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"Zur Irrelevanz der Drogenpolitik"
Peter Cohen in Heidelberg
Publiziert am: 27.08.04 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal 04august artikel „Zur Irrelevanz der Drogenpolitik“

Eine öffentliche Vortragsreihe am Fachbereich Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg beschäftigt sich gegenwärtig mit dem Thema „Rausch und Ritual“. Im Rahmen dieser Reihe war am 14. Juli der Soziologe Peter Cohen zu Gast in der Uni-Stadt. Cohen war lange Jahre Leiter des Amsterdamer Instituts für Drogenforschung (CEDRO). Dort war er bereits in den 70er-Jahren an der Entwicklung des bekannten holländischen Coffee Shop-Modells beteiligt, für das Kiffer in aller Welt bis heute dankbar sind. Und noch immer ist er in seinem Forschungsbereich sehr aktiv und gilt hierzu als einer der kompetentesten und spannendsten Referenten Europas.
 
Cohens wurde begrüßt durch die Gastgeber Prof. Rolf Verres und Dr. Henrik Jungaberle. Unter den zahlreichen Gästen befanden sich u. a. Tilmann Holzer, Vorsitzender des VfD und der Autor und Verleger Werner Pieper.
 
Cohen begann seinen Vortrag mit einer Frage, die zunächst einfach klingt, es aber in sich hat: „Woher wissen wir, dass Drogenpolitik Effekte auf die Prävalenz hat?“ Prävalenz gibt dabei die Anzahl der Menschen an, die in ihrem Leben, dem letzten Jahr oder letzten Monat Drogen konsumiert hat und wird deshalb in Lebenszeit-, Jahres- und Monats-Prävalenz unterteilt. Der Eingangsfrage stellte Cohen denn auch gleich seine Kernthese gegenüber: Drogenpolitik habe keine Effekte auf die Prävalenz, sei also für die Anzahl der Drogenkonsumenten irrelevant. Diese These sei erstmalig bereits Anfang der 80er-Jahre durch den Kölner Professor Karl Heinz Reuband aufgestellt worden. Allerdings sind erst in der neuesten Zeit umfangreiche empirische Untersuchungen dazu durchgeführt worden, von welchen Cohen im Folgenden zwei Beispiele vorstellte.
 
Im ersten Fall handelt es sich um quantitative Untersuchungen zur Drogenprävalenz in den USA und den Niederlanden. Dabei stellte er Cannabis in den Vordergrund, ist hier doch der drogenpolitische Unterschied am offensichtlichsten. Verglichen wurden so z. B. die Werte der Lebenszeitprävalenz in den Jahren 1997 und 2001. In der Gesamtbevölkerung nahm in diesem Zeitraum der Anteil der Cannabis-Erfahrenen in den USA von 33 auf 38 Prozent zu. In den Niederlanden stieg dieser Wert lediglich von 17 auf 18 Prozent an. Besonders interessant war in diesem Zusammenhang die Gruppe der Minderjährigen von zwölf bis 17 Jahren. Während in dieser Altersgruppe der Anteil der Cannabis-Erfahrenen in den Niederlanden von 14 auf elf Prozent sank, blieb er in den USA konstant bei 20 Prozent. In den USA hat somit jeder fünfte Jugendliche schon mal gekifft, in den Niederlanden nur jeder zehnte. Dieser etwa doppelt so hohe Anteil an Kiffern zeigte sich auch bei der Monatsprävalenz. Bei dieser Erhebung des aktuellen Cannabis-Konsums lagen die Werte bei sechsProzent in den USA und in den Niederlanden bei drei Prozent. Hat nun das Cannabis-Verbot in den USA die Anzahl der Kiffer reduziert? Offensichtlich nicht. Daraus allerdings abzuleiten, dass die Cannabis-Tolerierung in den Niederlanden zu vermindertem Cannabis-Konsum führe, sei nach Cohen aber auch nicht zulässig. Beim Alkohol z. B. liegen die Prävalenz-Werte in den Niederlanden relativ konstant bei etwa 90 Prozent, in den USA bei knapp über 80 – obwohl das Alkoholregime dort etwas strenger ist als in dem kleinen Land zwischen Rotterdam und Groningen.
 
Die daraus abgeleitete These, wonach die Prävalenz wahrscheinlich unabhängig von der Drogenpolitik sei, wurde auch in der anschließenden Diskussion von verschiedener Seite bestätigt. So wurde vorgebracht, dass die schärfsten Anti-Drogengesetze der EU in Schweden und Frankreich herrschten. Allerdings sei Schweden neben Portugal und Griechenland das europäische Land mit dem geringsten Cannabis-Konsum, während nirgends in der EU so viel gekifft würde wie in Frankreich. Die Gesetze der Drogenpolitiker könnten also nicht das ausschlaggebende Kriterium für Drogengebrauch sein.
 
Vielmehr stellte Peter Cohen die These auf, dass aller Wahrscheinlichkeit nach historisch gewachsene kulturelle Einstellungen und Werte die Rolle und somit die Verbreitung von Drogen bestimmen. Zur Untermauerung dieser These stellte er eine aktuelle vergleichende qualitative Studie zum Drogengebrauch in Bremen, Amsterdam und San Francisco vor – drei Städte mit sehr unterschiedlichem rechtlichem Umgang mit Drogen. Für diese Studie wurden Interviews mit Drogenbebrauchern zu ihrem Konsum, ihrer sozialen Lage, ihren Einstellungen und vielen anderen Dingen geführt. Die Ergebnisse zu Cannabis, Kokain und Amphetamin befinden sich seit kurzem auf der Homepage des Amsterdamer Drogenforschungsinstituts CEDRO.
 
Die Antworten und Ergebnismuster sind in allen drei Städten fast identisch. So wissen die Konsumenten z. B. von Cannabis sehr viel über ihren Konsum, sind sich dessen aber nur relativ wenig bewusst. Die drogenpolitischen Unterschiede sind für die Entscheidung zum Drogenkonsum unerheblich. Vielmehr steht die Funktionalität des Konsums stets im Vordergrund. Es geht den Konsumenten auf der einen Seite um eine psychische Funktion, z. B. Entspannung, und auf der anderen Seite um eine soziale Funktion. Durch den Drogenkonsum werden soziale Riten entwickelt, die Gruppen konstituieren: „Mit diesen Leuten wird gekifft, mit jenen Bier getrunken und mit anderen werden keine Drogen gemeinsam genommen.“ Zudem stellt der Drogengebrauch neben vielem anderen einen sozialen Status dar. So, wie beim Essen die Beigabe eines guten Weines eine Aussage zum Status markiert, findet sich das auch, wenn ein edler Whisky präsentiert, eine kleine Line guten kolumbianischen Kokains gesnifft oder der Sieger des letzen Cannabis-Cups geraucht wird. Immer lauten implizite Aussagen: „Ich habe hier was Besonderes“ und „Ich teile es mit dir (bzw. euch)“. Die nicht-klinischen Konsumenten – also die große Mehrheit – baut der Studie zufolge kein problematisches, sondern ein funktionelles Verhältnis zu Drogen auf. Dies zeichnet sich durch eine Vielzahl sozialer Kontexte aus. Diese Kontexte stellen dabei eine wichtige Quelle zur Normierung des Drogengebrauchs dar.
 
Die Bedeutung des jeweiligen Kontextes sei Cohen zufolge nicht hoch genug für Konsumhäufigkeit und -muster zu veranschlagen: „Kontext ist ein unglaublich wichtiges Element, ob Probleme auftreten oder nicht.“ Er machte dies an einem Beispiel deutlich. Es ist ein wichtiger Teil unserer Alkohol-Kultur, dass wir unseren Kindern zeigen: Wir trinken Alkohol. Dadurch ist Alkohol kein Tabu-Thema, was Kommunikation zu diesem Thema erst ermöglicht. Andererseits findet sich heute eine neue Tendenz, Alkohol vor den Kindern zu verstecken. Darin sieht Cohen einen Fehler, denn die Entkulturation führe zu höheren Abhängigkeitsraten. Unproblematischen Alkoholgebrauch der Älteren zu tabuisieren erhöhe die Wahrscheinlichkeit problematischen Konsums bei den Jüngeren. Diese Erkenntnis, so Cohen, sei auch für andere Drogen nötig. Allerdings würde eine solche Offenheit durch Drogenverbote verunmöglicht. Deshalb plädierte Cohen: „Ich bin für einen legalen Zugang zu allen Drogen“ und an anderer Stelle: „Kriminalisierung ist ein Feind von Solidarität mit den Schwächeren.“ Dabei, so Cohen, sollte in der Ausgestaltung die jeweilige lokale Kultur die lokalen Regelungen bestimmen.


Carsten Labudda
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