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Was ist die Wahrheit wert?

Polemik im neuesten „Focus“
Publiziert am: 19.10.04 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Martin Schwarzbeck
hanfjournal oktober04 artikel Jointalismus Was ist die Wahrheit wert?

Wut überkommt einen immer öfter beim Durchblättern der deutschen Zeitschriftenlandschaft. Nach dem verheerenden „Spiegel“-Titel „Die Seuche Cannabis“ hat sich nun auch der „Focus“ entschlossen, auf den scheinbar erfolgreichen Zug aufzuspringen und den Müll der Kollegen noch mal aufzuwärmen. „Sucht an der Schule“ ist sein Aufmacher. In großen roten Lettern prangt es mitten auf der Titelseite. Im Untertitel wird auch gleich mal klar gestellt, welche Süchte die „Focus“-Redaktion für die größte Gefahr hält: „Cannabis und Alkohol – der gefährliche erste Kontakt mit Drogen“. Hier wird schon im Titel auf die mehr als überholte Einstiegsdrogen-Theorie verwiesen. Wo dies im Laufe des Artikels noch hinführen soll, steht fest. Schon nach dem Lesen des Titels ist klar, dass es sich um schlecht recherchierte Hetze handelt, mit dem einzigen Zweck, Eltern zu verängstigen und diese Ängste zur Profitmaximierung zu nutzen.


Da wir diese Form der Berichterstattung für unverantwortlich halten, sehen wir uns gezwungen, diesen Artikel einmal ausgiebig zu analysieren, damit sich auch niemand von euch mit dem Verweis auf solch populistisches Dummgeschwätz blöd von der Seite anmachen lassen muss. Hier also die ultimative „Anti-,Focus’-Leser-Argumentationshilfe“.


Um den unaufgeklärten „Focus“-Leser argumentativ aushebeln zu können, muss man erst einmal seine Argumente kennen. Die nennt der „Focus“-Chefredakteur zum größten Teil schon im Editorial. Cannabis ist seiner Meinung nach deshalb besonders gefährlich, weil:


1: Schüler immer früher Nikotin, Alkohol und Cannabis probieren

Ja, das ist richtig. Die Einstiegsalter für beinahe alles sinken beständig. Es wird früher geraucht, gesoffen und gekifft. Genauso wird aber auch früher gefickt und pubertiert. Wir vermuten, dass Heranwachsende durch die ständige Reizüberflutung einfach eher erwachsen werden.


2: der THC-Gehalt in Hanf-Pflanzen in den letzten 20 Jahren von 0,5 auf fünf Prozent hochgezüchtet wurde

Schwachsinn. Mit einem THC-Gehalt von 0,5 Prozent wäre Cannabis nie populär geworden, weil es dann maximal Kopfschmerzen verursacht hätte. Der THC-Gehalt ist zwar tatsächlich gestiegen, allerdings niemals um das Zehnfache. Gesundheitspolitisch ist dies übrigens nur wünschenswert, weil dadurch weniger Rauch für den selben Effekt aufgenommen werden muss.


3: Cannabis Gehirnzellen unreparierbar abtötet

Wer so was behauptet, gehört geköpft. THC ist im Gegensatz zu Alkohol kein Nervengift, sondern bindet sich nur an die zuständigen Rezeptoren, die es nach einiger Zeit auch wieder verlässt.


4: Cannabis Wahnvorstellungen verursacht

Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Selbst wenn diese Möglichkeit zutrifft, dann nur für einen verschwindend geringen Prozentsatz der Konsumenten.


Und unter so was setzt ein Chefredakteur seine Unterschrift. Er sollte vor Scham im Boden versinken. Seinen Namen bewusst unter Lügen zu setzen oder bewusst nachlässig zu recherchieren, ziemt sich nicht für einen Mann seiner Stellung. Und weil es grad so lustig war, kommen hier noch die restlichen Argumente, die so im Verlauf der Artikelreihe erscheinen:


5: Die Zahl behandlungsbedürftiger Kiffer stieg innerhalb von zehn Jahren von 2.600 auf etwas weniger als 15.000.

Tja, Statistiken kann man so oder so lesen. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Hälfte dieser Behandlungssuchenden von Polizei, Justiz oder Dritten zur Beratung geschickt wurden und sich die Zahl der Kiffer in dieser Zeit um den Faktor 2,7 vergrößert hat, relativiert sich eine solche Aussage ganz schnell. Wer mehr über diese Zahlenspielchen wissen will, liest einfach den Artikel von Hans Cousto im Hanf Journal vom August 2004 (links unten).


6: Cannabis macht innerhalb kürzester Zeit abhängig

Immer wenn die Macher des „Focus“ ganz genau wissen, dass ihren Argumenten die Grundlage fehlt, zitieren sie einen Wissenschaftler. Und zwar einen ganz speziellen. Rainer Thomasius von der Hamburger Drogenambulanz ist weithin als Feind der Cannabis-Kultur bekannt. Wenn der „Focus“ es nicht nötig hat einen unabhängigen Wissenschaftler zu zitieren, dann habe ich es nicht nötig ihm zu glauben. Dennoch hier kurz zur Erklärung: Wie wir alle wissen, verursacht Cannabis keine körperliche Abhängigkeit, weil sein Wirkstoff nur sehr langsam aus dem Körper verschwindet. Und eine psychische Abhängigkeit, auch Gewöhnung genannt, entsteht nicht innerhalb kürzester Zeit, weil sich der Konsument, wie gesagt, erst daran gewöhnen muss.


So, wir hoffen euch beim Argumentieren etwas geholfen zu haben. Und denkt daran, jeder kann durch Gespräche seinen Beitrag dazu leisten, dass diese Form der Volksverdummung sich nicht noch weiter verbreitet, als sie es eh schon tut.

P. S.: Liebe „Focus“-Redaktion: Ecstasy beinhaltet nicht den Wirkstoff Metamphetamin. Manchmal hätten wir nichts dagegen, aber das ist Unsinn.

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