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Das Ei der Psychonauten

Alles über den Fliegenpilz Amanita muscaria
Publiziert am: 01.12.12 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Markus Berger
Foto: mark marker

Sie sind alte Schamanen-Entheogene und Zaubergewächse unserer Heimat, diese roten Gesellen am Wegesrand des Namens Fliegenpilz, im Fachjargon Amanita muscaria. Immer wieder werden experimentierfreudige Psychonauten, aber auch Schamanen von diesem Männlein im Walde schier magisch angezogen. Schauen wir uns diesen Pilz einmal etwas genauer an.

Amanita muscaria gehört im Reich der Pilze (Fungi) zur Abteilung Basidiomycota (höhere Pilze), Klasse Basidiomycetes (Ständerpilze), Unterklasse Hymenomycetidae (Hutpilze), Ordnung Agaricales (Blätterpilze), Familie Amanitaceae (Wulstlingsartige), Sektion Amanita (Knollenblätterpilze). Veraltete Synonyme für den Fliegenpilz sind Agaricus muscarius, Amanita formosa, Amanita mexicana und Amanita muscaria var. mexicana. Nicht nur in der Wissenschaft, auch im Volksmund erhielt der Fliegenpilz allerhand Namen. Narrenschwamm, Krötenstuhl, Fliegenteufel, Rabenbrot, Fly agaric (engl.) und Toadstool (engl.; auch allgemein: Giftpilz) sind nur wenige, der meist sagenhaften Bezeichnungen für diesen berühmtesten aller Pilze. Eine besonders seltene Variante des Fliegenpilzes, der Königs-Fliegenpilz (Amanita regalis), wird als naher Verwandter, nicht aber als Varietät des Amanita muscaria betrachtet.

Vorkommen
Global: weltweit.
Lokal: unter oder in der Nähe von und nur in Symbiose mit Birken oder Kiefern (Mykorrhiza-Partnerschaft). Je nach Witterung und natürlichen Bedingungen von Ende August bis etwa Mitte Januar.

Aussehen
Amanita muscaria ist ein in der Jugend kugeliger, später halbkugeliger, im Alter flacher Knollenblätterpilz mit gewöhnlich 6 bis 20 Zentimeter breitem und rotem, bei Feuchtigkeit orangefarbenem Hut mit glatter Oberfläche. Die den gesamten Pilz umgebende weiße Eihülle (Velum universale) platzt im Lauf des Wachstumsprozesses des Fruchtkörpers auf und hinterlässt die für den Fliegenpilz und seine Verwandtschaft typischen, leicht abwischbaren Tupfen. Der weiße, schlaff herabhängende Stielring (Manschette) ist Überrest des Velum partiale, einer unter der Gesamthülle verborgenen Teilhülle. Der Stiel ist ebenfalls weiß, bis zu 25 Zentimeter hoch und bis zu 2,5 Zentimeter im Durchmesser. Amanita muscaria hat unter der Huthaut rötlich-oranges bis gelbes Pilzfleisch. Die Kultur, also durch Menschenhand kontrollierte Aufzucht und Haltung, ist bislang noch nicht gelungen.

Geschichtliches
Um Amanita muscaria ranken sich vor allem phantastische Mythen und wissenschaftliche Spekulation. Der Fliegenpilz wurde vermutlich schon in der Steinzeit gebraucht. Dem Pilz wird vielerlei kulturell-religiöse Bedeutung unterstellt. Ob er wirklich das Soma der Veden, das Haoma der Parsen oder der Kykeon der eleusinischen Mysterien ist, bleibt fraglich. Weithin bekannt ist, dass der Fliegenpilz eng mit der schamanischen Tradition, vornehmlich der sibirischen, verknüpft ist. Nicht sehr geläufig hingegen ist, dass der Fliegenpilzkult über alle Teile Europas und in vielen asiatischen Ländern sowie in Teilen Amerikas weit verbreitet war und, wie in Sibirien, in Nordamerika sogar noch heute praktiziert wird. 1256 wurde der Fliegenpilz zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Als fungus muscarius beschreibt der Mönch Albertus Magnus den Pilz, der 1440 im Kräuterbuch von Dr. Johannes Hartlieb als „Mucken Swamm“ (lat. muscinery) weitere Beachtung findet, seitdem aber aus der Naturheilkunde verschwunden zu sein scheint. Einzig der Zweig der Homöopathie macht sich bis heute die Wirkstoffe des Krötenstuhls zunutze. Als Nahrungsmittel hat der Fliegenpilz in einigen Ländern Freunde gefunden. Er wird in den Alpen, in Japan und in Russland gern auf den Tisch gebracht. Auch in Deutschland, vornehmlich in nördlichen Teilen des Landes war es nicht unüblich, den heute gefürchteten „Giftpilz“ zu verzehren. Heute hat sich diese Mode allerdings weitgehend verflüchtigt.

Der Botaniker Gordon Wasson und seine Frau Valentina haben sich lang und ausführlich mit dem Fliegenpilz und seiner Identifizierung als heiliges Soma beschäftigt. In ihrem Buch „Soma – The divine mushroom of immortality“ belegen sie ihre Vermutungen anhand vieler Vergleiche und „Beweise“ und beeindruckten die Wissenschaft damit so sehr, dass der Mythos vom Soma gelöst schien. Terence McKenna allerdings widerspricht den Wassons in „Speisen der Götter“, indem er einen simplen Vergleich anstellt: Das hochgepriesene Soma der Veden sei in verzückter, ekstatischer Weise besungen und beschrieben worden. Der Fliegenpilz hingegen wirke, wie die meisten typisch schamanischen Gewächse eher unangenehm - fast toxisch.
McKenna bemerkt, dass der Fliegenpilz in den wenigsten Fällen tatsächlich euphorische und ekstatische Zustände bewirke und führt Wassons und seine eigenen enttäuschten Erfahrungen an. Von daher (und mittels anderer, hier nicht näher darzulegender Gründe) schließt er einen Bezug von Amanita muscaria zu Soma aus.

Inhaltsstoffe
Acetylcholin, Butyltrimethylammonium, Cholin, Ibotensäure, Muscarin, Muscaridin, Muscazon, Muscimol, Selen und Vanadium. Entgegen früherer Annahmen, enthält der Fliegenpilz nur verschwindend geringe Spuren von Muscarin (bis zu 0,0003 % im Frischfleisch) und überhaupt kein Bufotenin. Tatsächlich sind Ibotensäure und das wesentlich aktivere Muscimol - beide gehören zur chemischen Stoffklasse der Aminosäuren - für die psychedelischen Wirkungen des Fliegenpilz verantwortlich. Ibotensäure wirkt in Dosen von 50 bis 100 Milligramm psychoaktiv und wird durch Decarboxylierung in Muscimol umgewandelt.
Muscimol weist eine höhere Psychoaktivität auf. Wirksam sind Dosen zwischen 10 und 20 Milligramm. Ibotensäure und Muscimol sind wasserlöslich. Beide Aminosäuren unterliegen nicht dem Betäubungsmittelgesetz und sind im Chemikalienhandel frei erhältlich. Die Wirkstoffe verlassen annähernd unverändert mit dem Urin den Körper. In einigen Gegenden Russlands war es deshalb üblich, den frischen und nach dem Pilzgenuss ersten Urin eines Amanita-Berauschten zu trinken.

Die Verwendung
Essen: Es werden im Normalfall, je nach gewünschter Intensität, ein bis fünf getrocknete Hüte verspeist. Legt man den Fliegenpilz für ein bis zwei Tage in klares Wasser, so löst dies dessen Inhaltsstoffe und der Fruchtkörper - meist ausschließlich der Hut - kann als giftfreies Nahrungsmittel Verwendung finden. Vom Genuss des frischen Fruchtkörpers zu Rauschzwecken wird aufgrund der hohen Toxizität der Ibotensäure dringend abgeraten.
Trinken: Frische Fliegenpilze (1 bis 2 pro Person) oder Huthäute (1 bis 3 pro Person) werden in Wasser, Milch oder Alkohol (z. B. Wodka) für mehrere Stunden oder bis zu einigen Tagen eingelegt. Die Inhaltsstoffe lösen sich und reichern die Flüssigkeit an. Eine Dosis von 0,2 bis 0,3 Milliliter dieses Kaltauszuges reicht in der Regel für eine psychoaktive Wirkung aus. Andererseits kann man Amanita muscaria auch auskochen. Pro Person wird ein Pilz, entweder in kleinen Stücken oder fein zermahlen, in 30 bis 50 Milliliter klarem Wasser etwa 45 Minuten lang auf 90° C geköchelt. Der entstandene, abgekühlte Sud wird getrunken.
Rauchen: Es werden wahlweise die getrockneten Huthäute oder Hüte geraucht. Das Rauchen ist die mildeste, bestdosierbare Konsumform des Amanita muscaria. Manche Psychonauten mischen den Fliegenpilz beim Rauchen mit Tabak und/oder Cannabis, Datura oder anderen Gewächsen. Rätsch gibt drei unterschiedliche Rauchmischungen mit Fliegenpilzkomponente an: einmal Marijuana, Damiana (Turnera diffusa), Salvia divinorum und Yohimbebaumrinde (Pausinystalia yohimba), einmal Haschisch und geröstete Coca-Blätter (Erythroxylum coca) und einmal Haschisch und Stechapfel-Blätter (Datura). Zu jedem dieser Blends wird getrocknete Fliegenpilz-Huthaut gegeben. Alle Zutaten werden zu gleichen Teilen vermischt.

Medizinische Verwendung
Der Fliegenpilz wird hauptsächlich ethnomedizinisch und meist im rituellen Kontext gegen Überlastungssyndrome und geistigen Burn-Out, aber auch als Gegengift bei Schlangenbissen appliziert. Im 19. Jahrhundert wurde der Fliegenpilz Patienten mit Epilepsie verabreicht.
In der Schulmedizin hat Amanita muscaria ansonsten keine Bedeutung erlangt. Homöopathisch wird der Pilz bei Kopfweh, Blasen- und Darmbeschwerden, Störungen der Durchblutung, allgemeiner Nervosität, Erkältungs- und Verbrennungsleiden sowie Erkrankungen des zentralen Nervensystems angewendet. Der ganze, frische Fruchtkörper dient als Ausgangsmaterial für das Medikament „Agaricus“.
Homöopathische Gegengifte für Agaricus sind Kampfer (Camphora), Kaffee (Coffea) und Wermut (Absinthium).


Foto: mark marker

Handhabe, Wirkungen, Gefahren
Trocknung: Fliegenpilze trocknet man entweder an der Sonne oder, im Gegensatz zu psilocybinischen Pilzen, die unter Hitzeeinfluss rasch Alkaloide verlieren, auch im Ofen oder in der Pfanne. Die mäßig psychoaktive, mehr toxische Ibotensäure wird durch Erhitzung, z. B. im Ofen oder auf der Pfanne, in das psychologisch potentere, weniger giftige Muscimol umgewandelt. Lagerung der Pilze erzeugt den gleichen Effekt.
Wirkungen auf den Körper: Die anfängliche Phase des Fliegenpilz-Rausches ist oft von Übelkeit, seltener von Erbrechen und Durchfall begleitet. Sonstige Symptome sind krampfartige Zuckungen der Gliedmaßen, erhöhter Speichelfluss, Koordinationsstörungen, Muskelschmerz und Lähmungsgefühl.
Wirkungen auf den Geist: Bezüglich der psychologischen Wirkung werden in der Literatur, wie bei den meisten entheogenen Substanzen, verschiedene Intoxikationssymptome angegeben. Optische Halluzinationen, wie zu- und abnehmende Größenveränderung betrachteter Objekte oder Personen (auch der eigenen), sinnliche Wahrnehmungsverstärkung und -veränderung akustischer Reize, schnell wechselnde Schlaf-Wach-Phasen, Delirium, Visionen, Synästhesien. In geringeren Dosen dient Amanita muscaria als Aphrodisiakum. Der Fliegenpilzexperte Wolfgang Bauer berichtet von einer unglaublichen außerkörperlichen und -sinnlichen Erfahrung nach der Einnahme von sieben (!) Fliegenpilzhüten: „... Das waren so trockene Stücke und ich dachte, es sei ein Fliegenpilz, aber wie ich nachher vernahm, waren es mindestens sieben, und ich habe die einfach gegessen und dachte, es passiere eigentlich nichts, denn ich hörte, von einem Fliegenpilz passiere meistens nicht gerade viel, und dann war ich absolut weg. ... (...) in der ersten Phase, wo ich mich wiederfand, also in diesem Rauschzustand wiederfand, war es ein unglaubliches Staunen, denn ich habe mir natürlich vorgestellt, dass das ein Rauschzustand sei, aber in dem Sinn, dass man sich irgendwie ekstatisch oder verzückt fühlt oder halluziniert, irgendwie verwirrt ist, aber was mich erstaunt hat, war mein Erstaunen über die Vernünftigkeit des Zustandes. Ich hatte das Gefühl, dass ich das erste Mal im Leben vernünftig und verstandesmäßig denke, das war also ungefähr das Gegenteil von dem, was man sich unter Rauschmitteln vorstellt. ... Dann war da noch eine ganz merkwürdige Flugvorstellung, nicht in dem Sinne, dass man physisch durch den Raum fliegt, sondern durch die Zeit. Man kann gegen die Zeit fliegen, man landet irgendwo in etwas, das man später als Ursprung erklärt, dann geht man zurück und erlebt die Zeit umgekehrt. ... Man kommt irgendwie in seine Zeit zurück und dann sah ich das erste Mal eigentlich mich selber daliegen, und Leute die sich um mich kümmern ... Das andere war ein Bild, da sah ich die Welt als Spiel, d.h. so wie eine Art Schachbrett, und da sah ich natürlich, dass man praktisch nicht verlieren und nicht gewinnen kann, denn das Feld war nicht begrenzt. Es war sozusagen ein Schachbrett, das ich nicht nachzeichnen kann, denn es war zeitlich und räumlich unbegrenzt ...“

Der Praxisrelevanz halber möchte ich noch ein an meiner eigenen Person betriebenes Experiment zum Wirkungsverlauf des Fliegenpilz gerafft wiedergeben, welches allerdings (schon aufgrund der wesentlich geringeren Dosierung) an den geradezu extraterrstischen Trip Bauers lang nicht heranreichen kann. Weil jeder - unabhängig von der Dosierung - die Wirkung entheogener Substanzen anders, nämlich auf seine individuelle Weise erfahren kann, meine ich, dass beide Berichte im vergleichenden Kontext von Relevanz sind. Dem Anfänger sei vorsichtshalber mein Beispiel dem von Bauer vorzuziehen.
Ich aß zwei mittelgroße, bei 80° C im Ofen getrocknete Fliegenpilzhüte (etwa 12 bis 15 Zentimeter). Langsamer, schleichender, fast heimlicher Wirkungsbeginn nach etwa 30 Minuten. Anfängliche Übelkeit und körperliche Ausfallerscheinungen blieben mir komplett erspart. Der Trip war nach einer Stunde ausgeprägt und hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die psychologische Wirkung des Zauberpilzes möchte ich als weniger psychedelisch, eher als eine Art Frequenzwechsel innerhalb dieser Dimension beschreiben. Die erlebte ausgesprochene Realität war, als schwinge sie auf einem anderen Level – oder ich in ihr. Ich war mir der Wirkung eines Rauschmittels voll bewusst, außenweltlich spürte und erlebte ich keinerlei Veränderung. Die typischen, meist auch für Amanita muscaria angegebenen, halluzinogenen Wirkungen (Visionen, Synästhesien, Optiken ...) sowie auch die typischen, für den Fliegenpilz bekannten Wahrnehmungsveränderungen (Groß/Klein-Effekt) blieben unter der gesamten Erfahrung aus. Allerdings hatte ich während der ganzen Zeit das Gefühl, keinen Körper zu besitzen.
Außerdem plagte mich ein übermäßiger Heißhunger nach allem Essbaren. Der Rausch (wenn man es so bezeichnen mag) klang leise und nicht unangenehm nach etwa fünf Stunden mit tiefem Schlaf und bunten, visionären Träumen aus. Die oftmals in der Literatur angegebene Euphorie nach der Schlafphase lässt bis heute auf sich warten ... Geraucht konnte der Fliegenpilz bei mir niemals solcherlei oder vergleichbare Zustände bewirken.

Gefahren
Die größte Gefahr beim Umgang mit dem Fliegenpilz ist wohl die Verwechslung mit einem seiner nächsten Verwandten. Als erstes sei hier der Pantherpilz (auch Pantherhaube), Amanita phanterina, erwähnt. Obgleich er bei weitem nicht so gefährlich ist, wie z. B. der gattungsgleiche Racheengel, Amanita phalloides. Der seltenere Königs-Fliegenpilz (Amanita regalis) ist ebenfalls nahe mit dem Fliegenpilz verwandt, stellt aber, wegen seiner annähernd identischen Wirkstoffkombination, keine so große Gefahr wie der Pantherpilz oder gar der Racheengel dar. Wahrscheinlicher ist die Verwechslung des Amanita regalis mit dem genießbaren Perlpilz (Amanita rubescens).
Die letale Dosis wird in der medizinischen Populärliteratur mit einer Menge von 100 Gramm frischem Fliegenpilz angegeben. Bislang wurde kein einziger Fall bekannt, nach welchem ein Mensch infolge seines Rabenbrotkonsums gestorben wäre. Im Klartext: Es konnte bis heute kein durch Amanita muscaria hervorgerufener Todesfall dokumentiert werden.
Muscimol-Gegenmittel ist Atropin. Aber Vorsicht! Atropin, das zu den Tropanalkaloiden gehört, ist ausschließlich gegen Muscimol wirksam. In Verbindung mit Ibotensäure, entwickelt es eine extrem hohe Toxizität! Es sollte deshalb auf keinen Fall versucht werden, einem Amanita-Überdosierten atropinhaltige Pflanzen beizubringen! Die Antidot-Applikation wird vom Not- oder Krankenhausarzt vermittels Atropinsulfat durchgeführt. Als Erste-Hilfe-Maßnahme empfiehlt es sich dringend, den Vergifteten in eine stabile Seitenlage zu bringen. Falls zur Hand, kann Aktivkohle gegeben werden. Diese medizinische Kohle, erhältlich in der Apotheke, ist völlig ungefährlich und bindet die Giftstoffe an sich, so dass diese sich nicht weiter im Körper verteilen können. Der je nach Standort, Jahreszeit und vorherrschenden Vegetationsbedingungen schwankende Wirkstoffgehalt des Fliegenpilzes, stellt eine primäre Gefahr für eine Überdosierung dar. Manche Exemplare enthalten so gut wie keine psychoaktiven Bestandteile, andere hingegen um so mehr. Des weiteren ist der Wirkungsverlauf bei Einnahme des Entheogens zum großen Teil von der Empfänglichkeit des Konsumenten abhängig.

Rechtslage
Weder Amanita muscaria, noch seine Inhaltsstoffe unterliegen dem BtMG. Das mag daran liegen, dass der Fliegenpilz als einheimisches Gewächs nicht in den kapitalistischen Schwarzmarkt einbezogen ist und der Mythos vom Giftpilz sich sogar im Bewusstsein vieler Psychonauten eingefräst hat.

Artefakte
Der Fliegenpilz hat auch in der modernen Welt seinen Platz gefunden. Erstaunlicherweise in zweierlei, sich widersprechender Hinsicht: Zum einen prangt der Pilz als Glückssymbol auf Grußkarten, Aufklebern, Geschenkpapier, Bettwäsche, Geschirr und vielerlei anderen Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs. Zum andern steht er für den Giftpilz schlechthin – dient als Metapher für Verführung, Verderben und Tod. In der Reklame und vielen kinderorientierten Medien verkörpern Fliegenpilze aber seit langem positive Eigenschaften. In Zeichentrickserien (Die Schlümpfe, Alice im Wunderland), in Computer- und Videospielen (Super Mario Brothers®, Sonic the Hedgehog®) und in Märchen-, Kinder- und Liederbüchern wird Amanita muscaria als freundliches, glückverheißendes Männlein dargestellt, dass jederzeit in der Lage ist, ein in Not geratenes Wesen mit hilfreichen, rettenden Zauberkräften auszustatten (größer werden, fliegen können, stark werden usw.). Zu dem gewinnt der Fliegenpilz z. B. in der Technoszene als Symbol für Freude, Ekstase und Rausch, immer mehr an Bedeutung. Diese Modeerscheinung ist eindeutig dem Symbolismus der Hippie-Generation entliehen. Der Pilz nimmt hier wieder die Rolle des guten Naturgeistes ein und könnte, nicht nur im Hinblick auf Amanita muscaria selbst, als Zeichen einer grundlegenden Bewusstseinstransformation der Menschheit gedeutet werden. Nicht zuletzt, weil alle metaphorische Glückhaftigkeit unabdingbar auf seine Rauschwirkung rückführbar ist. Möge der Fliegenpilz uns die längst verloren gegangene Magie des Alltags zurückbringen und unsere Herzen um Glück bereichern.


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