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Sinnvolle Wege der Drogenprävention

So lang du deine Füße unter meinem Tisch . . .
(Pub. September 2003)
Publiziert am: 02.09.03 - Medienformen: Medienform Text

hanfjournal september03 artikel Sinvolle Wege der Drogenprävention

Die meisten Drogenuser verbinden mit dem Wort „Prävention“ eher negative Assoziationen. Doch Prävention ist nicht gleich Drogen verbieten. Prävention kann auch den sinnvollen und ehrlichen Umgang mit Drogen einschließen. Frederik Luhmer (kurze Personenbeschreibung siehe Kasten) wird nun für uns Wege, Ziele und Möglichkeiten einer modernen Prävention aufzeigen.

Sowohl Veranstaltungen mit Jugendlichen, Plakate mit der Aufschrift „Keine Macht den Drogen!“ oder auch Drogenberatung und -hilfe auf Partys schimpfen sich „Prävention“. Doch was ist Prävention wirklich? Der Begriff Prävention kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „etwas zuvorzukommen“, in diesem Fall also einer möglichen Entwicklung von Problemen im Umgang mit Drogen. Weiter unterteilt wird einerseits in Angebote für (noch) nicht konsumierende Jugendliche und junge Erwachsene, die dabei helfen sollen, dass diese generell die Finger von Drogen lassen. Das nennt sich dann auch Primärprävention. Andererseits gibt es auch Angebote für konsumierende Jugendliche und junge Erwachsene, die diese dazu motivieren sollen, ihren Konsum zu reduzieren oder zumindest mögliche Schäden durch den Konsum (weitestgehend) gering zu halten. Das nennt sich dann Sekundärprävention. Diese offizielle Unterteilung in die unterschiedlichen Zielgruppen der nicht-konsumierenden und der konsumierenden bzw. zum Konsum entschlossenen ist ziemlich umstritten, weil natürlich die Frage erlaubt sein muss, warum nicht einfach alle gleich behandelt werden sollen und ob Abstinenz immer und für jeden das höchste Ziel sein muss. Dazu aber später mehr.
Bei den Veranstaltungen, die ich für meinen Arbeitgeber BOA durchführe, habe ich es mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschiedlichen Alters zu tun. Los geht es ungefähr bei den 13- bis 14-Jährigen, also im achten (oder sogar schon im siebten) Schuljahr, wenn die ersten beginnen sich für Drogen zu interessieren und die ersten Erfahrungen mit Alkohol und/oder Cannabis machen. Die Ältesten sind Anfang zwanzig und befinden sich zumeist in irgendwelchen Ausbildungsprojekten. Das Interesse daran das Thema Drogen in der Schule (oder in Jugendzentren o. ä.) zu behandeln geht, gerade bei den Jüngeren, leider häufig eher von LehrerInnen oder BetreuerInnen aus und weniger von den Jugendlichen selbst.
Wenn wir mit eclipse Stände auf Parties machen, ist die Altersspanne noch wesentlich größer. Es fängt später an und Minderjährige sind auf den Festivals eher seltener zu finden. Dies gerade auch wegen der Bestimmungen des „Gesetzes zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit“. Dafür trifft mensch dort aber auch vermehrt auf Leute jenseits der 30. Weil unser Angebot ziemlich offen ist, integriert in einen gemütlichen chill-out und sich jeder selbst überlegen kann, ob er auf unser Beratungs- oder Betreuungsangebot zurückgreifen will, haben wir es meistens mit sehr interessierten und offenen Leuten zu tun, die viele interessante Fragen stellen und oftmals spannende Geschichten erzählen.
Ein weiterer besonders wichtiger Unterschied ist für mich, dass mit Schulklassen ganz anders umgegangen werden muss als mit Einzelpersonen oder kleinen Freundeskreisen, wie wir sie auf Parties treffen. Schulklassen sind in der Regel relativ wahllos zusammengewürfelt, bestehen also aus zum Teil sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, die bei Oberschulen lediglich die Gemeinsamkeit haben, denselben Schultyp zu besuchen und (meistens) aus ungefähr der gleichen Gegend zu kommen. Da gibt es dann zum Teil am Thema Drogen sehr interessierte Jugendliche, häufig diejenigen, die auch schon das eine oder andere (aus)probiert haben, bei denen zumeist die „positiven“ Effekte diverser Substanzen im Vordergrund stehen. Insbesondere bei Veranstaltungen mit jüngeren Jugendlichen unvermeidliche Fragen sind z. B.: „Haben Sie / hast du schon mal Drogen genommen? Stimmt es, dass Cannabis weniger schädlich ist als Alkohol? Ich habe gehört, dass Cannabis sogar gesund sein soll! Warum kann man überall Alkohol kaufen, während Cannabis verboten ist?“ Super Fragen, finde ich, schade ist nur, dass häufig das Interesse an den Antworten ziemlich oberflächlich ist und meine Rückfragen, wie etwa: „Ja, ich habe (auch) schon mal gekifft. Und warum interessiert dich das?“ eher zögerlich oder gar nicht beantwortet werden. Genauso gibt es aber auch Jugendliche, denen anzumerken ist, dass sie unsere Veranstaltungen eher „über sich ergehen lassen“ und sich überhaupt nicht angesprochen fühlen oder sogar ein sehr stark negativ gefärbtes Bild vom Umgang mit Drogen besitzen. Beide Extreme und die Positionen dazwischen zusammenzuführen ist nicht so einfach, aber wir bemühen uns durch ausgewogene, offene und differenzierte Informationen und indem wir jedem die Möglichkeit geben, sich und seine Meinung einzubringen, allen Beteiligten zu einem gemeinsamen Lernprozess zu verhelfen.
Ein absolut positives Beispiel für die Behandlung von Drogen und Sucht in der Schule waren die Projekttage eines Gymnasiums in Prenzlauer Berg, zu denen ich im Frühjahr 2003 eingeladen wurde. Es gab Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themenaspekten, zum Beispiel zum Tabakrauchen, zu Alkohol am Arbeitsplatz und zur Frage: „Cannabislegalisierung – Pro und Contra!“. Die Arbeitsgruppen bestanden jeweils aus zehn bis zwanzig SchülerInnen und zwei bis drei LehrerInnen, wobei die LehrerInnen sich eher zurückgehalten haben und stärker mit ihrer persönlichen Meinung aufgetreten sind. Ich habe an der Arbeitsgruppe zur Cannabislegalisierung teilgenommen und war ziemlich beeindruckt, dass die LehrerInnen bereit waren die Argumente der SchülerInnen, die diese aus Büchern, Zeitschriften, dem Internet, aber auch auf der Grundlage persönlicher Erfahrungen gesammelt hatten, wertzuschätzen, auch da, wo sie eher pro Legalisierung tendierten. Zum Abschluss gab es dann eine Podiumsdiskussion, offen für alle interessierten SchülerInnen, an der ich gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, einem Arzt und einem Schüler teilnehmen durfte. Die Aula war gerappelt voll und es wurde ziemlich kontrovers diskutiert. Wer mich fragt – ein voller Erfolg!
Was aber macht ein so positives Beispiel möglich? Welche Voraussetzungen braucht eine erfolgreiche „Aufklärung“ über Drogen und ihren Gebrauch? Wenn jemand erst einmal realisiert, wie viele Jugendliche schon ab 13, 14 oder 15 Jahren Erfahrungen mit Drogen, vor allem mit Tabakprodukten, Alkohol und Cannabis, sammeln, ist folglich klar, dass über diese Erfahrungen auch dringend geredet werden sollte. Genauso sollten (einigermaßen) objektive Informationen verfügbar sein, am besten von jemandem, bei dem auch nochmals nachgefragt werden kann. Das ist aber häufig leider schwierig, weil beispielsweise viele LehrerInnen, auch viele SozialarbeiterInnen, nicht nur wenig über Drogen wissen, sondern darüber hinaus auch immer noch Berührungsängste mit dem Thema haben. Deshalb bieten wir zusätzlich zu den Veranstaltungen für Jugendliche und junge Erwachsene auch Fortbildungen für so genannte MultiplikatorInnen an. Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten und auf diesem Weg Wissen, das sie selbst erworben haben, an andere weitergeben (also multiplizieren) können. Das Internet bietet zwar eine unendliche Fülle von unterschiedlichen Informationen und kann für jemanden, der sich gezielt in ein Wissensgebiet einarbeiten will bzw. schon über ein gewisses Maß an Informationen verfügt das ihm hilft Neues einordnen zu können, eine Goldgrube sein, bietet aber sehr wenig Hilfestellungen dabei zu entscheiden, welche Informationen die „passenden“ sind und wie diese auf die eigenen Erfahrungen bezogen werden kann.
In Bezug auf die nicht legalen Drogen tritt dann zusätzlich die Schwierigkeit auf, dass häufig gar nicht wirklich offen und ehrlich darüber geredet werden kann, welche Erfahrungen gemacht wurden, weil ja etwas „Verbotenes“ getan wird/wurde und Repressalien drohen oder aber weil es gerade darum geht, dass etwas Verbotenes und damit verrucht Cooles getan wird/wurde. Beides sind Gründe für eine Tabuisierung, die es immer noch schwer macht, offen und ehrlich zu sein. Auch wenn es bestimmt besser ist als vor zwanzig Jahren. Wir versuchen erstmal darauf zu reagieren, indem wir unsere Veranstaltungen mit Jugendlichen ohne erwachsene Bezugspersonen, also LehrerInnen oder BetreuerInnen abhalten, mit denen sie in ihrem Alltag zu tun haben. Wir als DrogenberaterInnen haben nicht nur eine Schweigepflicht (ungefähr so wie auch Ärzte), sondern können neutraler sein, weil wir nicht über Zensuren zu bestimmen haben oder Betreuungsfunktionen inne haben. Noch besser fände ich es aber, wenn sich Jugendliche keine Sorgen machen müssten Ärger (oder übertriebene Besorgnis) zu kriegen, sei es von Seiten der Schule oder aber von ihren Eltern, wenn sie von ihrem Interesse an Drogen oder bereits gemachten Erfahrungen erzählen. Im Gegenzug würde ich mir wünschen, dass das Rauchen und Erfahrungen mit Alkohol und Cannabis (oder anderen Drogen) nicht mehr von so vielen Jugendlichen (z. T. durchaus auch von den Abstinenten) und hier insbesondere von den jüngeren „Einsteigern“ als so „cool“ angesehen werden würde. Egal, wie irgendjemand zum Gebrauch von Drogen generell steht, jeder noch im Wachstum befindliche Mensch sollte sich doppelt und dreifach überlegen, was er seinem Körper da antut. Das gilt natürlich auch nochmal in erhöhtem Maß für die, die Verantwortung für das Wachstum eines anderen Menschen übernommen haben, also werdende und gewordene Mütter und Väter(!), denn auch Passivrauchen schädigt.
Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Befragungen, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass konsumierende oder am Konsum illegaler Drogen deutlich interessierte Jugendliche und junge Erwachsene zuallererst ihren Freunden und Bekannten vertrauen, wenn sie konsumbezogene Fragen haben. Eltern, LehrerInnen aber auch DrogenberaterInnen spielen eine nachrangige Rolle. Das hängt zum einen damit zusammen, dass praktische Erfahrungen hoch im Kurs stehen, weil es eben in erster Linie nicht um den Erwerb faktischen Wissens geht, sondern vor allem darum, die eigenen Vorstellungen und Erlebnisse einordnen zu können. Zum anderen ist es naheliegend bei einem Thema, das einen selbst interessiert/fasziniert, jemanden zu fragen, der eine ähnliche Einstellung hat bzw. dessen Einstellung überhaupt erstmal eingeschätzt werden kann und der problemlos erreichbar ist. Genauso wie der Drogenkonsum selbst findet auch die Auseinandersetzung mit ihm vornehmlich in der Freizeit statt. In der Schule über Drogenerfahrungen zu reden ist irgendwie auch komisch, weil dort schließlich der letzte Ort ist, an dem konsumiert werden sollte. Es ist also viel naheliegender, dass Unterstützungsangebote Interessierten in der Freizeit zugänglich gemacht werden, sei es über Stände auf Parties oder durch Drogen-Info-Läden, wie bspw. den „Drugstore“ der Drugscouts aus Leipzig. Wichtig wird dabei dann auch die Frage, wer solche Angebote macht, SozialarbeiterInnen oder interessierte Jugendliche und junge Erwachsene, wie sie ausgelegt sind, eher auf Hilfe-zur-Selbsthilfe oder auf die klare Trennung von MitarbeiterInnen und „KundInnen“ und wer sie finanziert, also wessen Interessen dahinter stecken. Ich persönlich halte selbstorganisierte Projekte wie eclipse für die effektivste Variante um junge Leute bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Drogen zu begleiten. Und wenn ich begleiten sage, meine ich eine nicht bevormundende und freiwillige Beratung, welche die legitimen Interessen junger Menschen ernstnimmt, glaubwürdige Informationen zur Verfügung stellt, mögliche Gefahren und Probleme nicht ausklammert und dazu beiträgt, eigenverantwortliches Verhalten zu fördern. In diesem Sinne bin ich auch kein großer Anhänger davon, jegliche Aufklärung zum Thema Drogen als (Sucht-)Prävention zu bezeichnen. Der Begriff macht meines Erachtens Sinn, wenn Dinge pauschal vermieden werden sollen, wie zum Beispiel die Ausbreitung von Hautkrebs oder aber als ein Bereich in dem übergeordneten Ziel, allgemein den mündigen Umgang mit allen möglichen Arten von Drogen, legalen wie illegalen, zu fördern. Denn natürlich geht es darum, die Entwicklung von Schäden und Problemen zu verhindern, aber es sollte eben auch Ziel sein, die Entwicklung von Genussfähigkeit, einem unverzichtbaren Bestandteil psychischer Gesundheit, zu unterstützen.




Der Autor arbeite für die Drogenberatungsstelle BOA in Berlin-Prenzlauer Berg. Neben der Beratung von DrogenkonsumentInnen gehört es zu seinen Aufgaben, Veranstaltungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Schulen, Jugendzentren und im Betreuten Jugendwohnen zum Thema Drogen durchzuführen. Umfang und Ausrichtung der Veranstaltungen richten sich nach dem Interesse der Nachfragenden. Häufigst sind dies einmalige anderthalbstündige Informationsgespräche, aber auch die Teilnahme an Projekttagen, die in irgendeiner Verbindung mit Drogen stehen. Weitere Erfahrungen im Bereich Prävention sammelte Frederik Luhmer auch im ehrenamtlichen Engagement bei dem Verein eclipse. Eclipse ist ein Partyprojekt, das auf großen mehrtägigen Techno-Festivals, wie zum Beispiel der FUSION, mit Drug-Infos, Beratung und der Betreuung von verpeilten Menschen, die alleine nicht mehr wirklich klar kommen, Drogenprävention und Drogenhilfe betreibt.
Autor: Frederik Luhmer

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