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Warum eine so genannte Cannabisabhängigkeit...

...oft mehr über den Arzt als über den Patienten aussagt
Publiziert am: 10.02.14 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Dr. med Franjo Grotenhermen
Abhängigkeitspotential (Englisch: dependence) und Schadpotential (Englisch: harm) verschiedener Drogen. Nach einer britischen Studie 2007 veröffentlicht in The Lancet


Dr. med. Franjo Grotenhermen
Mitarbeiter des nova Institutes in Hürth bei Köln und Geschäftsführender Vorstand der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM)



Bei vielen Ärzten ist die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Verwendung von Cannabis bei einem Teil der Konsumenten therapeutisch angezeigt bzw. aus medizinischer Sicht sinnvoll ist, noch nicht angekommen. Dies gilt insbesondere für psychische Erkrankungen. Die Konsequenzen sind für die betroffenen Patienten oft schwerwiegend. Berichtet ein Patient in einer psychiatrischen Klinik, dass er Cannabis konsumiert, um seine Hyperaktivität, seine Ängste, seine Zwänge oder seine Depressionen zu lindern, so darf er meistens nicht mit Verständnis, sondern muss mit einer Zusatzdiagnose im Arztbericht über seinen Aufenthalt in der Klinik rechnen. Diese Diagnose lautet "Cannabisabhängigkeit", "schädlicher Gebrauch von Cannabis" oder "Cannabismissbrauch". Wenn der Betroffene Pech hat, taucht diese Diagnose dann auch in allen zukünftigen Arztberichten auf, und er wird dieses Etikett nicht wieder los. Dabei liegt in vielen Fällen überhaupt keine Cannabisabhängigkeit und kein Missbrauch vor.
Zum Problem kann eine solche Diagnose beispielsweise werden, wenn ein Patient, der an einer ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder an Depressionen leidet, nur durch die Verwendung von Cannabis eine Linderung seiner Beschwerden findet und daher einen Antrag auf eine Ausnahmeerlaubnis bei der Bundesopiumstelle stellt. Häufig werden in Arztberichten aus psychiatrischen Kliniken Ursache und Wirkung verdreht. Die Betroffenen sollen angeblich aufgrund ihres Cannabiskonsums an Depressionen oder an Symptomen einer ADHS leiden, selbst dann, wenn die Symptome ganz offensichtlich schon viele Jahre vor erstmaliger Verwendung von Cannabis bestanden. Beispielsweise beginnt eine ADHS immer im Kindesalter und die Entdeckung, dass Cannabis die Hyperaktivität lindert und die Konzentration verbessert, machen die meisten Patienten erst im Jugendalter – meistens zufällig – oder im Erwachsenenalter.
Um die Problematik zu erläutern, sei an dieser Stelle kurz dargestellt, wie die Diagnose einer Cannabisabhängigkeit gestellt wird.

Nach den Richtlinien des in Deutschland aktuellen Klassifizierungssystems für Erkrankungen besteht eine Abhängigkeit, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien während des letzten Jahres erfüllt wurden:

1. starker Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren

2. mangelnde Kontrolle, was Beginn, Beendigung und Menge des Gebrauchs angeht

3. körperliches Entzugssyndrom: entweder substanzspezifische Entzugssymptome bei Verringerung oder Beendigung des Konsums oder Einnahme der Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu verhindern

4. Toleranz: Dosissteigerungen sind nötig, um die ursprüngliche Wirkung zu erleben.

5. Vernachlässigung anderer Interessen und mehr Zeitaufwand für die Beschaffung und den Konsum der Substanz und die Erholung von den Folgen.

6. Der Substanzgebrauch hält an, obwohl schädliche Folgen eintreten, deren sich der Konsument bewusst ist, zum Beispiel Leberschaden durch Alkohol.

Zwei dieser sechs Kriterien, nämlich ein körperliches Entzugssyndrom und eine Toleranzentwicklung (Kriterien drei und vier) liegen bei der Verwendung von Medikamenten bei bestimmten Erkrankungen häufig vor, beispielsweise bei der Schmerztherapie mit Opiaten oder bei der antispastischen Behandlung mit Benzodiazepinen. Auch bei der Behandlung mit Cannabisprodukten ist häufig eine Toleranz eingetreten, so dass die Betroffenen zwei, drei oder fünf Gramm Cannabisblüten für eine ausreichende Linderung ihrer Symptome benötigen. Häufig besteht auch ein Entzugssyndrom, das aber niemals so stark ist, wie Entzugssymptome beim Absetzen von Opiaten, Benzodiazepinen und einigen anderen Medikamenten.
Bei einer anerkannten Therapie mit Medikamenten wird das erste Kriterium, nämlich der starke Wunsch oder Zwang, die Substanz zu konsumieren, nicht als Abhängigkeitskriterium betrachtet, sondern nur dann, wenn dieser Wunsch oder Zwang als medizinisch unberechtigt betrachtet wird. Das bedeutet konkret, dass ein Psychiater, der der Auffassung ist, die Verwendung von Cannabis bei seinem Patienten sei nicht therapeutisch indiziert oder sogar schädlich, seinen Patienten als cannabisabhängig betrachtet. Nur, wenn er akzeptiert, dass eine medizinische Verwendung von Cannabisprodukten vorliegt, dass der Betroffene also von einem Cannabisgebrauch therapeutisch profitiert, nur dann ist der gleiche Patient nicht mehr cannabisabhängig, sondern er behandelt sich selbst mit Cannabis. Es kommt also auf die Auffassung des Arztes bzw. des Psychiaters an und nicht auf den tatsächlichen Nutzen, den der Patient erlebt. Viele Suchtexperten sind sich darüber einig, dass mit der Diagnose "Cannabisabhängigkeit" schlampig umgegangen wird. Hier drückt sich weniger die Realität des Patienten als vielmehr das Urteil bzw. Vorurteil des Arztes aus. Und leider hat dieses Vorurteil häufig ein starkes Gewicht, und dieses Unverständnis hat nicht selten zerstörerische Qualitäten hinsichtlich Lebensqualität, Führerschein, strafrechtlicher Situation, beruflicher Perspektive und Behandlungsoptionen.
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