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Homegrowers Paradise
Kanadas unendliche Weiten
Publiziert am: 25.08.04 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 04august artikel Kanada: Homegrowers Paradise
Kanadas unendliche Weiten

Kanada: Ein Land, so liberal, wie kaum ein zweites. So schallte es mir aus allen Ecken entgegen, als ich begann meinen Trip zu planen. Doch: Kanadas beste Zeiten sind vorbei. Zwar erst seit einigen Monaten, aber vorbei ist vorbei. Damals nämlich war Cannabis-Besitz, gleich welcher Menge, in sämtlichen Bundesstaaten nicht mehr illegal.

 

Das hört sich doch mal traumhaft an! Aber wie gesagt, diese Zeiten sind vorbei. Die kanadische Regierung entwarf nämlich eiligst ein Betäubungsmittelgesetz, das die medizinische Verwendung von Cannabis erlaubt und somit nicht mehr verfassungswidrig ist.

 

Ja, Kacke. Und trotzdem ließ ich es mir nicht nehmen diesem Land einen Besuch abzustatten. Denn immerhin soll es doch nach wie vor eins der liberalsten Länder der Welt sein. Und auch Michael Moores Lobeshymnen über die Angstfreiheit der kanadischen Gesellschaft (beim Einkaufengehen werden z. B. regelmäßig die Schlüssel im Wagen stecken gelassen) ließen es für mich mehr als attraktiv aussehen.

 

Doch schon bei der Einreise wurde mir relativ ruppig klargemacht, dass dieser Besuch nicht dem Paradies auf Erden, sondern auch nur einem gewöhnlichen Nationalstaat gilt. Denn wie jeder Nationalstaat hat Kanada vor einer Sache richtig Angst: Schmuggel.

 

So kam es dann, dass ich und alle meine Mitreisenden erst mal unser gesamtes Gepäck zerpflücken lassen mussten. Eine Gründlichkeit wie diese habe ich noch nie erlebt. Jedes mögliche Versteck wurde auseinandergenommen. Und als die Zollbeamten bei mir das Buch „Ecstasy“ von Irvine Welsh fanden, war es mit der Zurückhaltung völlig vorbei. Zu dritt wurde meine Tasche durchwühlt. Und als es dann nach missglückter Suche ans Wiedereinräumen ging, waren alle plötzlich viel zu beschäftigt um zu assistieren. Na danke, das ist mal ein geiler Empfang.

 

Ich lernte jedoch schnell, dass diese Gestapo-Attitüde in Kanada nicht sehr weit verbreitet ist. Der gewöhnliche Kanadier ist nämlich Neuem gegenüber durchaus aufgeschlossen, und für deutsche Verhältnisse beinahe beängstigend fröhlich. Wenn man also zum Beispiel von der Supermarkt-Verkäuferin plötzlich mit „Darling“ angesprochen wird, dann ist das kein Ausdruck sexueller Frustration, sondern eben dieser herzensguten Lebensart.

 

Meiner kleinen bescheidenen Theorie nach kommt dies davon, dass die Kanadier so viel Platz haben um zu leben und sich auszutoben. Unglaublich aber wahr: Hier leben durchschnittlich drei Bewohner auf einem Quadratkilometer. Bei so viel Platz braucht man sich nicht mehr gegenseitig auf die Füße treten und kann das mit dem menschlichen Zusammenleben gleich viel relaxter angehen.

 

Wer so viel Platz hat, hat natürlich auch massig Platz um Gras anzubauen. Genau das tun die meisten Kanadier auch, und zwar nicht zu knapp. Viele der Nachbarn von der netten kleinen Farm, auf der ich letztendlich gelandet bin, hatten ihre eigene Miniplantage. Da in den meisten Ecken Kanadas der Winter länger dauert als bei uns, kann man dort (wegen der Frostgefahr) zwar erst später aussähen, aber die von der geringen Luftverschmutzung ungebremste Sonne holt das über den Sommer hinweg problemlos wieder auf. Home Growing ist (so kam es mir zumindest vor) der meistgenutzte der dortigen Versorgungswege. Angebaut wird meist outdoor, denn immerhin hat man ja Platz genug und muss sich auch um zufällige Entdeckung so gut wie keine Sorgen machen. Und selbst wenn, die kanadische Gesetzgebung ist in Bezug auf Cannabis nach wie vor eine der liberalsten der Welt.

 

Aber das ist auch kein Wunder in einem Land das erstens in einer langen Tradition der offenen Diskussion steht (immerhin mussten sich einst britische und französische Besetzer miteinander grün werden) und zweitens eine für ein westliches Land ungewöhnlich tief verwurzelte Cannabis-Kultur besitzt. Hier ist das Rauchen kein Privileg der Jüngeren und der hauseigene Garten, wie gesagt, nichts Ungewöhnliches.

 

An Alkohol zu kommen gestaltet sich da wesentlich problematischer. Genauso wie ihr Nachbarland, die USA, pflegen die Kanadier einen ziemlich restriktiven Umgang mit Spirituosen. Das Alter, ab dem das Trinken erlaubt ist, liegt, je nach Bundesstaat zwischen 18 und 21 Jahren. Kaufen kann man den Alk nur im Liquor Store, wo auch recht streng auf das Alter geachtet wird. Kein Wunder also, dass so viele Jugendliche ihr Heil bei dem wesentlich leichter erhältlichen Gras suchen.

 

Das Beeindruckendste an dem ganzen Land ist aber, ganz dem Klischee entsprechend, die Natur. Denn in diesem Land hat sie zumindest noch die Möglichkeit sich gegen die erdrückende Übermacht der Zivilisation zur Wehr zu setzen. Hier ist es zumindest noch manchmal der Fall, dass bei einer schicksalhaften Begegnung zwischen Mensch und Natur der Mensch es ist, der aus Vorsicht ein paar Schritte zurückweicht.

 

Hier bei uns kennt man den Anblick wilder Tiere beinah nur noch von den zerfetzten Leichnamen an der Autobahn. Was aber, wenn man plötzlich nicht mehr der Überlegene ist, und von Angesicht zu Angesicht, sagen wir mal, einem Bären gegenübersteht? Auch wenn es mir persönlich nicht passiert ist, ist es eine durchaus interessante Erfahrung, sich mit solchen Fragen konfrontiert zu sehen.

 

Nicht nur das kanadische Festland ist von einer Artenvielfalt bevölkert, die uns Europäern nur noch aus den vorigen Jahrhunderten bekannt ist, auch die Gewässer um diesen Staat sind ein wahrer Zoo. Verschiedenste Walrassen, Delphine und anderes schwimmendes Gekräus bevölkern hier die Meere wie bei uns Autos die Straße. Die Kanadier selbst leben damit natürlich wie selbstverständlich, aber für meine zivilisationsgeschädigten Augen war es doch ein erhebender Anblick, einen Urzeitgiganten aus dem Meer auftauchen zu sehen.

Alles in allem war es ein wunderschöner Trip, den ich jedem, der von Handy-Terror und Straßenlärm die Nase voll hat, nur empfehlen kann. Einfach mal raus aus der Zivilisation – ihr glaubt gar nicht wie gut das tut.

 

Martin Schwarzbeck
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