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Und alles für die Kinder

Wie jetzt auch Amsterdam sich selbst die Lichter ausschießt
Publiziert am: 11.12.13 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Markus Berger
Foto: Archiv


Holland - das Wunderland für Cannaseure. Alles ist möglich, alles ist drin – und kommt uns durchaus in die Tüte. Die Frage ist nur, wie lange noch. Denn in Amsterdam werden im Verlauf der kommenden 48 Monate 31 Coffeeshops schließen. Alteingesessene und beliebte Läden. Man könnte sagen, ein Stück von Amsterdams kultureller Aorta – welche allerdings nach und nach mit politischen Stenosen versehen zu verstopfen in Begriff ist. Bis zum cannabinoiden Harzinfarkt. Und alles für die Kinder.

Um die geht es schließlich bzw. um die Schulen, die sich in unmittelbarer Nähe – nämlich näher als 350 Meter – zu den Cannabis-Shops befinden. Dabei war das in der Vergangenheit auch kein Problem. Nie. Kein Kind hat je Marijuana oder Dope in einem der Shops erhalten. Genauso wenig, wie die Schüler während der großen Pause in die Kneipen gehen und sich voll laufen lassen. Auch die Zahl der Abc-Schützen, die sich vor den Coffeeshops scharen und Einlass begehren, um sich mit nem Kanten gepflegt die Kante zu geben, hält sich in Grenzen. Das Ganze ist schlicht ein vorgeschobener Grund, nun doch noch etwas gegen das Hanfbusiness unternehmen zu können. Wie es auch geartet sei. Und Kinder ziehen eben immer.

Das politische Abstandskriterium stuft Shops, die sich in der Nähe von Schulen befinden, als jugendgefährdend ein. Ganz plötzlich. Man könnte sagen: über Nacht. Die Folge: Schon ab dem kommenden Januar dürfen diese schulnah gelegenen Coffeeshops nicht mehr tagsüber öffnen, sondern nur noch zwischen 18 und 1 Uhr. Im Lauf der nächsten Zeit werden dann sogar Kult-Läden wie The Bulldog, Abraxas, The Grashopper und andere endgültig ihre Pforten dicht machen, das Gras aus der Theke räumen. Damit geht allerdings zusätzlich ein gutes Stück Hanfkultur verloren, denn es werden auch Shops zerstört, die deutlich mehr darstellen als bloße Cannabis-Verkaufsstellen, die Treffpunkte der Bewegung und damit Teil der Cannabiskultur sind.

Aber wieso muss Amsterdam, eine Stadt, die seit Jahr und Tag für die weltweit liberalste Cannabispolitik stand, nun auch einen solch gewaltigen Schritt zurück veranstalten? Ist es nicht so, dass Amsterdam gerade wegen der hohen Dichte an Coffeeshops so beliebt ist? Will sich da jemand sprichwörtlich ins eigene Fleisch schneiden? Keinwietpas-Macher und Experte für die niederländische Coffeshoppolitik, Stefan Müller aus Hamm, sagt dazu: „Das Abstandskriterium ist Teil des Coffeeshopgesetzes. Dabei bleibt es den Gemeinden und Städten überlassen, ob und wie sie das Kriterium umsetzen und handhaben. Am Ende entscheidet also der Bürgermeister, wie es mit den Shops weitergeht.“

Und Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan hat entschieden: Am 1. Juli 2014 werden demnach zehn Läden geschlossen. Am 1. Januar 2015 vier weitere. Komplettiert wird die Exekution aller Kandidaten auf der schwarzen Liste dann am 1. Januar 2016, an dem nochmals 17 Coffeeshops für immer ade sagen müssen. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten. Zurück zur Frage: Was soll das alles bringen? Gibt es auch Vorteile für die Cannabis-Szene? Die Antwort lautet: vielleicht. Denn mit dieser Maßnahme, so steht zu vermuten, bleibt Amsterdam womöglich vom sogenannten I-Kriterium verschont, das als „Ersatz“ für den Wietpas fungiert und regeln soll, dass allein die „Ingezetenen“ (daher das I des I-Kriteriums), also die „Eingesessenen“, sprich: die in den Niederlanden gemeldeten Einwohner, in Coffeeshops ihren Cannabisbedarf decken dürfen. Sofern sie das 18. Lebensjahr vollendet haben. Mit Kindern, Jugendlichen und Schulen an sich hat das I-Kriterium also nur wenig bis gar nichts am Hut.

Aber dafür gibt es ja das A-Kriterium, das eben die Schulen und somit die Kinder in die Schusslinie bugsiert und damit als Teil des Jugendschutzgesetzes unanfechtbar sein muss. Stefan Müller: „Ich halte das komplette A-Kriterium für absoluten Unsinn, weil der Jugendschutz in Bezug auf die Coffeeshops immer schon strenge Auflagen bedingte und die auch stets strikt eingehalten wurden. Jetzt mit dem Abstandskriterium zu kommen und die Schüler vorzuschieben, ist reine Augenwischerei.“ Immerhin würden die Sprösslinge ja nicht nur mit Geschäften konfrontiert, die auf ihrem täglichen Schulweg liegen, sondern mit der Realität ihrer Heimatstadt an sich. „Und da gehören Coffeeshops einfach zum Stadtbild – das ist ja beileibe nichts Neues“, sagt Stefan Müller.

Es ist also ein Politikum. Natürlich. Und Justizminister Ivo Opstelten bekommt zumindest partiell, was er sich so dringend wünscht. Und was kann es für ein schöneres Geschenk geben, als die lang ersehnte Möglichkeit, endlich die aufgestaute Wut und Aggression gegen (vermeintliche?) Minderheiten abbauen zu können. Repression schimpft sich dies Spielzeug der selbsternannten Polit-Elite. Repression - die selbstverständlich ausschließlich am Schwächeren abreagiert werden muss - an Individuen, die sich kaum zur Wehr setzen können, die voll und ganz der politischen Lage ausgeliefert sind und deren auf Hanfblüten gebaute Existenz vielen Machthabenden nicht nur scheißegal, sondern vielmehr längst ein ernstzunehmender Dorn im Auge ist. Das ganze Wechselspiel aus Machtgeilheit, Repressionslust und Geldgier nennt man am Ende Politik – lächerlich.

Letztlich spiegelt sich in diesen Territorialkämpfen nur die weltweite Ignoranz, die Millionen von unbescholtenen Menschen die Existenz zerstört und die verschrobenen Gedankenwelten weniger konservativer Ewig-Gestriger durchzusetzen sucht. Keinwietpas-Macher Stefan Müller: „Willkür ist genau das Wort der Wahl. Zurzeit sind Shops betroffen, die näher als 350 Meter an einer Schule liegen. Diese Zahl kann aber nach Belieben nach unten korrigiert werden, zum Beispiel auf etwa 200 Meter.“ Und da Amsterdam so wahnsinnig viele Schulen habe, so Müller weiter, könnte man mit dem A-Kriterium ohne Probleme so gut wie allen Cannabis-Läden den Garaus machen. „Nur eine Frage der Zeit“, meint Stefan Müller.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Betreiber der Coffeeshops und verwandter Etablissements sich zur Wehr zu setzen bereit sind. Immerhin sind sie es, die Amsterdam zur europäischen Touristenattraktion par excellence haben werden lassen. Der sogenannte Drogentourismus bescherte der niederländischen Hauptstadt nämlich nicht nur haufenweise Steuergeld und regelmäßige Besucher der kauf- und kiffkräftigen Nachbarn. Selbst Cannanauten US-amerikanischer Herkunft nutzten bisweilen ihre Urlaube, um Amsterdam einen unvergesslichen und ebenso leidenschaftlichen Besuch abzustatten – nur mittlerweile haben die mit Colorado, Kalifornien und Co ihre eigenen Eldorados für Weedologen und deren Angehörige geschaffen. Ob sich die Stadt Amsterdam also mit ihren spätpubertären Marotten rechtskonservativer Natur nicht selbst das komplette Wasser abzugraben in Begriff ist, bleibt abzuwarten. Denn selbst für Pseudo-Hoheiten und „Volksführer“ gilt: Wer nicht hören will, muss fühlen.
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