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Cannabis – meine Ausstiegsdroge

Ich bin süchtig!
Publiziert am: 02.07.13 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Arno Nym
Hanf Journal Archiv

Schon lange und das wird auch so bleiben. Bitte versteht mich nicht falsch, als abhängig würde ich mich nämlich nicht betrachten. Das mag für manche jetzt noch nicht einleuchtend klingen, doch ich will die vom Hanf Journals gebotene Möglichkeit nutzen und euch davon berichten, wie es zu dieser Einstellung kam.
Ich bin 32 Jahre alt, habe einen fast zehnjährigen Sohn und bin von Beruf Krankenpfleger. Außerdem würde ich mich als Psychonaut bezeichnen, da ich (leider) seit früher Jugend ununterbrochen an Wegen interessiert bin, die mir andere Bewusstseinszustände ermöglichen. Durch dieses Interesse und fehlendem Respekt, probierte ich so ziemlich alles aus, was auch nur ansatzweise auf meine Synapsen zu klatschen war. Schnell merkte ich, dass Speed und Koks meinem eh „hibbeligen“ Naturell nicht wirklich gut taten und konsumierte vom 14. bis zum 19. Lebensjahr fast ausschließlich Cannabis, Psychedelika wie Psilocin, Psilocybin und LSD sowie Entaktogene wie MDMA. „Natürlich“ gehörten auch Tabak und Alkohol in’s Repertoire. Alkohol hatte allerdings nie eine wirklich große Bedeutung, bei der Wahl der Substanzen.
Als ich 19 war, begann ich meine Ausbildung zum Krankenpfleger in einem katholischen Krankenhaus. Im ersten Lehrjahr hatte ich einen jungen Lehrpfleger, mit dem ich mich gut verstand. Im Sommer 2000, während eines Spätdienstes, bekam ich von ihm ein kleines Fläschchen, ohne Etikett mit dem Satz in die Hand gedrückt „Was du deinen Patienten gibst, musst du mindestens einmal selbst probieren!“. In das Fläschchen hatte er ValoronN (1) abgefüllt. Ich hatte zuvor Bücher von Burroughs gelesen und wusste um seine Geschichte, kannte natürlich „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ und wusste durchaus, dass ich mich auf ein Opiat einlasse. Doch Neugier und die vermeintliche Sicherheit eines Pharmaprodukts überzeugten mich schnell es zu probieren. Und es war schön! Dieses „Hibbelige“ war verschwunden, ich fühlte mich wohl, geborgen und auch selbstsicher. Sicher – mir war auch kurz übel, doch das gerät schnell in den Hintergrund, bei der ganzen wohligen Wärme.

Von dem Tag an nahm ich Opiate. Lange Zeit nur am Wochenende, denn ich konnte ja damit umgehen. 2002 beendete ich meine Ausbildung und wurde Pfleger in einer gastroentereologischen Arztpraxis. Ich war der einzige Pfleger in der Praxis und der Einzige, der den Praxisbedarf an Opiaten verwaltete. Mein Arbeitgeber verlangte keine Dokumentation in Form eines „Giftbuches“ o.Ä. und ich hatte ab da an vollen Zugang zu Dididolor (2), Fentanyl (3), M-Stada (4), Propofol (5) und auch Dormicum (6) und z.T. Ketamin (7). Anfänglich dachte ich natürlich im siebten Himmel angekommen zu sein, da es überhaupt nicht auffiel, wenn „mal“ eine Ampulle fehlte. Doch es kam wie es kommen musste. Ich war binnen kürzester Zeit dermaßen Abhängig, dass ein Funktionieren ohne regelmäßigen intravenösen Konsum stärkster Opiate nichtmehr möglich war. Da die Versorgung kein Problem war, stellte auch die sich entwickelnde Toleranz vorerst kein Problem dar. Ich saß ja an der Quelle.
Der Junkie in mir war endgültig geweckt und wurde auch langsam sichtbar. Dem diagnostischen Auge meines Arbeitgebers entging das natürlich nicht. Irgendwann hörte eine Kollegin ein Klatschen von der Toilette. Ich klopfte mir gerade die Vene aus der Armbeuge. Mein Problem flog auf und selbstverständlich wurde ich sofort gekündigt. Aber nicht angezeigt, da mein Arbeitgeber sicher zu viel Angst vor den Konsequenzen seiner vernachlässigten Pflichten hatte. Glück im Unglück, wenn man so will. Denn dadurch verlor ich meine Berufserlaubnis nicht. Dennoch war ich schwer abhängig und musste neue Quellen erschließen. Mir blieben nur die U-Bahnhöfe in Berlin und ihr dreckiges Heroin.
Abwärts war dann lange Zeit die einzige mir bekannte Richtung. 2002 lernte ich die zukünftige Mutter meines Sohnes kennen und konsumierte nur noch, um dem Entzug aus dem Weg zu gehen. Das gelang auch ganz gut – zumindest meistens. Sie Wurde schwanger und im August 2003 wurde unser Sohn geboren. Schnell merkte ich, dass Junkie und Vater sein, schlecht zur selben Zeit funktioniert. Zu diesem Zeitpunkt war dann auch das Kokain hinzugekommen, welches ich immer im Verhältnis 1 zu 1 mit Heroin spritzte, um die Schläfrigkeit im Griff zu haben und auch, weil es eben ein ziemlich heftiger, aber auch kurzer Kick ist, wenn das Kokain einflutet.
Auf jeden Fall beschloss ich dem Desaster ein Ende zu bereiten und begann meine Entzugs-Odyssee. Kalte, warme, ambulante, stationäre Entzüge – in schier unzähligen Facetten habe ich die deutsche Suchtmedizin erfahren und habe auch vieles selbst ausprobiert. Nichts half wirklich, mich längerfristig, also länger als 10-14 Tage clean zu halten. Mit der Mutter meines Sohnes war ich zu diesem Zeitpunkt auch verheiratet, doch als junge Frau hatte sie verständlicher Weise Besseres zu tun, als sich mit einer frustrierenden, scheinbar nie endenden Suchtproblematik konfrontiert zu sehen und trennte sich.

Bis heute weiß ich nicht wodurch sie genügend Vertrauen hatte, um unseren Sohn zu mind. 50% auch in meiner Obhut zu lassen. Als Teilzeitalleinerziehender waren meine Entzugseskapaden nicht mehr vertretbar, weshalb ich mich entschloss in’s Substitutionsprogramm zu gehen. Ein Befreiungsschlag! Methadon (8) und am Ende Subutex (9) gaben mir die Sicherheit die ich brauchte, um den Kopf frei zu haben für wichtige Dinge. Beikonsumfrei, aber substituiert, begann ich wieder als Krankenpfleger zu arbeiten. Das Substitut wurde Teil meines Lebens und ich konnte mir lange nicht vorstellen, ohne dieses klar zu kommen. In dieser Zeit kiffte ich sporadisch, eben wenn mal `ne Tüte rum ging. Ich fand mich irgendwie damit ab, bis an’s Ende meiner Tage substituiert zu sein.
Ende 2011 änderte sich das. Ich wollte mich nicht mehr damit abfinden und an der Situation etwas ändern. Gestrichen voll hatte ich meine Schnauze und wollte das Kapitel endlich abschließen. Doch von allen Seiten hörte und erlebte ich, wie schwer es ist, den Absprung gänzlich zu schaffen. Ich grübelte lange, habe mir Strategien zurecht gebastelt, wie ich es schaffen könnte. Doch jede dieser Strategien hatte einen entscheidenden Hacken. Am Ende würde ich bei jeder wieder vor dem Loch, dass das fehlende Substitut in meine Ruhe reißt, stehen und ich hätte wieder mit dieser „Hibbeligkeit“ zu kämpfen gehabt. An einem Tag im Januar bekam ich ein Stück Haschisch, drehte mir eine Tüte, rauchte sie allein und merkte schnell, welche Möglichkeiten sich mit schön sedierenden Sorten ergeben.
Ich sprach mit meinem Arzt, er befürwortete den sublimierenden Konsum von Cannabis und ich begann im Februar mit dem Runterdosieren. Der erste, empfohlene Schritt war, mich vom Methadon, über dem Umweg des Epthadons (10), auf’s Subutex umzustellen. Ich begann vorsichtig, wöchentlich 1 ml vom Methadon (anfangs 16 ml) wegzulassen. Schnell wurde klar, dass ich das Tempo anziehen kann. Ich hatte auch bei 1 ml alle 3 Tage kein Problem. Legte aber immer wieder Pausen ein. Mit Hilfe des Cannabis schaffte ich es von 16 ml Methadon im Februar auf 3,5 ml Epthadon im Juni runter zu dosieren. Das passierte allerdings gegen den Rat meines Arztes. Er konnte nicht glauben, dass dieses Tempo ohne Rückfall bzw. Beikonsum möglich sei. Ich hingegen spürte deutlich, dass ich es nicht mit dem sonst üblichen craving (11) zu tun hatte und auch depressive Verstimmungen, Schlafstörungen oder der Gleichen blieben gänzlich aus. Im Gegenteil! Ich wurde in vielerlei Hinsicht aktiver. Im Privat-/Berufsleben stand mir neue Energie zur Verfügung, genauso wie im Bett. Ich hatte auf einmal wieder Lust – zu Allem!

Im Juni war es dann soweit, dass ich auf 8 mg Subutex umgestellt wurde. Alle zwei Wochen 1 mg weniger ermöglichten, dass ich Ende September mein letztes regelmäßiges Opiat nahm. Regelmäßig deshalb, weil es noch vorkommt, dass ich in brenzligen Situationen 0,5 mg Subutex lutsche. Doch das ist selten und ich bin mir sicher, in diesem Sommer auch diesen letzten Schritt zu schaffen.
Wenn ihr jetzt bis hier her gelesen habt versteht ihr sicher, warum ich mich zwar als süchtig bezeichne, aber nicht abhängig. Denn ich muss mich dennoch, fast täglich in irgendeiner Form gegen die Opiatabhängigkeit entscheiden. Ich will nicht abhängig sein. Und ich bin froh einen Weg gefunden zu haben, meine „Hibbeligkeit“ mit Hilfe vom Hanf im Griff zu haben, ohne damit irgendjemand, nicht einmal mir, zu schaden. Ich kann mir vorstellen, dass der Ein oder Andere jetzt dahingehend argumentiert, dass ich ja nun abhängig von Cannabinoiden bin. Dem kann ich nur erwidern, dass ich z.B. in Freundschaften gern Abhängigkeiten in Kauf nehme, wenn genau diese mir so gut tun.
Ich hoffe mit diesem Erfahrungsbericht deutlich gemacht zu haben, dass Cannabis durchaus in der Lage ist, eine Ausstiegsdroge zu sein. Was im krassen Gegensatz zur gebetsmühlenartig wiederholten Einstiegsdrogenlüge steht. Wer in seiner Argumentation Tabak, Alkohol und meinetwegen auch Zucker außen vor lässt, muss sich zumindest eine selektive Wahrnehmung vorwerfen lassen. Dass Cannabis und die darin enthaltenen Cannabinoide eine wunderbar ungiftige und entspannte Möglichkeit sein können, dem Süchtigen aus seiner Abhängigkeit zu helfen, habe ich selbst erfahren dürfen. Wer Substitution sagt, muss auch Cannabis damit meinen!

Anhang Erklärungen:
(1) Kombination aus einem stark wirksamen Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide und einem Opioid-Antagonisten (Naloxon)
(2) Handelsname von Piritramid, einem synthetischen Opioid
(3) synthetisches Opioid, ca. 120mal so potent wie Morphium
(4) ein Handelsname von Morphium
(5) Narkotikum
(6) Handelsname von Midazolam, einem Benzodiazipin, dem Valium ähnlich
(7) dissoziatives Narkotikum, mit PCP („Angel Dust“) verwandt
(8) vollsynthetisches Opioid, meist in der Substitutionsmedizin angewandt
(9) Handelsname von Buprenorphin, starkes Schmerzmittel
(10) ein Handelsname von Methadon (mit nur 50% der Wirkstoffmenge)
(11) das unstillbare Verlangen nach dem Suchtstoff des Suchtkranken
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