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Maulhalde
Mensch, Alter!
Publiziert am: 25.08.04 - Medienformen: Medienform Text

„Deutschland vergreist. Die Windel-Industrie stellt auf Senioren um.“ Die Schlagzeile trifft mich ungewöhnlich hart, weil ich mich gerade alt fühle. Vermeine vom Schlag der Zeile getroffen rückwärts zu taumeln. Taumle auch – sitzend zwar, komme dann zu mir und stelle fest, dass ich nur durch die unglückliche Verquickung eines zu schnell getrunkenen Biers und die rasante Kurvenfahrt des Nachtbusses ins Schlingern geraten bin. Ich fasse mich wieder, schaue weiter in die Zeitung, fühle mich aber immer noch alt. Nüchtern betrachtet hätte man es als Müdigkeit bezeichnen müssen. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Die Schönheit der Chance, das Leben zu lieben, so spät es auch ist, schreit mir Thees Uhlmann durch ein dünnes schwarzes Kabel ins Ohr. Habe den Mann endlich mal in die Tasche gesteckt, will ihm jetzt aber den Saft abdrehen. Dann fällt mir ein, dass ich die Musik absichtlich so laut gestellt habe, damit ich das Gespräch der Jugendgruppe vor mir nicht mit anhören muss. Ich schließe die Augen und gehe in mich. Dort ist es so dunkel, dass ich sofort wieder aus dem Gleichgewicht komme. Mit schmerzendem Kopf öffne ich ein Auge. Offensichtlich bin ich von Sitz gekippt und liege jetzt seitlich im Gang. Wann war dieser Tag eigentlich vom rechten Weg abgekommen? War es, als ich knapp die letzte Bahn verpasste oder bereits davor, als ich mir beim Tanzen den Fuß verknackste? War es, als ich die Bierflasche mit zuviel Schwung auf die Bar stellte und sich die Schaumfontäne mehr oder weniger direkt in den Schoß meiner Nachbarin ergoss, oder hätte ich erst gar nicht nach Potsdam fahren sollen?

Alle meine Freunde hatte ich angerufen: „Willst du nicht mit mir auf dieses Super-Konzert kommen? – Nee? – Wie jetzt, müde? – In letzter Zeit immer so schlapp!? – Echt? – Aber dein Auto, kann ich . . . – Nein? – Na, dann . . .“ mir doch egal, habe ich gedacht. Ich kann auch allein Spaß haben, so alt bin ICH noch nicht. Ich rock’ das. Und dann habe ich mal Blick auf den Nachtfahrplan geworfen. Mist, habe ich dann gedacht. Dreieinhalb Stunden mit dem Nachtbus? Viermal umsteigen? Halb fünf im Bett? Das kann doch nicht wahr sein. Musste wohl zeitiger los. So jung bin ich nun auch nicht mehr. Wenn ich eine Nacht nicht schlafe, brauche ich doch wieder drei Tage, um mich davon zu erholen.

An die kommenden drei Tage, die ich nur halb durch nur halb geöffnete Lider erleben werde, denke ich auch jetzt, während ich mich aus dem Gang wieder auf den Sitz schiebe. Und ich nahm mir die Zeit, um Zenit zu buchstabieren, schreit mir Herr Uhlmann dabei ins Ohr. Ja, Ja. Z-E-N-I-T. Früher brauchte ich mich von einer durchgemachten Nacht gar nicht erholen. Dann brauchte ich einen, jetzt schon drei Tage. Wann sich das so weiter steigert, bedeutet eine durchzechte Nacht mit 38 zweieinhalb Wochen Koma. Erst als mir einfällt, dass die Zeit, je älter man wird, auch umso schneller vergeht, kann ich mich wieder etwas entspannen. Zweieinhalb Wochen vergehen dann so schnell wie früher ein Tag. Es gleicht sich alles aus, denke ich zufrieden. Gar nicht so schlecht das Leben, alles ganz clever eingerichtet. So versöhnt, schmiege ich den Kopf an die angenehm kühle Scheibe und schlafe sofort ein. Irgendwann später wache ich wieder auf – in Potsdam.

Die Maulhelden
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