMHP durchgeführt.
Fünf Kinder mit generalisierten epileptischen Anfällen (Grand-mal-Epilepsie), die durch die üblichen Medikamente nicht ausreichend behandelt werden konnten, erhielten 3-7 Wochen lang dieses Cannabinoid. Drei der Kinder sprachen so gut wie auf die vorausgehende Therapie mit den Standard-Medikamenten an, das vierte Kind wurde nahezu vollkommen und das fünfte vollständig anfallsfrei. Daraus kann man ersehen, dass einige Menschen offenbar sehr gut von Cannabinoiden profitieren können. Leider folgten keine weiteren klinischen Studien.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden jedoch einige Fälle von Epileptikern, die ihre Erkrankung durch die Einnahme von Cannabis verbessern konnten, veröffentlicht. Zwei dieser Fälle wurden in einem Buch von Lester Grinspoon beschrieben. Grinspoon stellte die Geschichte eines 53 Jahre alten Mannes vor, der seine generalisierte Epilepsie mit den zur Verfügung stehenden Medikamenten nur unter Inkaufnahme schwerer Nebenwirkungen kontrollieren konnte. Im Jahr 1976 wurde ihm Cannabis empfohlen, und er konnte die Dosis der Medikamente bald um die Hälfte reduzieren, was zu einer deutlichen Reduzierung der Nebenwirkungen führte.
Auch die Häufigkeit der Anfälle nahm ab. Kürzlich stellten Ärzte der Universität von New York die Geschichte eines 45 Jahre alten Mannes mit Epilepsie vor, der ebenfalls deutlich von einer Selbsttherapie mit Cannabis profitierte, und schrieben in einem Artikel, dass „dieser Fall andere anekdotische Daten unterstützt, nach denen die Verwendung von Marihuana eine nützliche Zusatzbehandlung bei einigen Patienten sein kann“.

Dr. med. Franjo Grotenhermen
Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM).
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