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Joints weniger gefährlich als behauptet

VfD widerspricht Studie der BLF
(pub. januar 03)
Publiziert am: 19.12.02 - Medienformen: Medienform Text


„Schon drei Joints mit reinem Cannabis richteten so viel Schaden an wie eine ganze Schachtel Zigaretten, erklärten Vertreter der „British Lung Foundation“(BLF) unter Berufung auf eine neue Untersuchung“, schrieb die „Freie Presse“ (Sachsen) am 11. November 2002. Auch andere Zeitungen berichteten ähnlich über die Studie der Britischen Lungenstiftung.
Der Verein für Drogenpolitik e.V. (VfD) hat sich intensiv mit dieser Studie auseinander gesetzt. Seine Einschätzung dazu haben wir für euch zusammengestellt:

Bei der BLF-Studie handelt es sich um keine klinische Studie mit neuen Ergebnissen, sondern um eine Literaturstudie. Die BLF hat also nur bestehende, teilweise schon wesentlich ältere Veröffentlichungen ausgewertet, viele davon ihrerseits Literaturstudien.
Die Autoren verstehen ihre Studie selbst nicht als Argument für oder gegen eine Entkriminalisierung. Stattdessen geht es ihnen um gesundheitsbewusstes Verhalten der direkt Betroffenen. „Viele junge Menschen werden sich entscheiden, Cannabis zu verwenden oder nicht - unabhängig von seinem gesetzlichen Status. Wir haben die Pflicht, sicherzustellen, dass sie das in voller Kenntnis der Risiken tun, die mit dem Rauchen von Cannabis zusammenhängen“, so die Studie auf ihrer ersten Seite.

Die Studie verweist auf einige bekannte Risiken, die auch von anderen Wissenschaftlern angeführt werden. So stellt sie fest, dass Cannabiskonsumenten eher an Husten und Bronchitis leiden als Nichtkonsumenten. Ob Cannabis zu Lungenemphyseme führe, stehe noch nicht fest, da die Forschungsergebnisse widersprüchlich seien. Studien zu Cannabis und zu Krebserkrankungen der Atemwege hätten ebenfalls zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt.

Die BLF- Studie bezieht sich unter anderem auf einen Artikel von Heather Ashton (Universität Newcastle), der 2001 im „British Journal of Psychiatry“ erschien. So wird ihre Behauptung miteinbezogen, eine durchschnittliche Cannabiszigarette habe in den 60er Jahren nur 10mg des Wirkstoffs THC enthalten, während sie heute bis zu 150mg enthalte. Wer Cannabisöl verwendet, hätte sogar einen Joint mit bis zu 300 mg THC.
Eine Traumvorstellung: Denn so würde ein Joint für 15 bis 30 Personen reichen. Oder aber Cannabis wäre in den 60er Jahren - als es Millionen an Anhängern gewann - fast wirkungslos gewesen. Beide Annahmen entsprechen offensichtlich nicht den Tatsachen.

Durch die Ernte von weiblichen Pflanzen im unbestäubten Zustand stieg der durchschnittliche Wirkstoffgehalt von Cannabis in den USA zwischen Mitte der 70er Jahre und Mitte der 80er Jahre von 3-4% auf 6-8% an. Das wurde aber wieder kompensiert, da der durchschnittliche Joint von 0,5 auf 0,25g Cannabis schrumpfte. Eine Zunahme des Wirkstoffgehalts ist daher nicht bewiesen. Zu berücksichtigen ist auch, dass noch bis in die 70er Jahre in den USA wesentlich wirksameres Cannabisharz aus Nepal und Afghanistan auf dem Markt war, das später fast komplett verschwand.

In Europa holte erst in den 90er Jahren der Wirkstoffgehalt von Cannabis zunehmend auf den von Cannabisharz auf. Die inhalierte Wirkstoffmenge pro Konsumeinheit blieb dabei im wesentlichen über die Jahre konstant, weil Konsumenten die verwendete Menge Cannabis an den jeweiligen Wirkstoffgehalt anpassen.
So wie man Wein oder Likör nicht aus Maßkrügen trinkt, so wird auch Cannabis von höherem THC-Gehalt in kleineren Portionen dosiert. Mit dieser Entwicklung hat sich also die Lungenbelastung der Konsumenten verringert.

Die BLF-Studie warnt vor einer Schwächung des Immunsystems bei HIV-Infizierten, die Cannabis konsumieren. Doch die einzige dazu zitierte Studie stammt von 1985, als die HIV-Forschung noch in ihren Kinderschuhen steckte. Im Jahre 2000 fand eine von der US-Regierung unterstützte Studie von Dr. Donald Abrams heraus, dass Cannabis keinen schädlichen Einfluss auf das Immunsystem von HIV-Infizierten ausübte. Es soll sogar im Vergleich zu einem Placebo eine fast doppelt so hohe Gewichtszunahme ermöglichen.

Anders als in Zeitungsüberschriften dargestellt, hat die BLF-Studie nicht generell festgestellt, 3-4 Joints seien so schädlich wie 20 Tabakzigaretten. Diesen Zusammenhang stellten die Autoren nur für die Förderung von Bronchitis und die Reizung der Schleimhäute her. Dr. Tashkin, auf den sich die BLF-Studie ebenfalls beruft, hat sich ausdrücklich dagegen verwehrt, seine Ergebnisse in dieser Art zu verallgemeinern.

Die IOM-Studie der amerikanischen Regierung schätzt, dass eine Cannabis-Zigarette etwa so schädlich ist wie maximal zwei Tabakszigaretten ("Marijuana and Medicine", Seite 111f.). Der Bericht weist außerdem darauf hin, dass Zigarettenraucher normalerweise deutlich mehr
Zigaretten rauchen als Cannabiskonsumenten (den Volltext findet ihr unter: http://books.nap.edu/html/marimed/).

Wenn das Rauchen von Cannabis tatsächlich schädlicher wäre als das Rauchen von Tabak, dann wäre das ein Argument für mehr gesundheitliche Aufklärung statt teurer Repression. Die staatliche Gesundheitspolitik könnte mehr erreichen, wenn sie Konsumenten von besonders riskanten Konsumformen abraten würde. Wenn z.B. Cannabis vorwiegend ohne Tabak konsumiert werden würde - wie in Nordamerika üblich - könnte das Abhängigkeitsrisiko durch Nikotin vermieden und die Teerbelastung verringert werden. Auch das lange Inhalieren des Rauches ist weitgehend nutzlos und gesundheitsschädlicher für Kiffer.
Der Staat versucht durch Repression die Auswahl für Konsumenten einzuschränken, um den Konsum unattraktiv zu machen. Folglich rauchen Konsumenten dann auch minderwertige, wirkstoffarme Ware, die besonders lungenbelastend ist. Denn dabei muss zur Erzielung der selben Wirkung mehr Rauch konsumiert werden. Konsumenten könnten bessere Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen, wenn der THC-Gehalt von Cannabis auf der jeweiligen Verpackung stünde.
Auch neue Konsumtechniken könnten einen Beitrag zur Schadensminimierung leisten. Verschiedene Firmen haben Vaporisierer zum rauchlosen Konsum von Cannabis entwickelt. Ihr Besitz ist im größten Cannabismarkt der Welt, nämlich den USA, illegal. In Großbritannien steht ein - in wissenschaftlichen Studien getesteter - rauchloser Inhalierer für Cannabisextrakte vor der Markteinführung, der alle beschriebenen Risiken vermeidet. Doch nichtmedizinische Konsumenten werden ihn erst dann verwenden können, wenn Cannabis wieder legal ist.
Autor: Zusammengefasst von Katrin Schmidberger

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