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Dicht oder nicht

Wie verbreitet ist die Schultüte wirklich?
Publiziert am: 19.10.04 - Medienformen: Medienform Text

Autor: Sebastian Wunderlich
Morgens halb zehn in Deutschland. Die Tüte gerollt und ab in einen Unterricht, der sowieso kein Sinn hat. So stellen sich die besorgten Eltern und Lehrer „die Jugend von heute“ vor. Die Schüler an deutschen Schulen werden oft als verkifft und desinteressiert dargestellt. Doch die Wahrheit ist, dass ein großes Spektrum an Meinungen und Einstellungen zum Thema Cannabis unter Jugendlichen existiert. Während es Schüler gibt, die schon auf dem Schulweg ihre erste Tüte durchziehen, gibt es auch solche die noch nie Drogen in irgendeiner Form genommen haben und es auch nicht vorhaben.

Der Drogen- und Suchtbericht 2003 von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, zeigt, dass 31 Prozent aller Schüler schon einmal Cannabis konsumiert haben. Muss man sich also jetzt Sorgen um die deutsche Jugend machen? Ein Drittel der Schüler hört sich viel an, nur muss man bedenken, dass erst der regelmäßige Konsum Auswirkungen auf das Lernverhalten und die Leistungen von Schüler haben kann. Und mehr als einmal in der Woche konsumieren nur fünf Prozent der Schüler, zumindest zeigt das die selbe Studie. Die regelmäßige Einnahme ist also eher selten. Doch warum konsumieren Jugendliche überhaupt Drogen? Ist es etwa cool, unter Jugendlichen zu kiffen, Bier zu trinken und Tabak zu rauchen? Eher nicht. Der Reiz des Verbotenen, der Versuch, Neues auszuprobieren und einfach die Lust auf den Effekt spielen dabei eine weit größere Rolle.

Drogen in der Schule sind eigentlich verboten und nach dem neuen Gesetz, welches im Juni inkraftgetreten ist, darf beispielsweise in Berlin auf den Schulhöfen auch nicht mehr geraucht werden. Soll dieses Gesetz nun etwa auch das Kiffen während der Schulzeit verhindern, da doch gerade die Zahl der Erstkonsumenten unter den 15- bis 17-Jährigen von 8,4 Prozent 1990 auf 17 Prozent im Jahre 2000 angestiegen ist? Wohl kaum. In oder vielmehr vor und auf angrenzenden Hinterhöfen wird immer noch während der Schulzeit gekifft. Dabei müsste doch bald mal klar sein, dass noch mehr Verbote im Laufe der Zeit zu noch mehr Gesetzesbrechungen führen. Weil es den Jugendlichen bald sowieso egal ist, welches Gesetz heute wieder mal zur Freiheitseinschränkung beiträgt.

Ganz nebenbei haben verantwortliche Politiker, Eltern und Lehrer wohl übersehen, dass nicht nur die Konsumfreudigen an deutschen Schulen vertreten sind. Nein, es wird sogar mit den Drogen gehandelt. Es ist kein Problem, nach der sechsten Stunde zum Ticker zu gehen und sich sein Dope zu besorgen. Dabei gehen die Schüler nicht mal mehr das Risiko ein, an öffentlichen Plätzen von Zivilbeamten beim Kauf überführt zu werden. Sätze wie „Scheiß auf die Schule!“ und „Kiffen ist doch nicht schlimm und so lange man sich nicht erwischen lässt, interessiert es doch eh kein Mensch!“, hört man immer öfter. Das Problem des Handels scheint sogar weitaus schwieriger als der Konsum an sich. Soll zur Lösung dieses Problems etwa Taschenkontrolle der Schüler vor Unterrichtsbeginn wie in den USA eingeführt werden? Nur das kann auch nicht die Lösung des Problems sein, wie man sieht.

Da wäre noch die Frage zu klären ob das Konsumieren von Drogen in der Schulzeit wirklich Auswirkungen auf das späteren Alltags- und das Berufsleben der heutigen Jugend haben kann. Vor elf Jahren (1993) haben insgesamt 21 Prozent und 2000 38 Prozent, der Studierenden jemals Cannabis konsumiert. Heute sind die bösen Kiffer von damals Unternehmer, Firmenbosse oder gar Politiker. „Ich kiffe gerne und das lasse ich mir nicht nehmen.“ - Freke Over (Abgeordneter in Berlin, PDS): auf der Hanfparade 2001 in Berlin. Nur leider geht es auch anders. Dauerbreite Arbeitslose, die in völlig runtergekommenen Behausungen oder auf der Straße leben, wäre eine Alternative. Die Frage, warum die Jugendlichen Drohungen und Strafen der Lehrer und Eltern und die Gefahr, ihren Schulabschluss und somit auch ihr restliches Leben zu versauen, ignorieren, hat sich mittlerweile in den Köpfen der Erziehungs- und Aufsichtspersonen festgesetzt. Oft fehlen gerade denen die richtigen und genauen Kenntnisse über die Wirkung, Folgen und Schäden von Cannabis. Das Thema wird oft total dramatisiert, wobei sich schnell der Reiz des Verbotenen ausbreitet, oder es wird runtergespielt, was nach sich zieht, dass die Schüler genauso schnell nach der Tüte greifen. Aufklärung ist also gerade bei Erwachsenen nötig, und ein guter Schritt in die richtige Richtung, sodass ein geregelter, gewissenhafter und ungefährlicher Umgang möglich ist.

Doch das Thema Drogen an Schulen und Drogen generell unter Jugendlichen wird derzeit nur für populistische Zeitungsaufmacher oder Politikerreden missbraucht. Eine ernsthafte nüchterne Auseinandersetzung würde schnell ergeben, dass ein weiter-so-wie-bisher – und nichts anderes fordern die Prohibitionisten – der falsche Weg ist. Wir brauchen eine Lösung, und nicht mehr Verbote.

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