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Cannabis - update
(Pub. Oktober 2003)
Publiziert am: 06.10.03 - Medienformen: Medienform Text


Weitere Möglichkeiten der medizinischen Verwendung von Cannabis entdeckt – Neue Wege der pharmazeutischen Vermarktung – die Vorboten eines gesellschaftlichen Umschwungs?

Es tut sich einiges in Europa und auch jenseits davon, in Bezug auf den medizinischen Nutzen und die pharmazeutische Vermarktung von Cannabis. Vom 12. bis zum 13. September hatte die IACM („Internationale Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“) in Köln ihr zweites Jahrestreffen (siehe Seite 11). Geladen war eine internationale und somit multikulturelle Kombination von 35 Referenten aus den USA, Israel, Spanien, Italien, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland. Die IACM fordert die uneingeschränkte Verschreibungsmöglichkeit von Cannabis und Cannabisprodukten in indizierten Fällen und vor allem, dass die Krankenkassen die Kosten tragen sollten, wenn es keine anderen oder besseren Medikamente gibt. „Das therapeutische Potenzial von Cannabis ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.“, äußerte sich Dr. Martin Schnelle (Berlin). Cannabis bietet ein breites Einsatzspektrum, geringe Nebenwirkungen und eine sehr gute Verträglichkeit. Das Bundesgesundheitsministerium solle weitere Cannabis-Wirkstoffe verschreibungsfähig machen. Zudem ist eine Unterstützung durch den Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen sinnvoll. Auch die Selbstmedikation von Patienten – etwa mit Cannabiskraut (Marihuana) oder Cannabisharz (Haschisch) –solle straffrei gestellt werden, um Kranke nicht weiter zu kriminalisieren. Eingeschlossen in die Forderungen ist auch der illegal(isiert)e Hanf-Eigenanbau. Ob es sich bei Dr. Schnelle um einen Mitstreiter handelt? Bedingung für eine straffreie Selbstmedikation müsse sein, dass ein Arzt diese als „medizinisch sinnvoll“ empfehle.
Allerdings darf das nicht als Freiflug zu den Stränden der Gesundheit und erst recht nicht als Höhenflug ins Kifferparadies aufgefasst werden. Cannabis-Präparate stellen keinen vollständigen Ersatz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu bisherig verabreichten Medikamenten dar. „Es geht uns nicht um eine generelle Legalisierung von Cannabis, sondern um den rein medizinisch-therapeutischen Nutzen“, betonte Schnelle, der am Berliner Institut für onkologische und immunologische Forschung arbeitet.

Der Hintergrund: In Mannheim war vor einigen Monaten ein an Multipler Sklerose erkrankter Mann vom Amtsgericht freigesprochen worden. Er hatte zur Schmerzlinderung verbotene größere Mengen an Haschisch und Marihuana besessen. Auf staatlicher bzw. gesetzlicher Ebene wurden daraus jedoch erneut wieder keine Konsequenzen gezogen. Mit der ebenfalls an MS erkrankten Clare Hodges (Alliance for Cannabis Therapeutics/Großbritannien) fand sich demnach eine Repräsentantin dieser Kategorie von Betroffenen auf dem Kongress.

Der aus Hanf synthetisierte Wirkstoff Dronabinol wird nach Angaben des Kongresses bei einer Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt. Grob zusammengefasst und in verständliche Worte komprimiert: Es wird verwendet bei z. B. chronischen Schmerzen, Nervenerkrankungen sowie Appetitlosigkeit bei Aids, Krebs oder Hepatitis (Leberentzündung). Mittlerweile ist es aber auch in Tropfen-Form erhältlich. Berauschende, möglicherweise von Kiffern erwünschte Effekte bleiben nach Einnahme eher aus, da die verwendeten Dosen unterhalb der Cannabis-Rauschschwelle liegen. Beim letztjährigen ersten Kongress äußerte sich jedoch eine Probandin, bei der 1985 Unterleibkrebs festgestellt wurde: „14 Jahre lang hatte ich Schmerzen. Opiate konnte ich wegen allergischer Reaktion nicht nehmen. Als ich in der Charite Cannabis-Kapseln bekam, stellte sich der Erfolg sofort ein!“, sagte die Frau. Sie nehme die Kapseln abends ein, sodass sie Nebenwirkungen wie leichter Schwindel, leichte Müdigkeit und auch leicht gehobene Stimmung „einfach verschläft“. Der Großteil der Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium bevorzugt weiterhin eher den Extrakt aus der ganzen Pflanze (zur Bekämpfung von Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Brechreiz).
Deutsche Krankenkassen sind weiterhin nicht zur Kostenübernahme verpflichtet. Sie könnten, wenn sie wollten, aber sie tun es nicht. So verweigern viele die Kostenübernahme mit dem Hinweis, bei Dronabinol handele es sich um keine arzneimittelrechtlich zugelassene Substanz, sagte Schnelle. Der Wirkstoff ist also „verschreibungsfähig“ und zugleich „verschreibungspflichtig“. Das heißt: würde eine Person kontrolliert und bei jener pharmazeutisch hergestelltes THC gefunden werden, so müsste jene Person (per Rezept, welches nur vom Arzt ausgestellt werden kann) nachweisen, dass sie auf Dronabinol angewiesen ist.

Was in Deutschland (noch) verboten bleibt, ist in den USA längst in den Wirtschaftszyklus integriert. Dronabinol ist dort unter dem Namen Marinol zugelassen. Es handelt sich dabei um den fabulösen, den Lesern dieser Gazette geliebten, in Sesamöl gelösten und in Kapseln verpackten Hauptwirkstoff des indischen Hanfs, T-H-C.

Als neues (ebenfalls rauschloses, obwohl nebulöses) Produkt präsentierte der britische Anästhesist William Notcutt ein Cannabis-Spray, das in Großbritannien voraussichtlich 2004 über den britischen Pharmaproduzenten GW Pharmaceuticals auf den Markt kommen werde. Das Medikament werde in den Mund unter die Zunge gesprüht. Anders als beim Rauchen von Cannabis löse es als Spray nur einen minimalen Rauschzustand aus. Nach drei Jahren klinischer Studien mit mehr als 500 Patienten habe sich das Spray bereits nach 20 bis 40 Minuten als deutlich schmerzlindernd erwiesen. Zum Teil hätten bereits erfolglos (mit anderen Medikamenten) „aus-therapierte“ chronische Schmerzpatienten wieder ihren Beruf aufnehmen können. Im Mai 2003 hat die deutsche Pharma-Firma Bayer die Vermarktungsrechte für dieses Spray erworben.


In den Niederlanden können seit Anfang September Patienten in den Apotheken Marihuana legal erwerben. Damit bleibt (medizinisch bedingten) bedürftigen Menschen künftig der Weg zum Coffee Shop erspart, um Vorkehrungen für den Winter zu treffen und sich für die kalte Jahreszeit einzudecken. Doch bis man Dope in der Hausmittelchen- oder Tee-Abteilung eines Supermarktes zu erhaschen vermag, dauert es wohl noch eine Weile. Die Verantwortlichen in den Niederlanden sprechen von einer Weltpremiere. Das Haager Ministerium für Volksgesundheit geht davon aus, dass in einer ersten Phase zwischen 4.000 und 7.000 Personen von dieser Möglichkeit Gebrauch machen und in Zukunft in etwa 15.000 Kunden Marihuana auf Rezept gebrauchen werden. Unklar ist vorläufig auch, ähnlich wie in den Nachbarstaaten, ob der Kauf von Marihuana durch die Krankenkassen vergütet wird oder nicht.
Neben der belgischen Pharmagruppe Omega Pharma ist auch das Institute of Medical Marijuana (Simm) mit der Belieferung Niederländischer Apotheken beauftragt worden. Das Produkt „Simm-18“ kostet 44 Euro je fünf Gramm. Für die etwas stärkere Sorte mit dem Namen Bedrocan müssen sechs Euro mehr je fünf Gramm auf den Tisch gelegt werden. Damit liegt der Verkaufspreis deutlich höher als in den Coffee Shops, wofür die gleiche Menge lediglich ein Viertel der erwähnten Preise bezahlt werden muss. Da stellt sich einem doch die Frage, ob man weiterhin den „Dealer“ mit dem kleinen Kurs oder ob man zu dem mit dem hohen Kurs wechseln sollte. Es wird allerdings unterstrichen, dass die Produkte in den Apotheken gemäß genau festgelegten Richtlinien produziert werden. In Labors wird das Mittel nach Regierungsangaben auf Pestizide, Schwermetalle und auf seine mikrobiologische Qualität kontrolliert. Die Medikamente werden von zwei niederländischen Cannabiszüchtern produziert und über das staatliche Büro für medizinale Verwendung von Cannabis (BMC) als Großhändler an die Apotheken geliefert.
Eine andere niederländische Stiftung (PMM), die nach eigenen Angaben bisher jährlich 5.000 Patienten mit Cannabis versorgt hatte, musste jetzt ihre Tätigkeit einstellen. Jene Stiftung hat die staatliche Initiative heftigst kritisiert. Die amtlichen Preise seien viel zu hoch, meinte ein PMM-Sprecher. Zudem sei es bedauerlich, dass Krankheiten wie Rheuma, Migräne und Alzheimer nicht berücksichtigt werden sollen.

Ob Anti-Smoke-Propaganda oder nicht: Jedenfalls rät eine Dronabinol-Produktions-Firma den Konsumenten davon ab, Marihuana zu inhalieren. Es sei gesünder und deshalb besser, einen Cannabis-Tee zuzubereiten. Weniger problematisch als das Rauchen wird auch die Einnahme von Marihuana mit dem Essen bezeichnet (Kapseln).

In Deutschland hingegen sind und bleiben die Hanf-Produkte Marihuana und Haschisch verboten, obwohl die ätherischen Öle jener Pflanze seltsamerweise von der Pharma-Industrie über kurz oder lang in der medizinischen Praxis etabliert werden sollen. Der Besitz „geringfügiger“ Mengen kann in den meisten Bundesländern straffrei ausgehen, da (je nach Gesinnung von Richter und Staatsanwaltschaft) die Anklagen fallen gelassen werden können, das aber nicht müssen. Das hat man nun von dieser eindeutigen Mehrdeutigkeit der Bezeichnung „geringfügig“.

Europäisch betrachtet sollen sich dem Vernehmen nach auch Belgien, Luxemburg und Deutschland für einen allfälligen Verkauf von Marihuana in Apotheken interessieren. Vielleicht können dann die Cannabis-Gegner den Weg von der Droge Cannabis zu einem Heilmittel nachvollziehen. Denn immerhin war es das sogar schon seit 4.000 Jahren bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, bis durch ungünstige Umstände (Kriege, Anti-Cannabis-Lobbies, Medien) ein negatives Image in der westlichen Gesellschaft konstruiert wurde.


Adam Zawadski
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